Sprungmarken: Inhalt, Navigation.
Suchen auf neues-deutschland.de:

Erweiterte Suche

Sind die Missbrauchsfälle in der katholischen Kirche auf den Zölibat zurückzuführen?

1
Hubertus Mynarek

Menschsein des Priesters ist eingeschränkt

2
Martin Lohmann

Von Hubertus Mynarek

Ich beantworte diese Frage mit einem klaren und eindeutigen Ja. Wenn katholische Bischöfe und Theologen diese Frage fast ausnahmslos mit einem kategorischen Nein beantworten, dann ist das Strategie, Taktik, Apologie, ja alles Mögliche, nur nicht die Wahrheit.

Man stelle sich vor, Amtsträger der römisch-katholischen Kirche bejahten einen ursächlichen Zusammenhang zwischen Zölibat und sexueller Gewalt gegen Kinder und Jugendliche. Ein Bischof, der das täte, würde vom Vatikan in den Ruhestand geschickt oder man stellte ihm einen Koadjutor zur Seite, der ständig auf ihn aufzupassen hätte und vor allem jede weitere der Amtskirche nicht genehme Äußerung dieses Bischofs unterbinden würde. Für einen Theologen, der die Missbrauchsfälle mit dem Zölibat in Verbindung brächte, wäre eine weitere Kirchenkarriere ausgeschlossen. Sollte er sich habilitiert haben und sich um eine theologische Professur an einer deutschen oder österreichischen Universität bemühen, bekäme er die Genehmigung, das »Nihil obstat« des Bischofs, mit Sicherheit nicht. Und in unserer kirchenstaatlichen Realität ist es nun einmal so, dass sich auch jeder Kultusminister an den negativen Bescheid des Bischofs zu halten hat.

Nicht bloß Bischöfe und Theologen, sondern überhaupt alle von der katholischen Amtskirche in irgendeiner Weise Abhängigen können es sich gar nicht leisten, den Zölibat für die Misere der Missbrauchsskandale mitverantwortlich zu machen.

Ist doch der Zölibat – also die Priestern und Ordensleuten diktierte Ehelosigkeit und das darauf gründende Verbot alles Sexuellen – ein wesentlicher Strukturpfeiler und entscheidend wichtiges Symbol der total männlich hierarchisierten und organisierten Amtskirche. Darauf wollte und will weder sie noch einer der so »modernen« Päpste des 20. und 21. Jahrhunderts, auch nicht der so liebenswürdige Johannes XXIII., verzichten, wiewohl auf diese Weise ein fundamentales Menschenrecht der Priester mit Füßen getreten wird und zugleich der Heuchelei Tür und Tor geöffnet werden.

Dabei liegt der ursächliche Zusammenhang zwischen Zölibat und sexuellem Missbrauch von Kindern und unmündigen Jugendlichen auf der Hand. Jeder katholische Priester ist in einer wesentlichen Dimension seines Menschseins eingeschränkt, eingezwängt, eingekerkert, verletzt, frustriert. Die sexuelle Lebenskraft lässt sich zwar eine Zeit lang verdrängen, aber nie wirklich abtöten. Durch tausend und abertausend Poren jeder menschlichen Existenz bricht sie immer wieder durch, wenn auch in Form von unzähligen Masken und Metamorphosen, Ersatzhandlungen mit sexuellem Hintergrund und Perversionen. Übersteigerte Sexualwünsche, entstanden gerade durch längere Phasen der Unterdrückung der Libido, machen am Ende vor nichts Halt. Wen wundert es da, wenn die Schwächsten und Wehrlosesten die ersten und leichtesten Opfer des gegängelten und dann explodierenden Sexualtriebs von Hochwürden werden.

Es ist des Weiteren kein Wunder, dass kirchlich geführte Schulen, Kinderheime, Erziehungsinstitute und ähnliche Anstalten der primäre Ort sind, wo Kindern und Jugendlichen seitens der Geistlichen Gewalt, physische wie sexuelle, angetan wird. Die jungen Menschen sind hier der Macht der Vorgesetzten total ausgeliefert und diese selbst sind ja auch das Erziehungs- und Bildungsprodukt einer autoritären Kirche.

Meist sind es labile, infantile, sexuell unreife junge Männer, die ins Priesterseminar eintreten. Von der Atmosphäre und dem ganzen Bildungssystem des Seminars erhoffen sie sich die Stabilisierung ihrer Persönlichkeit. Sind sie heterosexuell eingestellt, dann erwarten sie in der Abgeschlossenheit des Seminars eine Stärkung ihres Willens, sich der »Versuchung durch das Weib« besser zu erwehren. Sind sie homosexuell veranlagt, dann vermuten sie, es werde in der monolithischen Männergesellschaft des Priesterseminars leichter fallen, mit anderen jungen Männern sexuelle Kontakte aufzunehmen.

In beiden Fällen kann es schief gehen und geht es meistens schief. Denn die Unreife, Unentwickeltheit, Instabilität ihres Charakters macht es diesen jungen Leuten schwer, eine eigene Identität zu finden und zu entfalten, macht sie verlegen, schüchtern, kontaktarm bis kontaktunfähig. Also vertrösten sie sich auf das Leben nach dem Priesterseminar, wenn die Augen der Vorgesetzten nicht unentwegt spionierend auf ihnen ruhen, sie dann wenigstens relativ frei als Seelsorger in den Pfarreien oder als Erzieher in kirchengeführten Instituten agieren können und es nun mit von ihnen Abhängigen zu tun haben.

Mehr oder weniger masochistisch haben sie Beobachtung, Druck und Autoritarismus, manchmal auch Ungerechtigkeiten, Benachteiligungen und Zurücksetzungen seitens der Vorgesetzten des Priesterseminars oder der Ordenskonvikte erduldet. Jetzt aber können sie mehr oder weniger sadistisch ihre Macht über ihnen Ausgelieferte ausüben. Es erfordert ja weniger Mut, sich an Halbwüchsige heranzumachen, als sich ausgereiften Identitäten Erwachsener in erotischer oder sexueller Absicht zu nähern.

Eines ist sicher: Hätte die Kirche den Mut, das abwegige, abstruse und absurde, heuchlerische und verlogene Zölibatsgesetz abzuschaffen, dann würde sich die Zahl der Missbrauchsfälle von Priestern an Kindern und Jugendlichen wesentlich reduzieren. Andernfalls wird die Welle der Skandale des Missbrauchs und der sexuellen Gewalt noch anschwellen und alle kirchlichen Autoritäten endgültig kompromittieren.

Natürlich wäre eine weitere Voraussetzung für eine Reduktion der Missbrauchsfälle die Einführung einer humaneren, freieren, menschenfreundlicheren und weniger autoritären Sexualmoral in die Bildungsmethoden und -systeme der Priesterseminare und Konvikte, der kirchlich geführten Schulen und Erziehungsheime insgesamt.

Hubertus Mynarek, geboren 1929, lehrte als Professor für Religionswissenschaft, Religionsphilosophie und Fundamentaltheologie an den Universitäten Bamberg und Wien. 1972 trat er als erster Theologieprofessor im deutschsprachigen Raum aus der katholischen Kirche aus. Er verfasste zahlreiche kirchenkritische Bücher. Zu seinen Veröffentlichungen zählen »Herren und Knechte der Kirche«, »Eros und Klerus«, »Casanovas in Schwarz« und »Jesus und die Frauen«.


Ein zu simples Erklärungsmuster

Von Martin Lohmann

Der Zölibat ist ein Reizthema. Eine Provokation. Ein Ärgernis. Jedenfalls für viele. Häufig vor allem für jene, die vom Zölibat selbst nicht »betroffen« sind. Über die Ehelosigkeit katholischer Priester wird gestritten. Mit Leidenschaft. Gerade jetzt, angesichts der Missbrauchsfälle bei Kindern und Jugendlichen. Wie automatisch fällt der Verdacht auf den Zölibat, der schuldig gesprochen wird. Geht es hier nicht zuvorderst um unterdrückte Sexualität, die sich fehlgeleitet ihren Weg im Missbrauch sucht? Ist letztlich nicht das »System« Kirche selbst schuld, wenn Kinder und Jugendliche auf perfide Weise missbraucht werden?

Aufklärung tut not. Vor allem jetzt und hier. Und dabei geht es darum, gleich mehrere Missverständnisse aufzudecken und zu beheben. Doch zuvor: Es ist ein schwerer Skandal, dass Priester Kinder sexuell missbraucht haben. Es ist eine schwere Sünde. Und es ist widerlich, dass in dieser katholischen Kirche all das so lange vertuscht und verdrängt wurde. Das geht jetzt nicht mehr. Zum Glück! Gut so! Auch wenn diese Umkehr für manche bitter ist und schmerzt: Sie ist notwendig. Buchstäblich. So paradox es klingen mag: Nur durch diesen erkennbaren Schaden für die Kirche insgesamt besteht die Chance, künftige Schäden zu vermeiden. Oder, um es in der Sprache der Kirche zu formulieren: Nur ein Bruch mit dem Verbrechen, nur ein jeweils persönliches Bekenntnis der Sünde durch den Sünder ebnet den Weg zur Freiheit und Erlösung.

Aufklärung 1: Die katholische Kirche ist kein System. Sie ist nach eigenem Verständnis die Gemeinschaft der sich zu Jesus Christus Bekennenden und besteht aus einzelnen Menschen, die sich um den Gottessohn versammeln und gemeinsam mit ihm ein Zeichen des Widerspruchs sein sollen. Sie sind berufen, die Frohe Botschaft zu verkünden und allen Menschen die Wahrheit von der Erlösung durch einen liebenden und verzeihenden Gott zu vermitteln, anzubieten. Sie sollen Boten der Klarheit und der Güte sein. Sie soll(t)en Botschafter des Vertrauens und der Angstfreiheit sein. Doch die Kirche besteht, weil sie eben kein »System« ist, aus Menschen, aus ganz normalen und fehlbaren Menschen. Das hat die Kirche nie geleugnet, das darf und kann sie nicht leugnen. Auch deshalb wurde und wird sie nicht müde, den, in dessen Auftrag sie unterwegs ist, als einen Verzeihenden und Barmherzigen zu verkünden. Dieser und niemand sonst ist für jeden Christen der letzte und eigentliche Maßstab. Schuldig werden bei Verfehlungen stets die einzelnen Personen, nicht die Kirche als solche. Aber sie hat den Einzelnen zu helfen, Reue, Vorsatz und Sündenbekenntnis ebenso möglich zu machen wie die Erfahrung von Vergebung.

Aufklärung 2: Nicht die Sexuallehre der Kirche ist schuld, sondern diejenigen, die wider diese Moral gehandelt haben. Der Versuch Einzelner, für das abscheuliche Verhalten von Geistlichen wenigstens teilweise die Sexuallehre der Kirche verantwortlich machen zu wollen, ist ebenso abwegig wie unlauter. Denn die Sexuallehre der Kirche hat den ganzen Menschen als Einheit von Körper, Geist und Seele im Blick. Hier geht es um Ehrfurcht und um die Erkenntnis, dass Gott den Menschen als Mann und Frau, die sich einander ergänzen, erschaffen hat. Die Kirche betont daher zu Recht die Kostbarkeit eines geordneten Sexuallebens, in dem Freiheit und Verantwortung gelebt werden. Und ihre Lehre ist wesentlich lebensbejahender als manche selbst ernannten Kirchenkritiker, die ihrerseits noch allzu sehr verklebt zu sein scheinen in einer säkularen Sexualleere (!), die sich mit Fleischeslust und allenthalben erlaubter Triebbefriedigung begnügen zu können glaubt und in niederer Erotik die Kostbarkeit wirklich verantwortlich gelebter Sexualität zu ertränken sucht.

Aufklärung 3: Der Zölibat ist eine alte, aber nicht bis in die Urkirche hineinreichende kirchliche Ordnung, die relativ spät aus Gründen der Disziplinierung geschaffen wurde und den Seelsorgern Freiheit und die notwendige Unabhängigkeit geben sollte. Der erste Papst, Petrus selbst, war verheiratet, was in der Bibel mit der Heilung seiner Schwiegermutter durch Jesus berichtet wird. Dieser wiederum war unverheiratet. Es handelt sich bei der priesterlichen, der klösterlichen und ordensgemäßen Ehelosigkeit nicht um ein Dogma, also nicht um eine unumstößliche Glaubenswahrheit, sondern um eine rechtliche Ordnung, die etwa mit dem Zugang zur Priesterweihe verbunden ist. Darüber lässt sich trefflich streiten.

Aufklärung 4: Es ist nicht der Zölibat, der letztlich Pädophilie fördert. Das belegen wissenschaftliche Untersuchungen, wonach zölibatär lebende Menschen 36 Mal weniger diesbezüglich auffällig werden als andere. Ganz abgesehen davon, dass manche unfairen Überlegungen so gut wie alle Priester unter einen bösen Generalverdacht stellen würden, und ganz abgesehen davon, dass Pädophilie und Homosexualität nun wirklich kein Spezifikum der katholischen Kirche sind, vielmehr in allen Berufsschichten und Gesellschaftsgruppen vorkommen. Wer sich seine Erklärungsmuster zu simpel zurechtlegt, hat von der Sexuallehre der Kirche ebenso wenig verstanden wie vom Zölibat. Richtig ist, dass die Ehelosigkeit und der Verzicht auf gelebte körperliche Sexualität mit einer Partnerin oder – für Ordensfrauen – einem Partner in einer sexualisierten Gesellschaft zum Widerspruch reizen. Wer den Zölibat als »Zwangszölibat« verzerrt oder meint, diese Lebensform sei vor allem und beinahe ausschließlich eine Frage der Sexualität, wird weder dem Zölibat noch jenen gerecht, die sich ebenso freiwillig und bewusst für das Priestertum entschieden haben wie jene, die sich als Eheleute freiwillig und bewusst für ein Leben in einer – Pardon – »Zwangs-Ein-Ehe« entscheiden. Auch diese würde früher oder später scheitern, wenn sie ausschließlich eine Frage der Sexualität und des Triebes wäre. In beiden Lebensentwürfen geht es um die Kultur der Treue und der Ordnung.

Fazit: Nicht der Zölibat, »die« Kirche oder deren Sexualmoral sind schuld, sondern Einzelne, die ein abscheuliches Verbrechen begangen haben. Mitschuldig sind auch alle, die verschwiegen, vertuscht und verdrängt haben. Eine Alternative zur schonungslosen und mutigen Aufklärung gibt es nicht. Aber nicht nur in der Kirche steht die Frage ganz oben auf der Tagesordnung: Wie wertvoll und wichtig sind uns Respekt, Verantwortung und Ehrfurcht? Ehrfurcht ist der Kern der Liebe, und ohne Ehrfurcht gibt es keine Liebe. Das aber gilt ganz besonders für unseren Umgang mit dem wundervollen Geschenk der Sexualität, in der eben nicht alles erlaubt sein kann, was gefällt. Dies zu erkennen, ist eine nicht einfache Herausforderung in einer durchsexualisierten Diktatur des Relativismus.

Martin Lohmann, geboren 1957, ist katholischer Publizist und war Jesuitenschüler am Godesberger Aloisiuskolleg. Er ist Sprecher des Arbeitskreises Engagierter Katholiken in der CDU, Bundesvorsitzender des Bundesverbandes Lebensrecht und Lehrbeauftragter für Medienethik in Köln. Er war stellvertretender Chefredakteur des »Rheinischen Merkur« und Chefredakteur der »Rhein-Zeitung«. Lohmann schrieb mehrere Bücher, so »Das Kreuz mit dem C. Wie christlich ist die Union?«.

Hat Ihnen dieser Artikel gefallen?

2 Kommentare zu diesem Artikel

Kommentar schreiben (Login erforderlich)
  • Unglaube, 05. Mär 2010 12:39

    Sind die Missbrauchfälle in der katholischen Kirche auf den Zölibat zurückzuführen?

    Auch ein JA. Zölibat heißt lediglich, kein Verkehr mit einer Frau. Zölibat ist auch ein reines inneres Kirchengesetz, in der Bibel wird von Enthaltsamkeit nicht gesprochen. Im Gegenteil: Das Bischofsamt ist ein Geschenk... Der Bischof sollte verheiratet sein und Kinder haben.
    Die schwarzen Brüder legen ja auch nicht Hand an sich selbst, sie lassen legen. Nur ausgerechnet bei den Kleinsten. Die Kirche kann zum Teufel gehen. Ach so, da ist sie ja schon.

    • Permalink

  • Revo, 06. Mär 2010 14:25

    Der Zölibat war schon immer ein Betrug

    In einem Interview mit der Weltwoche (April 2007) wurde der bekannte Kirchenkritiker Karlheinz Deschner u. a. gefragt:
    "Hängen die «Perversionen» von Priestern mit dem Zölibat zusammen?“
    Antwort:
    "Leicht möglich. Doch der grösste Teil der Zölibatäre hat sich ums Zölibat überhaupt nicht gekümmert, hielt sich statt des ihm versagten EINEN Weibes Frauen oft haufenweise, die Klerikerehe löst gleichsam ein Klerikerharem ab. Im 8. Jahrhundert ertappt der heilige Bonifatius Geistliche mit vier, fünf, noch mehr Konkubinen nachts im Bette. Später gibt es, in Basel, in Lüttich, Bischöfe mit zwanzig, ja mit einundsechzig Kindern, wimmeln selbst Männerklöster von Frauen. Und Nonnen machen den Huren Konkurrenz. … Im 15. Jahrhundert wirken auf dem Konzil von Konstanz, das Hus verbrennt, ausser dem Heiligen Geist auch siebenhundert öffentliche Nutten mit, nicht gerechnet jene, welche die Konzilsväter selber mitgebracht."
    Quelle: www.weltwoche.ch/ausgaben/2007-14/artikel-2007-14-es-muss-anders-werden.html

    • Permalink

Sprungmarken: Seitenanfang, Navigation.

Ihre Meinung zu diesem Artikel

Frisch gebloggt
24.05.2012 | Katja Eichholz, David König und Olaf Präger

Änderungen in der nd-Community

Alle Blogs

Facebook
Twitter
16. - 17. Juni 2012

nd-Pressefest / Fest der Linken

Wir laden ein zu Musik, regen Markttreiben, zu Polittalks, Lesungen, Diskussionen...
nd-Community

Änderungen in der nd-Community

Neue Netiquette und Richtlinien / nd-Onlineredaktion stellt sich vor
Sprungmarken: Seitenanfang, Navigation.
Sprungmarken: Seitenanfang, Navigation.

Werbung:

Werbung:

Sprungmarken: Seitenanfang.