Design-Verbrechen von 1930
Foto: Museum der Dinge
|
Übles Machwerk der Werbung: Ludwig Hohlweins Plakat für »Café Odeon und Billard Akademie München« von 1910 zeigt im lässigen Halbsitz einen schneidigen Blonden, der trinkt, was ein kleinerer, in seiner Livree »vermenschlichter« Schwarzer ihm devot reicht. Formal bestechend, demonstriert es die Haltung jener Zeit zum Kolonialkontinent Afrika. Die Ausstellung »Wilde Welten« im Georg-Kolbe-Museum hält noch mehr beredte Beispiele bereit. Gleich eingangs kündet Fritz Behns skurril renkende Bronze »Tanzender Afrikaner« vom Unverständnis fremder Kultur, obwohl der renommierte Bildhauer den Kontinent bereist, in einem ebenfalls ausgestellten Band von 1917 seine Erlebnisse fixiert hatte, allerdings voller Dünkel.
Weit früher schon datiert die Arroganz der Europäer gegenüber den »Wilden«, wie die von unbekannter Hand nach 1850 gefertigte Gipsplastik »Hottentotte von Luschan« ausweist, Ergebnis einer Exkursion nach Zentralafrika. Auch der »Hottentotte« von 1890 aus dem Berliner Wachsfigurenkabinett verzerrt, überzeichnet grotesk. Und selbst Paul Scheurichs Plakat zum Buch »Carl Hagenbeck: Von Tieren und Menschen« von 1908 propagiert koloniales Verständnis mit einem Affen und einem afrikanischen Knaben in Umarmung als gleichmacherischem Motiv. Dass Hagenbeck Begründer fragwürdiger Völkerschauen war, die fremdes Brauchtum mit Mensch und Habe vermeintlich korrekt präsentierten, sei nicht unerwähnt.
In vier Abschnitte gliedert sich die aufschlussreich ehrliche Zusammenstellung dessen, wie Kaiserreich und Weimarer Republik das in ihrer Ignoranz Fremde spiegelten.
Behn und Emil Nolde stehen dabei im Abschnitt »Der Künstler als Ethnograf« für das Bemühen, auf Reisen nach Afrika oder in die Südsee Erfahrenes künstlerisch zu verarbeiten. Dass sie dabei dem geltenden europäischen Herrendenken nicht entfliehen können, ist nicht zu übersehen. Ärger noch trägt Fidus in einem Plakat zu wüster Rechtfertigung kolonialen Anspruchs bei. Julius Klingers Werbung von 1906 für »Palm Cigaretten«, mit einem rotmündig paffenden »Neger« auf gebogener Palme, bedient das Klischee des exotischen »Wilden« ebenso, wie Kartenspiele mit grimassierenden »Negern« wider elegante Weiße, Brettspiele mit Reisethematik und scheinbar harmlose Kinderbücher über heimtückische Eingeborene koloniales Denken schon in Kinderhirne senken. Die Spardose in Gestalt eines »Negers«, der bei Knopfdruck die Zunge aussteckt, oder, ebenfalls im Abschnitt »Das Fremde im Alltag«, die Schwarze mit Kugelkopf und Bastrock als lustige Tischbürste gehören zum selben Kaliber.
Wie ambivalent sich das Sujet »Wilde Welten« aus jener Zeit uns Heutigen stellt, zeigt zum einen die formalästhetisch gelungene Ausführung der Themen, speziell im Plakat bis hin zum kleinen Sarotti-Mohren. In weit fatalerem Maß wird das später auf Leni Riefenstahls Filme aus der NSDAP-Ära zutreffen. Zum anderen artikulierte sich in den damals wohlmeinend vollgestopften Museen für Völkerkunde, Berlin und Hamburg etwa, ebenso wie in der naiv neugierigen Auseinandersetzung namhafter Künstler mit der »Exotik« die Suche nach einem Gegenentwurf zum als dekadent empfundenen Akademismus und einer festgefahrenen Gesellschaft.
Gerade die Künstler der Vereinigung »Brücke«, so weisen die Abschnitte »Sehnsucht nach Ursprung« und »Suche nach Form« aus, fühlten sich von der Kunst Afrikas und der Südsee fasziniert, bereisten jene Gebiete, lebten gar länger dort. Würdigte Carl Einstein in seiner Schrift »Negerplastik« von 1915 erstmals den ästhetischen Wert afrikanischer Kunst, so schufen etwa Nolde, Kolbe, Haller, Freundlich, Pechstein, auch Behn eindrucksvolle Beispiele produktiver Aneignung jenes Fremden.
Bis 5.4., Di–So 10–18 Uhr, Georg-Kolbe-Museum, Sensburger Allee 25, Charlottenburg, Telefon 304 21 44, Infos unter www.georg-kolbe-museum.de
Gebrochene Siegel Der Martin-Gropius-Bau zeigt Exponate aus dem zerstörten Kölner Stadtarchiv
Randnote Kolonialismus Bündnis gedenkt der Opfer der Sklaverei / Gröbenufer wird umbenannt
Preis: 19,90 €
Preis: 29,99 €
Werbung:
Werbung: