Migranten bewirtschaften gemeinsam fast 100 interkulturelle Gärten in Problemquartieren von 55 deutschen Städten. Die Piratenpartei fordert freien Zugang zu Wissen und möchte dafür Patent- und Urheberrecht reformieren. Immer mehr deutsche Kommunen wollen die Energieversorgung wieder in die Hände ihrer Stadtwerke legen. Die Beispiele zeigen, dass Gemeingüter wiederentdeckt werden.
Der Begriff »Gemeingüter« (auch Allmende genannt) beinhaltet nicht nur die Ressource, sondern auch die menschliche Gemeinschaft, die diese entwickelt, vermehrt und verteilt, wie auch die Normen und Regeln, die dazu aufgestellt werden, erläuterte Silke Helferich, Publizistin und Betreiberin der Webseite »commonsblog.de«. Früher wurden Gemeingüter häufig durch feudales und kapitalistisches Wirtschaften zerstört. Spätestens im 20. Jahrhundert mündete dieser Prozess in einen Zustand knapper und übernutzter Ressourcen – wie Nahrung, Wasser, saubere Luft –, die auch noch ungerecht verteilt sind. Und immer massiver werden die Versuche, den Zugang etwa zu bisher freiem Wissen zu blockieren und dieses zu verwerten.
Informationsforscher Rainer Kuhlen bemerkt in der Wissenschaft ein wachsendes Misstrauen gegen staatliche Regulierungsprinzipien. Ob Pharma-Patente, Kopierverbote, geschlossene Codes: »Die fetten Jahre sind vorbei.« Die Online-Enzyklopädie Wikipedia oder die Erstellung und Nutzung freier Software zeigten: Eine Wis-senallmende kann Wissen auch in größeren Gemeinschaften vermehren, die sich nicht im direkten Kontakt um einen Dorfanger scharen.
Neue Dynamik erhielt die Debatte um die Gemeingüter durch die Verleihung des Wirtschaftsnobelpreises 2009 an Elinor Ostrom. Die Politologin untersucht seit Jahren kleine Gemeinschaften, die auf Inseln, Almen oder in Oasen ihre begrenzten Ressourcen teils schon seit Jahrhunderten effizient und gerecht nutzen. Ostrom wies nach, dass die »Tragik der Allmende«, die Übernutzung aus egoistischen Interessen, nicht zwangsläufig eintreten muss. Sie warnt aber auch, dass es »kein Patentrezept« gebe, um Gemeingüter zu erhalten oder wieder anzueignen.
Wie eine solche Alternative zum aktuellen ökonomischen Modell aussehen kann, war auch bei der Veranstaltung der Heinrich-Böll-Stiftung umstritten. Der Publizist Matthias Greffrath sieht aktuell gute Chancen für eine gesamtgesellschaftliche Debatte über neue Wege zum Wohlstand. Besonders der Grundgesetz-Artikel 14, Absatz 2, wonach Eigentum verpflichtet und sein Gebrauch zugleich dem Wohle der Allgemeinheit dienen soll, scheint ihm neuer Betonung wert. Hier müssten aber nicht in erster Linie die Politik, sondern mündige Bürger aktiv werden, so der Tenor der anschließenden Debatte.
Einen Überblick zum Thema bietet der Bericht »Gemeingüter: Wohlstand durch Teilen«. Ihn gibt es als Download unter: www.boell.de/ navigation/wirtschaft-gemeingue-ter-report-commons-8626.html
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