Von Silvia Ottow
06.03.2010

Den Choke ziehen und dann los ...

Ein Buch über Gemeindeschwestern in der DDR: Schmerzen lindern, Unglückliche trösten, Kampfhähne trennen

Bild 1
Mit der »Schwalbe« auf großer Fahrt ... Abb. aus dem besprochenen Buch

Zum Glück ist die Gemeindeschwester aus dem Osten auch 20 Jahre nachdem der letzte Vorhang über das Gemeinwesen zwischen Elbe und Oder fiel, nicht vergessen. Vor unserem geistigen Auge düst die liebevoll-poltrige Agnes mit den groben Gesichtszügen und durchaus feinem Gemüt auf der Schwalbe durch die beliebte Fernsehserie. Sie verbindet Wunden, tröstet unglücklich Verliebte, trennt Kampfhähne in der Kneipe und wird schon mal vom Spitz angefallen.

Vollkommen reinen Gewissens können alle, die dabei gewesen sind, versichern: So war es. Bis auf die blaue Schwalbe. . . . Die war allzu oft ein Fahrrad, später hin und wieder ein Trabant und zwischenzeitlich auch ein Moped vom Typ SR 2 der Marke Simson, so wie bei Regina Nowak aus Droyßig im heutigen Sachsen-Anhalt. Die Autorin Marion Heinrich hat sie und weitere neun Gemeindeschwestern getroffen und sich deren prallvollen Lebensgeschichten erzählen lassen: »Mit Schwung nahm sie ihre SR 2 vom Kippständer, öffnete den Benzinhahn und schaltete den Choke ein. So hieß landläufig der Kaltstarter. Falls sie den nicht schnell genug wieder ausschaltete, kam nicht nur das Moped, sondern auch Reginas Tagesprogramm aus dem Takt. Doch eine erfahrene Gemeindeschwester ließ sich davon nicht schocken. Wenn die grüne Kontrolllampe für den Leerlauf leuchtete, trat sie schnell mit der rechten Fußspitze den Kickstarter. . . . Schlapp machen gab es für Regina Nowak nicht.«

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Besuchen Sie die Matinee: »Gemeindeschwestern erzählen«

Sonntag, 11 Uhr, Münzenbergsaal, Berlin
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Wahrscheinlich galt diese Charaktereigenschaft für alle 5500 Gemeindeschwestern in der DDR. Sie machten niemals schlapp, sie überwanden noch jeden Schock und wurden sowohl mit den schwierigsten medizinischen Problemen als auch mit der angespannten Versorgungslage und den Nachstellversuchen der männlichen Schwerenöter aus der Umgebung fertig. Ein großer Teil hat seine Arbeit geliebt und bis zur Rente oder dem abrupten Ende der DDR ausgeübt. Bei manchen steht das Moped heute noch in der Garage. Viele hatten übrigens eine religiöse Gesinnung, aber nicht nur für sie war der Dienst am Menschen eine Berufung.

Regina Heinrich hat einen beneidenswerten Job gehabt; sie konnte Lebensgeschichten ganzer Dörfer oder Stadtteile hören. Darunter tragische wie die vom Tod eines kleinen Mädchens, komische wie die vom Verhauen eines Ganters mit dem Wäschebeutel oder unglaubliche wie die der Schwester Tilli aus Spreenhagen, die fast ein Jahrzehnt mit dem Landarzt Dr. Horst Fischer zusammenarbeitet, der 1965 verhaftet und 1966 hingerichtet wird. Er hatte im KZr Auschwitz Häftlinge in die Gaskammern geschickt.

Wenn man die Schwärmereien der Gemeindeschwestern von ihrem leider ausgestorbenen Beruf liest, fragt man sich, warum es ihn heute nicht mehr gibt oder besser: geben darf. Das Bedürfnis nach einer solchen Allroundbetreuung ist mit Sicherheit viel größer, als es damals war. Alle Streitereien, was einer Schwester erlaubt ist oder einem Arzt vorbehalten bleiben muss, können nicht darüber hinwegtäuschen, dass ein gesellschaftlicher Konsens über das Berufsbild und die Anerkennung einer Gemeindeschwester nur zu erreichen wäre, wenn alles kleinkarierte Einteilen in medizinische und kommunale Erfordernisse einem ganzheitlichen Sozialgedanken wiche. Doch der ist heute scheinbar weiter weg als Schwester Agnes mit der Schwalbe.

Marion Heinrich: Gemeindeschwestern erzählen. Verlag Neues Leben Berlin. 189 S., brosch., 12,95 Euro

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