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Von einem der auszog, das Abschreiben zu lernen

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Vorwort:

Die Literaturkritikerin Verena Auffermann wird im Kultur-Fernsehen zitiert. Als Vorsitzende der Jury der Buchpreisverleihung zur Leipziger Buchmesse verteidigt sie die Nominierung von Helene Hegemanns »Axolotl Roadkill«. Sie meint, der Vorwurf, Frau Hegemann habe, was sie geschrieben hat, nicht selbst erlebt, sei erstens kein Maßstab und zweitens, sei sie, Frau Auffermann, froh, dass Helene Hegemann, das Grauen, das ihr Text transportiert, nicht habe selbst erleben müssen.

Frau Auffermann irrt. Das Nicht-Erleben kreiden ihr nur jene an, die von Literatur nichts begriffen haben. Von Literatur nichts begriffen zu haben, ist allerdings kein Maßstab dafür, ob jemand das Wort ergreifen oder das Maul aufreißen oder die Stimme oder Einspruch erheben darf oder nicht.

Das tragende Argument gegen »Axolotl Roadkill« ist, dass Helene Hegemann, so gut oder schlecht sie es eben vermag, ihr Erfahrungs-»Defizit« durch Abschreiben kompensiert hat. Die Autorin hat ja keineswegs kopiert, sondern wohlweißlich umformuliert. Die Leistung des Umformulierens entspricht nicht dem, was die Kunstwelt als Leistung der Montage von Zitaten anerkennt. Auch wenn ich meine, dass es ihr eher schlecht als recht gelungen sei, kann ich dennoch akzeptieren, wenn andere das anders sehen.

Die Aussagen der Literaturkritik à la Verena Auffermann sind von einem grundsätzlichen Nicht-Wissen um die Probleme des sogenannten schöpferischen Prozesses geprägt: 1. Die Erfahrung des Schreibenden schließt das Wissen um das Nicht-Erfahrene ein. 2. Wer das Nicht-Erfahrene nur als Lücke begreift und die »Wissenslücken« mit mehr oder weniger kopierter Information zu schließen versucht, muss scheitern. 3. Wer beim Schreiben scheitert und es nicht merkt, liefert einen gescheiterten Text ab. 4. Heutzutage werden Verlagsverträge ja nicht für einen fertig abgelieferten, vielleicht noch zu lektorierenden Text aufgesetzt, sondern für Konzepte, Treatments, Stichproben, Ansätze, erste und zweite Kapitel; und dann muss alles sehr schnell gehen. Es bleibt keine Zeit, einen Text (wie sich selbst) ruhen zu lassen, das Verhältnis von Ich und Produkt zu reflektieren. 5. Es ist kein Sakrileg, das Material anderer zu verwenden. Dies gehört grundsätzlich zur Kunst. Auf einem anderen Blatt steht, die Illusion als Illusion kenntlich zu machen. Die Illusion war und ist nicht das Material des Malers, ihren Platz findet man unter dem Oberbegriff der Artistik, der angewandten Magie. Das Material des Malers ist, z. B., die Farbe. Jene Farben, die von allen gleichermaßen verwendet werden. Aus dem Umgang mit der Farbe vor allem resultieren Urteile wie Gut oder Schlecht oder »Hm, nicht uninteressant«.

Erstens:

Bis zu meinem fünfundvierzigsten Lebensjahr bin ich dreißig Mal umgezogen. Jedesmal wurden oder habe ich selbst Bücher in alte Koffer oder später Umzugskartons gepackt und meistens das gros auch eigenhändig wieder ausgepackt und in die überwiegend selbstgebauten Regale geordnet. Lyrik, Prosa, Essay, Kunst, Reihen und Erstausgaben der deutschen Romantik.

Dreimal umgezogen, sagt man, ist wie einmal abgebrannt. Aber noch immer, und vielleicht gerade deshalb, lebe ich auch die letzten zwölf Jahre wieder in meiner quasi Wort für Wort, Vers für Vers und Satz für Satz zuwachsenden Höhle, zwischen immermal wieder neu konstellierten altbekannten Bücherrückenreihen; lebe in dieser still sich blähenden Sprachblase wie der leibhaftige Schnittpunkt eines rhizomatischen Netzwerks von Themen und Motiven, ihren Klängen, ihrem Klingen, ihrem pausenlosen Nachhall. Und ich wundere mich, wie wenig es braucht, um die Wände minus Tür minus Fenster minus Tür zum Balkon eines achtundzwanzig Quadratmeter großen Zimmers vom Boden bis zur Decke mit Büchern zu füllen.

Ich bin kein offensiver Zahlenfanatiker, aber mehr als 12 mal 10 ein Meter lange Regalbretter zu je 50 bis 70 Büchern werden es nicht sein. Und ein Überhang von zirka 2000 verteilt sich auf handbibliotheksgroße Haufen, Stapel, Säulen, in »Fremd-Zusammenhängen« und als »Querschläger« auf Teppich- und Sofaecken, auf historische Fußbänke, der Bücher wegen am Funktionieren gehinderte Klapphockerleitern und im günstigsten Fall auf Beistelltische und alte Truhen. Nicht zu vergessen: ein Regal im Schlafzimmer, eines in unserem sogenannten leeren Zimmer und ein letztes, das verglaste, im Arbeitszimmer meiner Frau.

Und nun frage ich mich allerdings, ob es wahr sein kann, dass ich in den 18 000 Tagen seit meinem fünften Lebensjahr 9 .000 Bücher gelesen habe? Ganz zu schweigen davon, dass mir, während ich ob des Verhältnisses dieser Zahlen verzweifle, am dämmrigen Horizont der Jetztzeit eine Dunkelziffer aufgeht, die all dies außerdem noch additiv verwässert:

Das schmale Werk Novalis' vielleicht fünfmal gelesen, dreimal gelesen »Krieg und Frieden« von Tolstoi und Johnsons »Jahrestage«. Einiges von Goethe mindestens dreimal, mindestens zweimal dieses und jenes von Shakespeare, sicher zehnmal, auch um sie zu vergleichen, die verschiedenen Übersetzungen seiner »Sonette«, und immer und immer wieder und wieder aus den unterschiedlichsten Gründen die Gedichte von Marina Zwetajewa bis Inge Müler, von Heiner Müller bis W. H. Auden von A bis Z.

Zusätzlich ungezählte Krimis, die ich nach dem Lesen verschenkt habe. Hotelzimmerablenkungen, Urlaubspensionsbibliotheksbekanntschaften und die, wenn ich bei Freunden übernachtete, vor dem Schlafen aus dem Regal gefischten Gelegenheiten. Und – ich verdiene mein Geld als Typograf und Schriftsetzer – diejenigen Bücher, die ich während der Arbeit an diesen Büchern tatsächlich gelesen habe. Eben gerade erinnere ich mich an eine fünfzehnstündige Autofahrt von Frankfurt am Main nach Wien und zurück und an die fünfzehnstündige Hörfassung von Bulgakows »Meister und Margarita«. Und jetzt auch noch, dass ich als Zehnjähriger, während des einzigen längeren blinddarmbedingten Krankenhausaufenthalts meines Lebens das sechsbändige Epos Liselotte Welskopf-Henrichs, »Die Söhne der Großen Bärin«, las und es später den Kindern vorlas - auch das mehreren mehrmals. Und außerdem, dass, als ich 1979 Häftling in Luckau war, mein »Held der Lesearbeit«-Porträt ohne weiteres an die arbeiterfahnenrot ausgeschlagene Wandzeitung vor die vergitterte Bibliothek eine Etage über der Liebknechtgedächtniszelle gepinnt gehört hätte.

O und ach, Pumpe halt ein, Gehirn schaff' ihn ran, nur um kurz zu entspannen, den ins amateurige Pfeifen übersetzten Ohrwurm, den unvergesslichen Schlager, den evergreenigen Simpel von einst oder eben erst heute Morgen. Nichts, nichts wird vergessen werden: auch nicht die Texte, die ich schrieb, während ich sie schrieb, las und später vorlas für Lohn und für ohne Lohn. Und wenn nicht jetzt, dann eben morgen: die über mich und die über andere. Das schlägt sich nieder. Wo auch immer. Das kommt zurück. Das greift als Sein oder als greifbares Nicht-Sein ins Leben ein.

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Sascha Anderson

Wie das? Weil der Mensch, was er gern Vergessen nennt, nicht vergisst, sondern sortiert, ein- und auspackt, ein- und umräumt und immer so weiter, bis dass der Tod nichts tut, als ihn von all dem zu trennen.

Zweitens:

Als ich dreizehn, vierzehn Jahre alt war, las ich eines der von meinem Vater abbonierten schwarzen Bücher der Spektrum-Reihe (Verlag Volk & Welt, Berlin), die seit drei Jahren, über dreihundert Stück stark, doppelreihig in meinen Regalen steht. Und in diesem einen las ich eine Geschichte, in der ein Kommissar und eine Katze vorkamen/-kommen. Ich schrieb die Geschichte, die mich, ich weiß heute nicht mehr warum, schwerstens beeindruckt hatte, mit in Maßen anderen, mehr oder weniger »eigenen« Worten ab. Ich hielt diese, von mir »ab-geschriebne« Geschichte für eine von mir geschriebne Geschichte. War es vielleicht auch. Zumindest und immer mehr im Zusammenhang mit den am Ende desselben Jahrzehnts aufkeimenden Theorien zum Text, zur Kunst und so weiter. Ich habe diese (meine) Geschichte den engsten Schulkameraden zu lesen gegeben …

Zugeschissnes Gedächtnis (nicht das meiner Bücherregale, in denen Folgendes keinen Platz hat): Ich habe – auch ich war noch nicht ganz achtzehn (siehe H. H.) – einem im Geiste Verwandten ein Gedicht W. Biermanns als ein von mir geschriebenes abgeschrieben. Scheiß drauf, Nico. Wir waren damals beide wenigstens klug genug, mir nicht zu glauben. Aber glaub mir, Helene, ich weiß nach vierzig Jahren noch, um welches Gedicht es sich handelte. Auf Deutsch: Der Reichtum überschriebenen Lebens ist unerträglich – und zwar für immer.

Drittens:

Es gibt eine Regel, im Theater unserer Väter noch etwas altertümlich »Vereinbarung« genannt: Alles, was du schreibst, hat mit dir und mit keinem anderen etwas zu tun zu haben. Denn das Ich konstituiert sich ja auch im unendlichen Spiegel dieses Ichs. Durchdringenden. Im Theater ist das relativ leicht, und in den klassischen Theater-Familien noch leichter als leicht: Sei in der Kantine oder in der Küche zu Hause, zur Not auch im Bett, einfach der, den du gerade auf der Bühne darstellst, dann kann dir nichts passieren. Das ist zynisch, aber es funktioniert. Den langen »Schatten», den sprachlos gebrochenen Glauben, haben immer die Kinder am Hals. Siehe James Krüss' »Tim Thaler oder das verkaufte Lachen« oder Chamissos »Schlemihl«.

Fürs Leben gesprochen (quasi als §1 der Literatur) aber heißt es, sich selbst zu differenzieren, mein und dein aus dir zurückzugewinnen. Das kann kein Kind und schon gar nicht, wenn es aus einer Familie kommt, in der Theater gespielt wird, als ginge es darum, dem Originellen das Originale abzutrotzen, will heißen, Kunst und Leben permanent zu verwechseln. Das offenbart sich wie im Fall »Axolotl Roadkill« oder, um bei mir zu bleiben, eben keineswegs in der von der Literaturkritik so geliebten Frühreife und der damit anachronistisch verbundenen Wucht existenziellen Ausdrucks, sondern produziert das genaue Gegenteil: Spätentwickler, altkluge Versager auf ethischem Terrain, von einem Minimalzynismus à la Harald Schmidt transportierte pointensüchtige Dauerpubertät.

Kurz gesagt: Einsamkeit und Aufsplitterung in der traurigen Masse, z. B., der vom Ich befreiten Auflage. Ach ja, Herr Schmidt, der in seiner Show die Entrees zur wörtlichen Rede in »Axolotl Roadkill« zu loben abhob. Die sind in Wolf Haas' Brenner-Büchern so wunderbar eingesetzt und ausgereizt, dass man's selbst versuchen möchte, wenn es nicht so lächerlich plagiert wirkte – losgelöst von der göttlich über der Handlung stehenden »Kleinen Mann im Ohr»-Stimme dieses wunderbaren Autors.

Die aktuellen Kunsttheorien (vor allen die des Theaters) leiden, denke ich, daran, dass sie nachgeschobene sind, sich der aktuellen Sprache mächtig gebärden, tatsächlich jedoch hohl tönen. Dass sie demzufolge aus dieser Hohlheit eine, in dem Fall immerhin originale Theorie (siehe Inhalt gleich Form, Sein gleich Schein usw.) ableiten, erhebt sie ins Reich menschelnder Maschinerie. Und das genau ist auch das Traurige an diesem Spiegelspiel.

Remix-Theorien funktionieren nur nach innen als solche, nicht nach außen. Sie funktionieren nicht ohne einen vom Fluidum der Raumzeit gesättigten Wert der Erfahrung. Remix ist der Gipfel des Könnens, nicht der Stoff, aus dem dritte Semester schöpfen wie aus dem Sentimentalischen Friedrich Schillers. Remix ist nicht Teil der Artistik, sondern Teil der Erkenntnis. Remix ist vorrangig Leben, nicht Kunst. Wäre Kunst derart und per definitionem angewandtes Leben, dann wäre sie Lüge.

Nein, nicht die Kunst lügt, denn das Ich verteilt sie als Last auf die breiten Schultern der Vielzahl ihrer, z. B., Romanfiguren, und die Lüge ist als solche immer das, was gerade vorbei ist. So wird sie wahr und ist in Wahrheit Selbstbetrug.

Viertens:

Tut mir leid, Helene, aber an dieser Stelle kann ich mich – damit es nicht zu dem »Missverständnis« kommt, dieser Text handelte von Kunst – nur noch von mir und niemand anderem als mir selbst verabschieden.

Sascha Anderson, geb. 1953 in Weimar. Lebte seit 1981 als freier Schriftsteller in Berlin und war ein bedeutender Protagonist der Künstlerszene im Prenzlauer Berg. Heftige Anfeindungen, als sich Anfang der 90er Jahre herausstellte, dass er auch für das Ministerium für Staatssicherheit tätig war.

Lebt seit 1998 in Frankfurt am Main. Zuletzt veröffentlicht: »Totenhaus. Novelle« (2006), »Crime Sites. Nach Heraklit« (Gedichte und ein Essay, 2006), »Da ist … 33 Gedichte über Kunst oder Leben« (2008), alle Gutleut Verlag Frankfurt am Main & Weimar.

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1 Kommentar zu diesem Artikel

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  • Coco, 26. Feb 2010 17:20

    Happyhour für Axolotl

    Sascha Anderson ist hier also in seinen spirituellen Welten unterwegs.
    Sein Imponiergehabe soll die Verfasserin von Axolotl wachrütteln. Oder will er sie wachküssen ?
    Was auch immer...
    Es ist lustig, dass Helene Hegemann an einem Wesen wie Sascha Anderson genesen soll.
    Seine wechselnden Gemächer in den verrauschenden Zeiten sollen irgendetwas mit dem Axolotl zu tun haben, das vor kurzem das Licht der Spaßgesellschaft erblickte... und wenn ja, was?
    Warum erzählt er uns was von seinem literarischen Leben?
    Und was will er uns damit sagen?
    Dass er auch schon den bösen Darkroom betreten hat und was geklaut hat.
    Na fein. Immerhin hat Agent Sascha seine Freunde bespitzelt und das Ganze eine ganze Weile für sich behalten.
    Ich halte Helene Hegemann für einen Geschmacksverstärker unserer Zeit.
    Halbsynthetisch, subtil bedrohlich für unsere grauen Zellen (wegen der bösen Inhaltsstoffe) und und alles ist sowieso nur aus dem Labor geklaut.
    Helene ist ein Kind unserer Nudelsuppenkultur, nicht authentisch, dafür aber um so nachhaltiger.
    Mein lieber Sascha, um in diesem Bilde zu bleiben, da kann ich sie nur mit den knochentrockenen Nudeln in der Fünfminutenterrine vergleichen, aber ohne die übrigen Zutaten.
    Nette Prenzlberggrüße
    von Uri

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