Charlotte Noblet
21.03.2010
Leipziger Buchmesse

„Gemeindeschwestern erzählen"

Gemeindeschwestern aus dem Osten wurden 20 Jahre nach der Wende gesucht: Vielleicht erinnert sich der eine oder die andere Leser/in an solche Anzeigen in Neues Deutschland?
Lesung Gemeindeschwestern erzählen
Lesung "Gemeindeschwestern erzählen"

Gemeindeschwestern gibt es längst nicht mehr in der Bundesrepublik Deutschland. Nur im kollektiven Gedächtnis der Menschen, die DDR-Bürger/innen waren. Und im Kopf von Fernsehzuschauern, die die Serienheldin Schwester Agnes nicht vergessen konnten.

Der Aufruf in Neues Deutschland war von der Autorin Marion Heinrich, um ehemalige Gemeindeschwestern zu Wort kommen zu lassen. Dreizehn Gemeindeschwestern hat sie getroffen; zehn Geschichten sind im Buch „Gemeindeschwestern erzählen“ verfasst. Um so interessanter sind diese Erzählungen in einer Zeit, in der am Gesundheitssystem drastisch gespart wird, in der die medizinische Versorgung auf dem Land und besonders im Osten immer problematischer wird.

Aus der Politik kam der Impuls zum Buch

Die Idee zu einem solchen Buch kam mir, als ich 2005 eine politische Kampagne für Gemeindeschwestern startete“, erzählt die Abgeordnete der Linken, Gesine Lötzsch. „Dabei lernte ich viele Gemeindeschwestern kennen. Mir war klar, dass diese Geschichten aufgeschrieben werden mussten. Ich habe die Recherche unterstützt und finanziert“. Zum Buch selbst: „Da wurde wirklich das gelebte Leben, wie jeder seinen Alltag oder jede ihren Alltag empfunden hat, dargestellt.“

Sicherlich macht das Buch die Rückschritte der letzten Jahrzehnte im Sozialwesen deutlicher und die Gemeindeschwestern sicher beliebter bei denen, die einen immer weiteren Weg zum Arzt haben. Den Mangel an Medizinversorgung auf dem Land erwähnt Frau Dr. Barbara Höll, Abgeordnete der Linke für Sachsen, bei der Podiumsdiskussion eingeladen: „Demografischer Wandel oder nicht, man muss es nicht mal wollen, sondern nur rechnen: Mit Gemeindeschwestern, die etwas vom Honorartarif abweichen, wäre es zusammengesellschaftlich gerechnet preiswerter.“

Die DDR als menschliches Vorbild in der Gesundheitsversorgung?

Als Schlusswort erzählt die Autorin Marion Heinrich, wie die getroffenen Gemeindeschwestern einer Journalistin gegenüber kritischer waren, da sie täglich mit der Realität der DDR zu tun hatten. So meinte die Eine, sie konnten sich aber mit der Enge der DDR so lange einigen, da sie gesehen haben, das ist menschlich, gerade in der Gesundheitsversorgung. „Wenn wir da ein Stückchen weitergehen, sagt die Autorin, und wenn dieses Buch ein bisschen mehr in der politischen Diskussion dazu beitragen würde, denke ich, wir haben eine Menge erreicht.“

Ausgewählte Kapitel der Diskussion stehen MIT EINEM CLIC auf den Titel des Beitrags als Videos zur Verfügung.

Marion Heinrich: Gemeindeschwestern erzählen. Verlag Neues Leben Berlin. 189 S., brosch., 12,95 Euro

Mehr infos zum Buch : „Den Choke ziehen und dann los ...“ (ND – 06.03.2010)