17.03.2010

Jedes Ende kann ein Anfang sein

Silly ist wieder da – mit Anna Loos als Sängerin. Am Freitag erscheint das neue Album »Alles Rot«

Vierzehn Jahre nach dem Tod ihrer legendären Sängerin Tamara Danz meldet sich Silly jetzt mit neuen Songs zurück – gesungen von Anna Loos, getextet von Werner Karma. OLAF NEUMANN sprach mit ANNA LOOS und dem Gitarristen UWE HASSBECKER, der mit Tamara Danz verheiratet war.
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Mit Leidenschaft tritt Anna Loos als Silly-Sängerin auf.

ND: Frau Loos, Sie haben zwar schon in anderen Bands gesungen, aber »Alles Rot« ist Ihr Albumdebüt. Wie haben Sie sich emotional darauf vorbereitet?

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Uwe Hassbecker an der Gitarre.

Anna Loos: Ich habe noch nie in einer Profiband wie Silly gesungen. Alles andere war Hobby. Am Anfang war ich ein bisschen verschlossen, aber dann hat die Arbeit im Studio riesigen Spaß gemacht. Es war wie ein Intensivworkshop. Unser Mit-Produzent Bernd Wendlandt half mir dabei, all das zu kompensieren, was mir an Erfahrung fehlte.

Uwe Hassbecker: Anna hat im Studio gar nicht gemerkt, dass wir teilweise schon ernst machten. Manche Gesänge sind als First Takes auf dem Album gelandet, weil sie so gut waren.

Im Titelsong »Alles Rot« geht es um eine Frau, die von ihrem Mann wegen einer Jüngeren verlassen wird. Ist das die Torschlusspanik der Männer?

Loos: Ja, aber vor allem geht es um eine Frau, die sich deshalb nicht gleich am nächsten Baum aufknüpft. Denn sie merkt, dass sie voller Kraft ist und das Leben für sie jetzt erst richtig losgeht. Der Song lässt sich über eine Beziehung hinaus betrachten. Das, was man als unerwarteten Abschluss empfindet, kann einen gewaltigen Schritt nach vorne bedeuten und Lebensgeister wecken.

Ist der Refrain »In mir drin ist alles rot – das Gegenteil von tot« auch auf die Situation der Band gemünzt?

Hassbecker: Das trifft auf uns hundertprozentig zu. Wir wollten Stücke schreiben, die auch noch in 15 Jahren Gültigkeit haben.

Loos: Das Doppeldeutige zieht sich durch das Leben von Silly. Wir haben versucht, dies mit Hilfe von Werner Karma aufrecht zu erhalten.

Werner Karma schrieb sehr erfolgreich für Silly, bis es 1988 zum Zerwürfnis kam. Wie konnten Sie ihn überreden, sich am neuen Album zu beteiligen?

Hassbecker: Es ist in erster Linie Anna zu verdanken. Sie hat eine gute Art und Weise, Leute zu überzeugen. Ein Segen für uns, weil jetzt wieder das zusammengekommen ist, was eigentlich zusammen gehört. Werner Karma spricht unsere Sprache. Das ist wie in einer Beziehung. Irgendwann geht man sich auf die Nerven und es kommt zum Zerwürfnis. Wenn es gut geht, kommt man später wieder zusammen.

Loos: Der Ball lag eine ganze Weile da, bis er endlich losrollte. Wir mussten erst einmal ein Gefühl füreinander entwickeln. Eine der ersten Fragen, die sich mir stellte, war die nach den Texten. Es lagen bald viele geile Sachen vor, zum Teil von namhaften Schreibern. Aber sie passten nicht wirklich zu dieser Band. Ich habe dann einfach Werner Karma angerufen und mich mit ihm getroffen. Es war eigentlich ganz easy. Wir waren begeistert von seinen ersten Vorschlägen, die angeflogen kamen. Am Ende hatte er das ganze Album geschrieben.

Hassbecker: Werner Karmas letzte E-Mails sind für seine Verhältnisse überschwänglich. Er ist normalerweise wirklich sehr reserviert. Jetzt ist er überglücklich, dass wir wieder zusammengekommen sind.

Sillys poetische Lieder enthielten oft versteckte, kritische Andeutungen über das Lebens in der DDR. Hat der Umstand, dass sämtliche Songtexte erst durch die Zensur mussten, Dichter wie Werner Karma beflügelt?

Loos: Manche Texter schrieben so, dass es für die Zensur super okay war. Und dann gab es welche wie Werner Karma und Gerhard Gundermann. Sie bauten in ihre Texte sogenannte »grüne Elefanten« – also Stolpersteine – ein. Und zwar so offensichtlich, dass die Zensoren dafür andere Dinge zwischen den Zeilen übersahen. Am Ende blieb der Text so, wie er gewollt war. Die von der Zensurbehörde waren keine Literaten, sondern oft einfache Leute, die man auch mal an der Nase herumführen konnte.

Hassbecker: Die Zensoren waren sich auch nicht alle einig. Es gab unter ihnen sogar welche, die versucht haben, etwas Progressives durchzubringen.

Inwieweit ist »Alles Rot« ein gesamtdeutsches Album, das die heutige Zeit widerspiegelt?

Loos: Die Problematiken haben sich geändert. Unsere Themen liegen heute woanders. Wir machen uns Gedanken darüber, welche Grütze 24 Stunden im Fernsehen läuft und die Gehirne füllt. Warum leben wir in einer Gesellschaft, in der so viele Leute depressiv werden? Wer regiert eigentlich unser Land und vor allem wie?

Keine einfachen Themen. Wollen Sie die Grenzen des Popsongs sprengen?

Hassbecker: Unser Anspruch war immer, zum Nachdenken anzuregen, nicht platt zu sein. Insofern mussten wir uns treu bleiben. Etwas anderes hätte uns niemand unter dem Namen Silly abgekauft.

Es gibt immer Nörgler, die sogleich Nostalgie wittern. Wann wurde Ihnen klar, dass die Band noch etwas Neues zu sagen hat?

Hassbecker: 2006 entwickelten wir das Konzept »Silly & Gäste« für ein Konzert zu Ehren von Tamara Danz im Berliner Tempodrom, weil wir es ohne diese Musik einfach nicht mehr aushielten. Zudem ließen die Fans nicht locker.

Hat es zwischen Silly und Anna Loos sofort gefunkt?

Loos: Nein. Als der alte Manager von Silly mich 2006 ansprach, spielte ich gerade sechs Tage die Woche Theater. Die Anfrage habe ich zuerst gar nicht ernstgenommen.

Hassbecker: Irgendwann haben wir uns dann doch im Studio getroffen. Und siehe da: Das Booklet, das Anna in der Hand hatte, war gar nicht notwendig, weil sie die Texte noch aus ihrer Jugend auswendig kannte. Es wurde schnell klar, dass wir ziemlich gut zusammen passen.

Weil bei Anna Loos manch alter Silly-Titel klingt, als würde Tamara Danz ihn singen?

Hassbecker: Sie erinnert an Tamara, aber Anna hat gleichzeitig einen sehr eigenen Stil entwickelt. Wir haben nie eine Kopie gesucht.

Das Lied »Wenn ich Sonnenblumen seh', muss ich an Dich denken« trägt den Untertitel »Für Tamara«. Fühlen Sie sich mit Ihrer Vorgängerin verbunden, obwohl Sie sie nie persönlich kennenlernen durften?

Loos: Tamara Danz ist ein wichtiger Teil meiner Jugend gewesen. »Bataillon d'Amour« war das erste Album, das ich mir von meinem eigenen Geld gekauft habe. Ich habe zwei Schulstunden geschwänzt, um mich in Brandenburg in eine lange Schlange einzureihen. Damals fühlte ich mich in der Melancholie von Silly unglaublich wohl. Ihre musikalische Handschrift war nicht vergleichbar mit anderen Bands aus dem Osten. Ich hatte immer das Gefühl, die Tamara spricht mir aus der Seele. Selbst als sie starb, war sie für mich immer noch da. Auch jetzt ist sie nicht so richtig weg.

Ein Kritiker bezeichnete Sie als eine jüngere, eigenwillige Schwester Tamaras. Sehen Sie sich so?

Loos: Das nehme ich als Kompliment. Natürlich sind wir zwei grundverschiedene Menschen. Ich bin zwar auch wild und leidenschaftlich, habe aber weniger Wut im Bauch als Tamara. Sie musste sich mit dem DDR-System wirklich auseinandersetzen. Ich bin aus dem Osten abgehauen, als ich gerade die zehnte Klasse abgeschlossen hatte. Ich wollte da unbedingt weg, weil ich bestimmte Dinge nicht machen konnte. Tamara hatte aber die Band und ihr ganzes Leben im Osten aufgebaut. Da kann man nicht einfach gehen, sondern man muss sich den Umständen stellen bzw. dagegen ankämpfen. So etwas prägt.

Man spricht immer noch von einer Ostrock-Szene, obwohl die DDR schon seit 20 Jahren nicht mehr existiert. Nervt Sie das?

Hassbecker: Ja, total. Rio Reiser wird auch nicht mit den Beatsteaks in eine Schublade gesteckt und »Westmusik« draufgeschrieben. Die Kultur- und Musiklandschaft im Osten war genauso vielfältig wie die auf der ganzen Welt. Sie über einen Kamm zu scheren ist geradezu unverschämt. Wir sind mit dem neuen Album angetreten, in ganz Deutschland gehört zu werden.

Herr Hassbecker, Sie haben Tamara Danz bis zuletzt begleitet. War es der ausdrückliche Wunsch Ihrer Frau, dass Silly weiterlebt?

Hassbecker: Unser Bassist hatte Tamara kurz vor ihrem Tod versprechen müssen, dass Silly weiterleben wird. Wir haben aber nichts überstürzt. Das Ganze war eine natürliche Entwicklung und gut überlegte Entscheidung. Jetzt sind wir hier.

Frau Loos, wie können Sie Silly mit Ihrem Hauptberuf als Schauspielerin vereinbaren?

Loos: Planung ist bei mir immer vonnöten, nicht nur aufgrund meiner unsteten Lebensweise. Ich habe eine relativ große Familie mit Ehemann, zwei Kindern und einem Hund. Da ich aber keine Serien drehe, sondern nur Spielfilme, ist die Schauspielerei relativ überschaubar. Die letzten drei Jahre habe ich es mit der Musik sehr gut hinbekommen. Wegen des neuen Albums stelle ich die Dreherei momentan ein bisschen zurück.

Auch Ihr Mann, der Schauspieler Jan Josef Liefers, betätigt sich erfolgreich als Sänger. Haben Sie je an ein gemeinsames musikalisches Projekt gedacht?

Loos: Ja. Wir haben uns bei den Dreharbeiten zu dem Roadmovie »Halt mich fest!« kennengelernt. Jan und ich waren Teil der Filmband »Lovely Rita and her Johnny Guitars«. Der Regisseur wollte unbedingt, dass wir uns wirklich als Band beweisen und so ging er mit uns in irgendwelche Billardkneipen in Köln. Dabei haben Jan und ich eine Wette abgeschlossen, die nach wie vor gilt: Sollte es einer von uns je in die Top Ten schaffen, nehmen wir ein Duett auf. Jan hatte immerhin mal Platz 16. Vielleicht gelingt es mir ja jetzt (lacht).

Das neue Silly-Album »Alles Rot« erscheint am 19. März bei Universal.

Silly live:

7.5. Leipzig (Haus Auensee),
8.5. Dresden (Alter Schlachthof),
9.5. Erfurt (Gewerkschaftshaus),
11.5. Köln (Gloria),
12.5. Stuttgart (Theaterhaus),
14.5. Magdeburg (Altes Theater),
15.5. Berlin (Huxley's Neue Welt),
16.5. Hamburg (Fabrik)

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