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Von Stefan Wogawa 15.02.2010 / Inland

Lieberknecht auf Althaus' Spuren

Thüringen: Bundesverdienstkreuz für christlichen Fundamentalisten

Das Bundesverdienstkreuz geht im Freistaat an Reinhard Haupt. Der Wirtschaftsethiker bekennt sich zu einer Anschauung, die die Evolution entschieden zurückweist.
Das Kreuz – auch für die Kreationisten ein heiliges S
Das Kreuz – auch für die Kreationisten ein heiliges Symbol.

Thüringens Ministerpräsidentin Christine Lieberknecht (CDU) hat einem emeritierten Hochschullehrer der Universität Jena, der sich für eine evangelikale Vereinigung engagiert, das Bundesverdienstkreuz am Bande überreicht. In der Begründung wird ausdrücklich betont, der Wirtschaftswissenschaftler Reinhard Haupt habe sich neben der Tätigkeit als Professor vielfältig engagiert, so »als Leiter der Abteilung für Wirtschaft und Ethik in der Studiengemeinschaft Wort und Wissen«. Haupt sei jemand, der durch »vorgelebte christlich-soziale Werte das Gemeinwohl fördert«.

Die »Studiengemeinschaft Wort und Wissen« ist ein evangelikaler Verein, der sich der wörtlichen Bibelauslegung verpflichtet fühlt und durch Angriffe auf die wissenschaftliche Evolutionstheorie und das Eintreten für die biblische Schöpfungslehre (Kreationismus) von sich reden macht. Lieberknechts Vorgänger Dieter Althaus (CDU) hatte im Herbst 2005 bundesweit für heftige Kritik gesorgt, als er den Kreationisten Siegfried Scherer zum »Erfurter Dialog« der Staatskanzlei einlud, um »verschiedene Theorien zur Entstehung des Lebens« zu debattieren. Scherer war zu dieser Zeit Vorsitzender von »Wort und Wissen«. Landtagsopposition und biologische Fachverbände warfen Althaus daraufhin vor, die Staatskanzlei fördere mit Steuermitteln religiösen Fundamentalismus. Die Einladung an Scherer wurde zurückgezogen.

Das Bundesverdienstkreuz wird offiziell vom Bundespräsidenten verliehen, formelle Ordensvorschläge stammen von den Regierungschefs der Bundesländer, in denen die Anwärter leben. Das Verdienstkreuz am Bande stellt die zweite Stufe der Auszeichnung dar, bei Erstverleihungen – wie bei Haupt – die maximale Stufe.

Nach Angaben von »Wort und Wissen« werden von den Mitgliedern die biblischen Schilderungen der Urgeschichte »als historisch zuverlässig betrachtet« und diese als »wirkliche Beschreibungen grundlegender Ereignisse der Schöpfung und Urzeit« verstanden. Es handele sich um Texte, die »bezüglich ihrer Aussagen über die Natur zutreffend sind«. Zurückgewiesen wird von »Wort und Wissen« die Ansicht vieler Christen, Gottesglaube und Evolutionstheorie seien vereinbar.

Der Weitergabe intern erarbeiteten Materials, von »Wort und Wissen«, auch »Denkhilfen« genannt, misst man »eine zentrale Bedeutung« bei. Zu den Aufgaben des Vereins gehöre »die Erstellung von Materialien für den Unterricht«. Hinsichtlich der im vergangenen Jahr erschienenen Broschüre »Darwins Rätsel« wird dazu aufgerufen: »Schenken Sie das Buch Ihren Kollegen, Nachbarn, Freunden, den Lehrern Ihrer Kinder!«

Reinhard Haupt bekennt sich öffentlich als evangelikaler Christ. In einem Text für eine einschlägige Internetseite hat er Aspekte seiner Wirtschaftsethik formuliert: Durch »eine Erwartungshaltung an den Staat nach Wachstum und Wohlstand, nach Fürsorge und Vorsorge« sehe er »moralische Normen verletzt«. In der Auseinandersetzung um die Einladung an Scherer bezeichnete sich Haupt in einer Studentenzeitung als ein »der Schöpfungsforschung Nahestehender« und kommentierte, beim Konflikt zwischen biblischer Schöpfungslehre und der Evolutionstheorie handele es sich um eine »Fachauseinandersetzung«. Angesichts der Ausladung von Scherer sprach Haupt von einem »Denkverbot«.

Uwe Hoßfeld, Professor für Biologiedidaktik in Jena und seinerzeit Teilnehmer am neu konzipierten »Erfurter Dialog«, hält es für »eher unglücklich, dass bei der Auszeichnung von Professor Haupt dessen Engagement bei einer wissenschaftsfeindlichen Institution, die behauptet, die Erde sei 10 000 Jahre alt, eine solche Rolle spielt«. Das werte tatsächliche Verdienste von Haupt, den er dennoch zur Auszeichnung beglückwünsche, ab. Der Vorgang führe bei Biologielehrern und Lehramtsstudenten zu Irritationen, so Hoßfeld. Von der Thüringer Staatskanzlei und dem SPD-geführten Wissenschaftsministerium waren bislang keine Stellungnahmen zu erhalten.

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