Wenn auch viele der Strategien meiner Nächsten sonderbar waren, man brachte sich bei uns wenigstens nicht um.« Ein Satz, der die familiäre Situation des Helden und Erzählers in Jan Faktors Roman »Georgs Sorgen um die Vergangenheit oder im Reich des heiligen Hodensack-Bimbams von Prag« beschreibt. Die »Nächsten«, das waren im Roman zunächst einmal Georgs Mutter Anna, einige seiner Tanten sowie seine Oma Lissy, mit der er sich ein Zimmer teilte. Als jüdische Frauen hatten sie deutsche KZ überlebt und wohnten in einer riesigen Mietwohnung im Prag der 50er und 60er Jahre. Wenn es um ernste Themen ging, dann »sprachen sie deutsch miteinander und verwendeten dabei überdurchschnittlich oft das Wort »Verzweiflung«. Was Georg als Kind falsch verstand: »Ich wunderte mich, wieso die Frauen andauernd (typisch!) so viele ZWEIFEL hatten, warum sie also dauernd an allem knabberten und zweifelten.«
Das war auch richtig so, er sollte nichts verstehen. Ihm sollte es gut gehen. Und es ging ihm gut. Ist er doch das männliche Zentrum des rein fraulichen Wohnungsuniversums. Ziemlich schnell wird klar: Das kann nicht gut gehen. Wie es Georg gelingt, sich aus den starken Armen dieser liebenswürdigen Frauen zu befreien, davon handelt der Roman. Das Prag des Stalinismus, des Prager Frühlings und der danach einsetzenden Restauration spielte hierfür naturgemäß eine wichtige Rolle. Das war die Welt jenseits der weiblichen Fangarme. Was nicht heißt, während des Abnabelungsprozesses wären Frauen für Georg unwichtig geworden. Im Gegenteil, mit jedem weiteren Schritt vor die Wohnungstür bestimmten sie mehr und mehr Denken und Fühlen.
Das kann einen, wie jeder Mann aus eigener Erfahrung weiß, an den Rand des Wahnsinns treiben. Und die Rolle, die dabei die »Organe« beiderlei Geschlechts erhalten, ist ebenfalls kaum zu übertreiben. Kurzum: Jan Faktors Held befindet sich eigentlich das ganze Buch über in einer Art Dauerpubertät, verlängert und intensiviert durch die ungeheuren Liebesdruck, den die Damen zu Hause auf den einzigen männlichen Sproß der Familie ausüben. Einen Druck, den der Vater, der für das tschecheslowakische Pendant der Stasi arbeitet, auch nicht abfedern kann. Er sieht seinen Sohn nur am Wochenende, hat wenig Einfluss auf ihn. Sodass Georg im Rückblick zu der Einsicht gelangt: »Die Vorstellung, daß das Matriachat eine bessere Welt hätte hervorbringen können, würde sich garantiert als illusorisch erweisen.«
Das alles hat Faktor passagenweise sehr witzig erzählt. Zudem ist der ebenfalls in Prag geborene, seit den siebziger Jahren in der DDR lebende Autor genauer Beobachter der Welt des real existierenden Sozialismus. So schildert er die »Normalisierung«, wie die Zeit der politischen Säuberung nach '68 offiziell hieß, auch als Phase eines »Newspeak« Orwellscher Prägung. Mit Hilfe der Sprachmelodie und Intonation eines Neutschechisch sollte »halb singend ... gedankliche Tiefe, Wahrhaftigkeit und Empathie« vorgegaukelt werden. Bei sprachlicher Stimmungshebung durch die Umbenennung von U-Bahnstationen, denen durch einen vorangestellten Arikel Einzigartigkeit verliehen wurde (»Die Kleinstädter« statt »Kleinstädter«), fallen einem zahlreiche Parallelen in der marketingtechnischen Sprachlenkung des real existierenden Kapitalismus ein.
Doch neben diesen interessanten Beobachtungen und Geschichten gibt es uninteressante Passagen wie etwa die, als sich in Georgs Kopf und Schwanz alles ums weibliche Geschlecht dreht. »Mann« erinnert sich noch gut an diese Zeit, ja, aber man denkt auch: Wie beknackt war man doch, will ich davon hier noch einmal lesen?
Jan Faktor: Georgs Sorgen um die Vergangenheit ... Roman. Kiepenheuer & Witsch. 639 S., geb., 24,95 €.
Aktuelle Ausgabe: 25.05.2012
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