Jürgen Amendt 05.03.2010 / Kultur

Jenseits der Schamgrenze

Ein Jahr nach Winnenden: Ein Verhaltenskodex für Medien und die Würde des Menschen

Am 11. März 2009 tötete der 17-jährige Tim K. an seiner ehemaligen Schule in Winnenden 15 Lehrer und Schüler, anschließend sich selbst. Nicht nur Tim K. lief damals Amok, auch manche Medien taten das. Gerade die Boulevard-Medien, aber nicht nur die, werden von einem neuen Typus Mensch bevölkert – den Medienmenschen. Die leben in einer Kunstwelt, in der es keine Tabus mehr gibt. Der Zynismus bestimmter Medienmenschen bei der Jagd nach Auflage und Quote kannte vor einem Jahr in Winnenden kaum noch eine (Scham-)Grenze: Trauernde wurden ins Großbild gesetzt, in Nahaufnahme konnte, wer wollte, sehen, wie Menschen um Angehörige und Freund weinten – und das in Endlosschleife vom Frühstücksfernsehen bis zur Mitternachtsreportage. Journalisten versuchten über das Internet-Netzwerk »Twitter« an Überlebende und Angehörige heranzukommen; manche, die in den Tagen nach der Tat vor Ort recherchierten teilten via »Twitter« mit, wie »aufregend« und »spannend« es sei, leibhaftig am Tatort zu sein. Die Argumente, mit denen Medienmenschen diese Methoden rechtfertigten, liefen auf das Diktum hinaus: Wie getrauert wird, bestimmen wir! Manche ihrer Opfer, so schildern Psychologen, haben deshalb noch heute Albträume, in denen ohne Unterlass die Fotoapparate klicken.

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