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Von Thoralf Barth 13.03.2010 / Geschichte

Die langen Schatten der Helden

Vor 20 Jahren: Der Zentrale Runde Tisch in Berlin löst sich auf

Die letzte Sitzung am eckigen »Runden Tisch«, 12.3.199
Die letzte Sitzung am eckigen »Runden Tisch«, 12.3.1990

Als am Abend des 18. März 1990 die Ergebnisse der ersten freien Volkskammerwahlen über die Bildschirme flimmerten, brachen die Emotionen aus. Sie reichten vom euphorischem Schrei aus voller Kehle bis zum beängstigenden Pulsschlag. Es ging nicht bloß um Merkel oder Steinmeier, um träge oder tröge, sondern um die Einheit Deutschlands. Also um die Existenz des eigenen Landes. Ob und wie die DDR abgewickelt wird. Beitritt oder Vereinigung. Artikel 23 oder 146 des Grundgesetzes.

Die Allianz für Deutschland gewann mit 48 Prozent. Es kam zum Beitritt und die innere Einheit lässt seitdem auf sich warten. Die PDS platzierte sich mit 16,4 Prozent hinter CDU und SPD als drittstärkste Partei, was ihr niemand zutraute. Und die Bürgerrechtler? Die Helden des Herbstes, wo waren sie? Abgeschlagen im niedersten Bereich! Die Hoffnung der Hoffnungsträger reichte nicht bis an die Wahlurne. Eine Woche zuvor, am 12. März 1990, endete die Sitzungsperiode des Zentralen Runden Tisches der DDR. Das Projekt der Bürgerrechtler. Dieses Gremium hatte die Wahlen erst ermöglicht! Der Erfolg verpuffte. Was war bloß geschehen?

Als die Opposition am 7. Dezember 1989 am Zentralen Runden Tisch die alte Macht herausforderte, hatten sie den goldenen Weg der polnischen Gewerkschaft Solidarnosc vor Augen. Sie stellte nach den Wahlen den Präsidenten und dominierte den Senat, die zweite Parlamentskammer. Solch einen Machtwechsel sollte es auch in der DDR geben! Das war das Ziel. Als man sich tief in der Nacht des 8. Dezember trennte, gab es Sensationen zu verkünden: Man wolle Neuwahlen, Ausarbeitung einer neuen Verfassung sowie die Auflösung der Staatssicherheit. Bis heute sind es die bedeutendsten Errungenschaften des Runden Tisches, sein historisches Vermächtnis.

Doch ein entscheidendes Detail wurde übersehen. Während in Polen der Demokratisierungsprozess die Unabhängigkeit von der Sowjetunion und damit die Freiheit des Landes bedeutete, war die Demokratisierung in der DDR stets mit der Deutschen Frage verbunden. Was tun mit der einen Nation und den zwei deutschen Staaten? Einen Monat zuvor fiel die Berliner Mauer. Die Deutsche Frage führte längst Regie in diesem Prozess und das gewichtigste Argument saß im Bonner Kanzleramt. So bedeutend die Arbeit am Runden Tisch war, sie wurde vor allem eines: Die Erneuerung des kleineren deutschen Staates.

Es dauerte lange bis am Runden Tisch die Deutsche Frage Einzug hielt. Wegen eines Regierungsbesuchs in Bonn mussten sich die Oppositionsparteien – mittlerweile per Repräsentationsposten an der Modrow-Regierung beteiligt - positionieren. An dieser Neuausrichtung entlang des Konflikts um die Deutsche Einheit, zerbrach der Runden Tisch. Suchte man im Dezember 1989 noch nach Kompromissen, so wich im Wahlkampf niemand mehr von seinem Standpunkt ab. Erst recht nicht beim Wahlkampfschlager Deutsche Einheit. Das Harmoniegremium Runder Tisch wurde den Parteien ein lästiger Begleiter. Redeschlachten auf Marktplätzen war der neue politische Trend.

Nur die Bürgerrechtler klammerten sich an ihrem lieb gewordenem Möbelstück fest. Den schleichenden Machtverlust wollten sie nicht wahrhaben. Aber konnten sie eigentlich einen Machtverlust erleiden? Sie strebten zu keiner Zeit ernsthaft ein Amt und damit die Macht an. Selbst der Ministertitel in der Modrow-Regierung war bloß Papier. »Was Sie der Opposition vorwerfen können, ist, dass sie kein sachliches Verhältnis zur Macht entwickelt hat«, gestand mir Rolf Henrich, Gründungsvater des Neuen Forums. »Wie sollte sie denn sonst sein? Sie hatte sich doch nicht entwickelt!«, meint Gregor Gysi. Historisch betrachtet ist die Machtscheuheit der Bürgerrechtler tatsächlich ihre entscheidende Schwachstelle. Nach vierzig Jahren Verfolgung versank sie zwischen den Profis der Politik.

Doch die Bürgerrechtler haben uns eine weltgeschichtliche Errungenschaft vererbt: Den erfolgreichen Kampf um die Auflösung der Staatssicherheit. Nirgends sonst schafften es Bürger eines Landes, den Geheimdienst aufzulösen. Es wurde der einzig wirksame Machthebel der übrig gebliebenen DDR-Opposition. Denn mit jeder Akte der Gauck- bzw. der Birthler-Behörde konnte fortan wirksam Politik gestaltet werden. Wolfgang Schnur, Vorsitzender des Demokratischen Aufbruchs, war pünktlich zur Wahl am 18. März 1990 das erste prominente Opfer. Unzählige folgten. Es scheint, als wollte man die einstige Machtlosigkeit auf Kosten der inneren Einheit kompensieren. Selbst das SPD-Urgestein Egon Bahr verkündete kürzlich, dass die dringende Versöhnung bislang nicht stattfand und »die Stasi-Unterlagen-Behörde hat dazu beigetragen«.

So beeinflussen die Schatten der Helden noch heute das politische und gesellschaftliche Geschehen unseres Landes.

Von unserem Autor erschien jüngst das Buch »Die Zentrale im Umbruch 1989/90 – Meinungen zum Runden Tisch der DDR. Interviews« (Weißensee Verlag, 288 S., 24 €.)
Lesen Sie am 11./12. April in dieser Serie: Als Moskau das Verbrechen von Katyn eingestand.

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24.05.2012 | Katja Eichholz, David König und Olaf Präger

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