Gut sind die Filme, die einem Luft lassen. Die dem Zuschauer die Freiheit erlauben, darüber zu spekulieren, welche Botschaften vermittelt werden, ob übertrieben wurde, ob das alles so sein kann ... »Shahada« von Burhan Qurbani, die erste Spielfilmproduktion der Berliner Firma bittersuess pictures, ist ein solcher Film. Eine frische Kinoproduktion, die zum Nachdenken und Diskutieren anregt, ohne pädagogisch, anklagend, verurteilend zu sein. Mit kleinen Spitzen – blonde deutsche Frauen in binationalen Ehen bauen gern nah am Wasser, hübsche deutsche Jungs, die in Großküchen arbeiten, wissen noch lange nicht, wie man richtig nigerianisch isst – und trotz trauriger Themen mit Humor ist »Shahada« eine Anleitung, den Alltag zu begreifen, ohne sich von ihm unterkriegen zu lassen.
Anders als die zahlreichen »Problemfilme«, die mit ihrer Auseinandersetzung oder manchmal nur Darstellung von Konflikt, Kriegsfolgen, Leid, persönlichem Versagen und gelegentlicher Neigung zur Psychologisierung, zumindest in der Wahrnehmung der Kritiker und Zuschauer den diesjährigen Wettbewerb dominieren, zeigt »Shahada«, dass man mit dem ganz banalen Alltag, der ganz realen Normalität des Lebens auch leicht, neu, durchaus auch manchmal imperfekt und ungemein inspirierend umgehen kann. Muslima sein – und trotzdem ungewollt schwanger, Muslim sein – und trotzdem schwul, Imam sein – und trotzdem tolerant: das geht, das gibt’s, das muss so sein.
»Shahada« bezieht sich auf die erste Säule des Islam – das Glaubensbekenntnis. Es ist jedoch kein Film über Religion, sondern ein Plädoyer gegen Schubladendenken und über das Menschsein. »Shahada« erzählt aus dem Leben von Ismail (Carlo Ljubek), Samir (Jeremias Acheampong) und Maryam (Maryam Zaree), drei Muslimen in Berlin, deren Wege sich im Fastenmonat Ramadan mal sichtbar, mal unsichtbar kreuzen. Sie alle erleben Tragödien und finden Lösungen. In einer aufgeklärt-gelassenen Haltung gegenüber ihrem Glauben, der, so zeigt dieser Film überdeutlich, eine ganz private, persönliche Sache ist. Im Versuch der Abgrenzung gegenüber den Eltern, die sich mit ihrer Rolle da zu sein, ohne wirklich helfen zu können, begnügen.
Ein Erstlingswerk als Festivalbeitrag, nicht im Forum sondern im Wettbewerb: Das ist eine ungewöhnliche Entscheidung, die sich als sehr richtig erweist. Vermutlich finden Experten hier und da handwerkliche Schwächen, die eine Arbeit von Hochschulabsolventen möglicherweise hat. Aus der Perspektive der Zuschauerin aber dominieren eindrückliche Bilder, ein sensibler Soundtrack, die dezente Anspielung auf Berlin, ohne den Anspruch, diese Geschichte(n) könnte(n) nur in dieser Stadt spielen. Ein Film, der authentisch daherkommt und Wahrheiten vermittelt.
»Wir wollen Filme machen, die vom Publikum weiterempfohlen werden«, erklären selbstbewusst die Produzenten. »Shahada« empfehle ich gern weiter. Und da man ja spekulieren darf, wer denn am Sonnabend einen Bären bekommen könnte, füge ich hinzu: »Shahada« ist mein Favorit.
Aktuelle Ausgabe: 24.05.2012
Preis: 100,00 €
Preis: 120,00 €
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