Bisweilen ist der Osten der Bundesrepublik Voreiter. Nur selten im positiven Sinn. Der dramatische Bevölkerungsrückgang in manchen Regionen führte zu massenhaften Schulschließungen. Und ist eine Schule einmal dicht, dann bleibt sie es auch. Diese Osterfahrung hat man auch an der westlichen Grenze Deutschlands, in Rheinland-Pfalz wohl studiert. Und sie neben Prognosen der eigenen Bevölkerungsentwicklung gelegt. Bis 2020 sinkt die Anzahl der Grundschüler um zehn Prozent. Rein logisch betrachtet, gibt es dann 100 Grundschulen zu viel. Im benachbarten Saarland hat man ähnliche Entwicklungen prognostiziert und seit 2005 80 von 260 Grundschulen dicht gemacht. Ukas von oben, die Landregierung entschied über die Zukunft der örtlichen Bildungsstätten. Die Schließung spart oberflächlich betrachtet Kosten. Doch es bringt den jüngsten Schülern Schulwege von bis zu einer Stunde und vielen Kommunen eine kulturelle Vereinsamung.
Schließlich sind Schulen in Dörfern und kleinen Gemeinden nicht nur Bildungsstätten, sondern oft auch Treffpunkte für Vereine jeder Art. Hier begegnen sich alt und jung, hier gibt es sportliche Wettkämpfe.
Um all das nicht zu gefährden und den Schülern keine überlangen Schulwege zuzumuten, will Rheinland-Pfalz so viele Schulen wie nur möglich erhalten. Und natürlich möchte man sich nicht den Unmut von Bürger- und Elterninitiativen zuziehen, die schon mehrmals erfolgreich Schulämtern den Rotstift aus der Hand geschlagen haben. Bereits seit sechs Jahren reicht es auch, wenn eine Schule eine Klasse pro Jahrgang füllen kann. Doch selbst diese moderate Bedingung ist nicht überall zu erfüllen. In den vergangenen zwölf Jahren ist die Anzahl der Grundschüler um ein Fünftel auf rund 160 000 gesunken, vermeldete dieser Tage die in Koblenz erscheinende »Rhein-Zeitung« und verweist auf zum Teil sehr gute Erfahrungen mit sogenannten Kombiklassen. In einem Klassenzimmer werden Schüler zweier Klassenstufen unterrichtet. Im gesamten Land gibt es davon 145.
Skeptiker glauben dennoch, dass Rheinland-Pfalz letztlich wie andere Länder handeln und Grundschulen schließen wird. Der Landesrechnungshof hat bereits vor drei Jahren verlangt, dass alles Schulen mit weniger als 56 Schülern abgeschafft werden. Hochrechnungen aus dem Jahr 2007 besagen, dass man – rein arithmetisch – 200 Schulen dicht machen müsste.
Jetzt geht es um die Grundschule. Und was kommt danach?
Die weiterführenden Schulen stehen vor der gleichen Situation. Aus meiner Erfahrung weiß ich, dass Eltern und Lehrer mit der Gesamtsituation besser umgehen können, wenn ihnen klare Perspektiven aufgezeigt werden. Dazu bedarf es jedoch einer langfristigen Standortplanung für die Schulen.
Leider gibt es heute immer wieder die Situation, dass notwendige Entscheidungen viel zu lange hinausgeschoben werden. Oft wird sogar so lange gewartet, bis der entstandene Handlungsdruck kein weiteres Aufschieben oder alternative Wege zulässt.
Es macht sich allerdings die Sache zu leicht, wer die „Schuld“ ausschließlich den Politikern zuweist. Für den demografischen Wandel können die Volksvertreter schließlich nichts. Und für unpopuläre Entscheidungen (z.B. Schulschließungen) müssen diese Damen und Herren oft unverhältnismäßig harte Kritik einstecken.
Joachim Schubert
Sprecher Demografierat
Aktuelle Ausgabe: 25.05.2012
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