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Von Tom Mustroph 23.03.2010 / Berlin / Brandenburg

Geschichten aus dem Praktikum

Strukturell recycelbar – Fotografische Momentaufnahmen in der Masse der billigen Arbeitskräfte

Sackgasse Praktikum?
Sackgasse Praktikum?

Zwei Dutzend Tafelbilder hat Elisabetta Lombardo in die Galerie ACUD gehängt. Sie zeigen Halbporträts von Menschen zwischen Anfang 20 und Anfang 30. Manche sind vor schwarzem Hintergrund bauchnabelaufwärts von vorn zu sehen. Andere zeigen nur ihre Rückenansicht. Alle, egal ob sie forschend, zornig oder desillusioniert den Betrachter anblicken oder ihm entschlossen den Rücken zukehren, haben von erniedrigenden Erfahrungen im Praktikum zu berichten.

Die 25-jährige italienische Fotografin, die selbst Erfahrungen als Praktikantin gemacht hat, befragte Altersgenossen aus Deutschland, Frankreich, Italien und der Schweiz. Ihr Projekt »Structurally recyclable, basically disposable« steckt einen Parcours durch die Notgemeinschaft derer ab, die sich durch unbezahlte oder gering bezahlte Tätigkeit einen Platz in der Arbeitsgesellschaft erobern wollen, dabei aber feststellen müssen, zu den am härtesten ausgebeuteten, individuell zwar leicht ersetzbaren, fürs System aber notwendigen Gliedern der Gesellschaft zu gehören. Ihre Chancen, diese untere Kaste der Arbeitsgesellschaft zu verlassen, sind recht gering. Die Namen der Projektteilnehmer sind zu Initialen verkürzt; zum Anfangsbuchstaben des Vornamens natürlich, denn Praktikanten werden immer geduzt und sind, wenn überhaupt, nur mit ihrem Rufnamen bekannt.

U., 26 Jahre alt und Politologin aus Deutschland, bezeichnet als »schlimmsten Aspekt« nicht die fehlende Vergütung. Das war ihr bei der Bewerbung ohnehin klar. Gravierender sei die psychologische Komponente, sich als »nicht gut genug, nicht anerkannt und komplett ausgeschlossen« fühlen zu müssen. U., eine kraftvolle Erscheinung auf dem streng komponierten Foto, beschreibt das Verhältnis von Festangestellten und Praktikanten als 4:60. Die Firma wusste nicht mal, wie viele Praktikanten sie überhaupt hatte, vermutet sie. Ob sie kam oder nicht kam, ob sie für die gemeinnützige Organisation, die sie eingestellt hatte, Namen von potenziellen Spendern in Dateien übertrug oder nicht, bekamen allenfalls die anderen Praktikanten mit.

J., 25 und freie Redakteurin aus Deutschland, schildert sexistische Anfeindungen in der Zeitschriftenredaktion, in der sie arbeitete. Sie musste Pornografien nach Körperteilen sortieren, zuliebe des Chefs hochhackige Schuhe tragen, dabei aber nicht die vermuteten 1,75m Körpergröße des Chefs übertreffen. Bei Redaktionskonferenzen hockten Frauen und Schwule auf dem Fußboden, während die heterosexuellen Männer auf Stühlen am Tisch saßen. Durch die Berichte der Praktikanten zieht sich wie ein roter Faden die Erfahrung, dass man das erste Praktikum noch voller Elan, Neugier und unglaublicher Kraft auch beim Widerstehen unbilliger Härten absolviert. Danach taucht jeder jedoch in ein Tal der Desillusionierung, das durch die Erkenntnis geprägt wird, nur als finanziell unter Wert vergütete Arbeitskraft Zugang zu dieser Welt zu erlangen. Rechte hat der Praktikant kaum. Seine einzige Waffe ist, das Praktikum abzubrechen, was einige der porträtierten Personen auch taten.

Die Abgeordneten in Westminster hätten durchaus die Macht, stärkere gesetzliche Regelungen zum Schutz der Praktikanten durchzusetzen, hat die 25-jährige Politologin K. während ihrer Praktika im britischen Politikbetrieb festgestellt. Aber das Eigeninteresse sei zu groß. Schließlich profitiert auch Westminster vom Engagement der schlauen, gering bezahlten Jungakademiker. Ihre deutsche Kollegin U. bringt das strukturelle Dilemma auf den Punkt. Sie alle gehören zu einer »verspäteten Generation«. Sie gelangen spät in den Arbeitsmarkt. Die Praktika schmelzen das Ersparte ab. Die Möglichkeit, eine Familie zu gründen, wird weit in die Zukunft verschoben.

Eine Regierung, die auf Kinder in deutschen Akademikerhaushalten Wert legt, sollte demzufolge nicht gegen eine angebliche »Überfremdung durch geburtsfreudige Zuwanderer« polemisieren, sondern für gesetzliche Mindeststandards beim Praktikum sorgen. Momentan gilt für die, die eine interessante Tätigkeit und ein Privatleben haben wollen, das über das Abchecken der Chancen auf dem Singlemarkt hinausgeht, noch U.s bitteres Fazit: »Keine Chance ohne reiche Eltern.«

Elisabetta Lombardo legt mit ihrem kleinen Fotoprojekt den Finger auf eine tiefe Wunde der europäischen Gesellschaften. Angesichts der Nöte in anderen Erdteilen mag dies wie ein Luxusproblem erscheinen. Aber es hat tiefgreifende Auswirkungen. Ausstellungsaufsicht führt statt eines Praktikanten im übrigen die Künstlerin selbst.

ACUD Galerie, Veteranenstr. 21, bis 26.3., di. – so. 14 – 20 Uhr

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