Von Hendrik Lasch
06.03.2010

Dicke Bretter in der Altmark

Die Initiative »Offene Heide« lädt schon zum 200. Friedensweg

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Die Colbitz-Letzlinger Heide ist eine Landschaft von berückender Schönheit – wo sie nicht von Militärfahrzeugen zerwühlt wird.

An diesem Sonntag sollen dem Militär im wahrsten Sinn des Wortes Steine in den Weg gelegt werden. Es dürfen Feldsteine von der Größe eines Kohlkopfes sein oder von der einer Faust, Brocken mit scharfen Kanten oder sanft gerundete mit einer Oberfläche wie Samt. »Die Steine sollen so unterschiedlich sein wie wir Menschen«, sagt Malte Fröhlich. Eines werden sie freilich auf keinen Fall sein: uniform. Abgelegt werden sie an der Barriere Zienau am Rand des Truppenübungsplatzes in der Colbitz-Letzlinger Heide; begleitet werden sollen sie »von Grüßen, Wünschen oder Wutgefühlen«, sagt Fröhlich. Wenn jeder Teilnehmer des Spaziergangs, der wie stets am ersten Sonntag eines Monats an den Rand des Militärgeländes führt, nur einen Stein mitbringt, türmen sich zunächst vielleicht 50 Stück. Es könnte aber auch eine größere Halde aus 150 Steinen entstehen – schließlich handelt es sich bei dem morgigen Ausflug um ein Jubiläum: Bereits zum 200. Mal lädt die Initiative »Offene Heide« zu einem Friedensweg. Womöglich kommen aus diesem Anlass mehr Menschen als in den vergangenen Monaten zu der Veranstaltung. Doch unabhängig davon, die hoch die Steinpyramide morgen wird: Sie soll weiter wachsen. »Wer immer hier vorbeikommt, kann einen Stein mitbringen und dazulegen«, sagt Fröhlich. Wenn der Schnee schwindet, der sich an diesem Märzwochenende wieder über die Heide gelegt hat, werden aus den Lücken zwischen den aufgetürmten Steinen Kräuter und Gräser sprießen. »Wir wollen zeigen, dass unser Widerstand Zukunft hat«, sagt Fröhlich. Er wächst langsam, er sprießt aus kargem Boden. Aber er gedeiht.

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Als am 1. August 1993 zum ersten Friedensweg in die Altmark eingeladen wurde, schienen Hoffnungen nicht nur rasch zu sprießen, sondern auch bald Früchte zu tragen. Nicht nur die wirklich Unverzagten glaubten damals an eine Heide ohne Militär. Es schien, als könne eine lange und fragwürdige Tradition ein Ende finden. Seit fast 60 Jahren hatte das Militär in den Wäldern nördlich von Magdeburg den Ernstfall geübt. Zunächst richtete Hitlers Wehrmacht im Jahr 1935 eine 30 Kilometer lange Schießbahn ein, um Geschütze zu testen. Danach kamen sowjetische Truppen. Viel ließen die Militärs von dem einstigen prachtvollen Wald aus Eichen und Buchen nicht übrig. Auch das Jahr 1989 brachte keine Wende. Nachdem NATO-Beobachter schon bei Großübungen wie dem Manöver »Völkerfreundschaft« den Platz kennen gelernt hatten, griff die Bundeswehr bereitwillig zu.

Friedensfreunde hatten das befürchtet – und wollten es verhindern. Die Initiative »Offene Heide« entstand aus einem Friedenscamp, das stattfand, als die Rote Armee noch in der Heide übte. »Unsere Angst war, dass der Platz von Armee zu Armee übergeben wird«, sagt Fröhlich: »Militärs haben sich schließlich untereinander stets gut verstanden.« Die Aussichten, dass die zweifelhafte Tradition unterbrochen wird, schienen allerdings gut: Der Widerstand gegen eine fortgesetzte militärische Nutzung der Heide war groß. Er regte sich in umliegenden Gemeinden ebenso wie im Landtag. CDU-Minister plädierten für eine zivile Nutzung, die SPD lud zu Demonstrationen.

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Seit einem Dreivierteljahrhundert haben verschiedene Armeen das Areal in der Altmark in Beschlag genommen. Die Initiative »Offene Heide« protestiert dagegen seit nunmehr 200 Monaten.

Freilich: An Bundeswehr und der Bundesregierung prallten derlei Wünsche ab. 1997 stimmte die rot-grüne Regierung von Sachsen-Anhalt dem »Heide-Kompromiss« zu, in dem lediglich für den Südteil der Heide ein Abzug des Militärs festgelegt wurde – ab 2006. Selbst davon rückte das Land seither wieder ab. Heute wird in einem modernen Gefechtsübungszentrum im nördlichen Teil der Heide mit Lasergeräten das Panzerschießen geübt; im Süden trainieren Spezialkommandos den Umgang mit Terroristen und Demonstranten, bevor sie nach Afghanistan fliegen. Auf einer Fläche von 22 000 Hektar seien Bäume und Büsche abgeholzt worden, um Ödland entstehen zu lassen, erzählt Fröhlich. Die Soldaten sollen schließlich unter realistischen Bedingungen üben können. Und am Hindukusch wachsen nun einmal keine Eichen.

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Malte Fröhlich findet das nicht nur deshalb verwerflich, weil Holz seine Lebensgrundlage ist. Er fertigt Holzspielzeug aus Eichen- und Robinienstämmen: Schnecken, Eichhörnchen, lang gezogene Drachen. »Fröhliche Spielgeräte« heißt sein kleiner Betrieb, auf dessen Internetseite er mitteilt, dass für jeden verarbeiteten Stamm zwei Bäume neu gepflanzt werden.

Doch es ist nicht nur der militärisch motivierte Umweltfrevel, der Menschen wie Fröhlich seit inzwischen 200 Monaten für eine friedliche Heide eintreten lässt. »Frieden schaffen mit Waffen – das hat nie geklappt, und das funktioniert auch heute nirgends«, sagt er. Die Überzeugung ist fest verwurzelt: In den 80er Jahren arbeitete er in einer DDR-Friedensgruppe mit und verweigerte als Bausoldat in der NVA den Dienst an der Waffe. Später engagierte er sich gegen das bei Stendal geplante Atomkraftwerk – und er gehörte nicht nur zu den Mitbegründern der »Offenen Heide«, sondern sorgte auch mit unorthodoxen Aktionen für Schlagzeilen: Als er gemeinsam mit Freunden 1997 das Wrack eines sowjetischen Schützenpanzers aus der Heide »entsorgte«, wurde er wegen Verstoß gegen das Kriegswaffen-Kontrollgesetz angeklagt.

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Pazifismus ist eines der Motive, die einen harten Kern von Aktivisten seit über 16 Jahren Monat für Monat zum Friedensweg aufbrechen und andere Aktionen organisieren lässt. Die Liebe zur Natur ist ein weiteres; schließlich handelt es sich bei der Colbitz-Letzlinger Heide um eine Landschaft von teils berückender Schönheit, wie Bilder des Fotografen Bernd Luge zeigen – Bilder, auf denen das Licht freilich nicht nur in dicht belaubten Baumkronen flirrt oder auf beschneiten Wiesen glitzert, sondern auch in Pfützen blitzt, die in den von den Reifen der Militärfahrzeuge gewalzten Schneisen stehen.

Auch tief empfundene Empathie bringt Menschen dazu, sich gegen das Militär in der Heide, aber nicht nur dort, zu engagieren. Sie habe schon als Kind immer wieder Angst vor Kriegen empfunden, berichtet Christel Spenn, die ebenfalls zu den ersten Aktivistinnen in der Offenen Heide gehörte, und nennt Kuba-Krise und den Krieg in Vietnam. Ihr Mitgefühl mit dem, was nicht zuletzt Frauen in Kriegsgebieten zu erleiden haben, sei noch einmal besonders gewachsen, nachdem sie Mutter geworden sei: »Es sollen nicht andere Frauen erdulden müssen, was ich nicht ertragen möchte«, sagt Spenn, die in den 80er Jahren in einer ökumenischen Friedensgruppe in der DDR mitarbeitete. Seit die Magdeburgerin erfuhr, dass Soldaten quasi vor ihrer Haustür ausgebildet werden, arbeitet sie in der Initiative »Offene Heide« mit.

Auch aus anderen Gründen sind ihre Einwände gegen alles Militärische fundamentaler Natur: »Krieg ruiniert die Gesellschaft«, sagt die Sozialarbeiterin. Wie lange dessen Folgen auf den Seelen lasten; wie schwer die Beteiligten an unausgesprochenen Erfahrungen zu tragen haben, hat sie in der eigenen Familie erfahren: Von den traumatischen Erlebnissen ihres Vaters an der Ostfront des II. Weltkriegs habe sie erst aus dessen kurz vor seinem Tod geschriebenen Memoiren erfahren, sagt Spenn: »Ich las dort, was Krieg mit Menschen macht.« Auch Malte Fröhlichs Vater war im Krieg. Seine Fragen danach, warum er sich dem Morden nicht verweigerte, habe dieser nur mit Hinweisen auf die damaligen Verhältnisse beantwortet, sagt er: »Einen gemeinsamen Blick auf die Geschichte haben wir nicht finden können.« Heute hat Fröhlich selbst zwei Töchter. Sollten diese ihm später einmal ähnliche Fragen stellen, so sagt er, »möchte ich eine gute Antwort geben können.«

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Christel Spenn (o.) und Malte Fröhlich gehören zu den Mitbegründern.

Die Zahl derer, die ähnlich denken, ist nicht übermäßig groß. Nicht in der Altmark, wo der Widerstand gegen den Truppenübungsplatz in den Dörfern erlahmt ist – und das, obwohl die von der Bundeswehr angekündigten 2000 Arbeitsplätze nie entstanden sind; auf dem von einem privaten Firmenkonsortium betriebenen Areal seien weniger als 150 Menschen angestellt, heißt es bei der Initiative. Tatsächlich sei die militärische Nutzung der Heide eine »Arbeitsplatzverhinderungsmaßnahme«, so Fröhlich; schließlich kämen so kaum Touristen in die Region. Dennoch hofften viele weiter auf einen Job, begründet er den Umstand, dass »aus geschlossener Ablehnung fast geschlossene Zustimmung« zum Militär wurde. Das ist in der Region außerdem inzwischen gut verankert: Bundeswehr-Angehörige sitzen in Gemeinderäten ebenso wie in Elternvertretungen.

Womöglich spiegelt sich in der Region zwischen Colbitz und Letzlingen aber auch eine Entwicklung, die das Land insgesamt erfasst hat, überlegt Fröhlich. Vor 20 Jahren setzte er große Hoffnungen in den 2+4-Vertrag, demzufolge die NATO gezügelt werden sollte. Heute wird die Freiheit am Hindukusch verteidigt – respektive der Zugang zu Rohstoffen und Märkten: »Koloniale Aufgaben« nennt das Fröhlich. Getrieben werde die Entwicklung auch von der Politik. Das deutsche Strafrecht verbiete Angriffskriege und drohe acht Jahre Freiheitsentzug an, erinnert er. Würde es konsequent angewendet, »dann wäre der Bundestag fast leer«.

Freilich: Die öffentliche Meinung hat sich zuletzt deutlich gegen den Krieg gedreht; einem deutschen Oberst, der entführte Tanklastzüge bombardieren ließ und dabei zivile Opfer in Kauf nahm, droht womöglich ein Verfahren. Auf »eine Art von neuen Mauerschützenprozessen« hofft Fröhlich: »Man darf Politik in keinem Fall durch das Töten von Menschen durchsetzen.«

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Ob ein solcher Sinneswandel auch dazu führt, dass die Friedenswege wieder mehr Zulauf finden? Noch ist die Zahl der regelmäßig Aktiven überschaubar; Rückhalt gibt es am ehesten in Kirchenkreisen und der Linkspartei. Eine Allianz mit Landespolitik und Wirtschaft wie in der Wittstock-Ruppiner Heide, wo die Bundeswehr ein Bombodrom einrichten wollte und im vergangenen Jahr zum Rückzug genötigt wurde, ist derzeit nicht absehbar.

Entmutigen lassen sich die Mitglieder der Initiative davon genauso wenig wie von gelegentlichen schiefen Blicken oder offener Ablehnung, die ihnen ihr Friedensengagement im Kollegen- oder Bekanntenkreis einträgt. Gleichzeitig erhält die Initiative aber auch Zuspruch aus anderen Gegenden Deutschlands. Im Sommer 2009 kamen »Friedensreiterinnen« in die Altmark, jetzt hat sich die »Konzertblockade Lebenslaute« zum Protest mit klassischen Instrumenten angekündigt. Und nicht nur der Holzexperte Fröhlich ist es schließlich gewohnt, dicke Bretter zu bohren. Gibt es in gut zwei Jahren also den 250. Friedensweg? Malte Fröhlich lächelt: »Vielleicht ist die Bundeswehr ja bis dahin schon weg.«