ND: Sie treten als ehemalige Kindersoldatin gegen die Rekrutierung von Kindern in Kolumbien ein. Warum tun Sie das?
Für mich ist es wichtig, die Situation in Kolumbien und unsere Arbeit darzustellen. In Kolumbien selbst ist der Tag gegen den Einsatz von Kindersoldaten recht bekannt. Allerdings gibt es bei uns nur wenige Organisationen wie »terre des hommes«, die diese Aktion unterstützten.
Engagiert sich die Regierung Kolumbiens gegen die Rekrutierung von Kindern durch die bewaffneten Gruppierungen?
Wenn man den Aussagen der Regierung glaubte, müsste man die Frage bejahen. Wenn man aber sieht, was faktisch passiert, wenn Kinder und Jugendliche der Guerilla oder den Paramilitärs den Rücken kehren, muss man sie verneinen. Es gibt einfach zu wenig Unterstützung.
Die Regierung bietet demobilisierten Kämpfern der Guerilla und der Paramilitärs Unterkünfte und etwas Startkapital an. Gibt es für Kindersoldaten ein spezielles Programm? Welche Form von Unterstützung fehlt?
Die psychosoziale, die psychologische Betreuung, die Unterstützung beim Entwurf einer Perspektive, die gibt es nicht. Doch genau das ist entscheidend für Kinder und Jugendliche.
Sie stammen aus dem Süden Kolumbiens und wurden von der FARC, der größten Guerillaorganisation, rekrutiert. Wie lief das ab?
Es war nicht ungewöhnlich, wenn eine Kolonne bei uns auf der Farm vorbeikam, auf der ich mit meinen Geschwistern bei den Großeltern und anderen Verwandten aufwuchs. Wir Kinder mussten viel arbeiten und wurden schlecht behandelt. Eines Tages, ich war elf Jahre alt, war das ganze Haus voller FARC-Guerilleros, als wir von der Arbeit kamen. Sie schlugen meiner Tante, die war ein Jahr älter als ich, und mir vor, sie zu begleiten. Wir willigten ein, denn wir hielten es zu Hause nicht mehr aus, weil wir immer arbeiten mussten und geschlagen wurden. Die Guerilleros versprachen uns gute Behandlung und forderten uns auf, gegenüber dem Comandante zu behaupten, dass wir mindestens 15 Jahre alt seien. Das taten wir, und wenig später waren wir aufgenommen.
Ist es für ein elfjähriges Mädchen nicht schwierig, in einem Camp der Guerilla klarzukommen?
Das hängt sicherlich auch davon ab, bei welcher Kolonne man landet. Ich selbst bin mit den Regeln im Lager der FARC gut zurechtgekommen und habe keine Schwierigkeiten gehabt. Obendrein war ja auch mein Tante Jazmín da. Die wurde allerdings später in einem Gefecht mit der Armee getötet. Das hat mich sehr getroffen.
Gibt es Jugendorganisationen, die gegen die Rekrutierung von Kindern Front machen?
Coalico ist ein Netzwerk, bei dem auch Jugendliche mitarbeiten, um die Rekrutierung von Kindern zu verhindern..
Wie fühlen Sie sich heute nach all diesen Erfahrungen?
Heute weiß ich, dass ich letztlich um meine Kindheit betrogen wurde. Das habe ich aber erst im Laufe der Jahre entdeckt und dabei hat mir die Kunst, das Theater, sehr geholfen. Ich habe gelernt, mich auszudrücken, habe mich selbst entdeckt und langsam begriffen, was ich getan habe. Heute versuche ich, Kinder und Jugendliche davor zu bewahren, die gleichen Erfahrungen zu machen.
Fragen und Foto: Knut Henkel
* Der Name wurde geändert, die Angst vor Vergeltung ist noch wach.
Aktuelle Ausgabe: 24.05.2012
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