Von Marion Pietrzok
16.02.2010

Immer falsch

Wettbewerb: »San Qiang Pai An Jing Qi«

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Ach, gäbe es doch ein frisches Wort für das abgenutzte »fulminant«! Das würde treffend die erste Szene beschreiben. Wie da der Chef einer Karawane von Persern mit einem wirbelnden Schwert in der Nudelküche ein Bündel aufrecht im Gefäß stehender Nudelstangen köpft, das hat man so noch nirgendwo gesehen. Die im Berlinale-Wettbewerb laufende Fassung des in China in längerer Version gezeigten neuen Films von Zhang Yimou heißt nicht umsonst so hübsch rhythmisch »A Woman, A Gun and A Noodle Shop«.

Eine Frau: die des geizigen Noodle-Shop-Betreibers. Eine Pistole: »Die stärkste Waffe der Menschheit, die größte Erfindung der Welt.« Die Frau begreift das blitzschnell und kauft sie zwecks Einsatz gegen den Ehebund. Weil nämlich der schon ältere sackschwere Ehemann die junge schöne Frau täglich drangsaliert – sie gebiert ihm keinen Sohn –, hegt das selbstbewusste Lebenslustpaket eine heimliche Beziehung zum jungen Koch. Der: ein zitterndes Angstbündel, seit er weiß, welch harte Strafe auf Ehebruch steht. Die Pistole nun ist der Unterpfand dafür, sich jederzeit wehren zu können. Dem Patriarchen wird wenig später tatsächlich entdeckt, dass er ein Gehörnter ist. Da kauft er sich einen Killer – 15 Geldschnüre für den Auftrag. »Der Marktpreis eben« für ein Menschenleben. Der bezahlte Mörder in spe hat jedoch bald anderes im Sinn.

Zhang Yimou, einer der größten Regisseure der Welt – er gewann mit seinem Erstling »Rotes Kornfeld« 1988 den Goldenen Bären (»er veränderte mein Leben«) war vom Debütfilm der Coen-Brüder »Blood Simple«, den er in Cannes gesehen hatte, so beeindruckt, dass er die skurrile Geschichte über Morde, Verwechslungen mit tragischen Folgen, in Erinnerung behielt und im Wesentlichen des – einfachen – Plots und mit vielen Details wie Pistole, Tresor und selbst dem Schlusssatz »Ich werde es ihm ausrichten, wenn ich ihn treffe« übernahm. Ins Parodistische hob, mit Duft, Geschmack und greifbarer Sinnlichkeit versah und nach China in die Zeit der Yuang- und Ming-Dynastie verlegte. Ein mehr als gelungener Versuch, etwas Spaßig-Leichtes, einen neuartigen Genremix zu machen, ehe er sich wieder wie gewohnt einem schweren, ernsten Thema zuwendet. Sein nächstes Projekt soll eine Liebesgeschichte aus der Zeit der Kulturrevolution sein, basierend auf eigenen Erfahrungen.

Pünktlich zum chinesischen Neujahrsfest – das Jahr des Tigers beginnt – hatte der Film um eine schwache Frau, die am Ende die Stärkste ist, Berlinale-Premiere. Ähnlich wie die chinesischen Neujahrsfilme hat er den Charakter einer Farce. Die großartige Farbdramaturgie – jede Szene ein Gemälde in kulinarischen Farben – habe der Regisseur, so sagt er, sich von den traditionellen Neujahrskostümen abgeguckt, die das graue Land plötzlich ganz bunt machen. Aber Farbenpracht der allerschönsten Art war von jeher eins der Markenzeichen Zhang Yimous. Einzigartig das Farbenspiel der Landschaft. Das jedoch ist vergefundene Natur: ein Naturpark im Westen Chinas, hügelig, ohne jeden Baum und Strauch, ohne einen einzigen Grashalm, in sattem Braun, das unter wechselnden Himmeln immer anders gefärbt aufleuchtet. Unberührt bislang von jeglicher Filmkamera.

Die Komödie – mit sehr wenig Personal und fast noch weniger Dialogen – ist selbstverständlich kein Historiendrama. Sie ist die universelle, augenzwinkernde Feststellung, dass unser Leben unablässig von Absurdität beherrscht ist: So sehr wir auch glauben, gerade das Richtige zu tun, es ist das Falsche.

Ethan und Joel Coen haben das Remake ihres »Blood Simple« bereits gesehen, und es hat ihnen gefallen, schrieben sie dem Regisseur. Da hat Zhang Yimou offenbar nun doch nichts falsch gemacht.

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