Nicht nur Günter Gaus, auch Peter Nöldechen war ein ständiger Vertreter der BRD in der DDR. Als er am 21. Dezember 1973 die Akkreditierung als Journalist in der DDR erhielt, nannte ihn der zuständige Mitarbeiter des Außenministeriums in Ost-Berlin gar einen »stellvertretenden DDR-Bürger«. Für die »Westfälische Rundschau« in Dortmund berichtete Nöldechen (Jg. 1930) seit 1974 über das Land der begrenzten Unmöglichkeiten. Artikel aus den letzten fünfzehn Jahren des Arbeiter- und Bauernstaats hat er nun in einem Buch gesammelt. Erschienen ist es, ebenso dezent wie geschmackvoll gestaltet, im callidus Verlag in Wismar. Dort publizierte der Journalist im Vorjahr auch eine Neuausgabe seines »Bilderbuches von Uwe Johnsons Jerichow und Umgebung«.
Wie der Autor eingangs betont, ist die »Westfälische Rundschau« eine Regionalzeitung ohne »Seite drei«, die in anderen Printmedien der ausführlichen Behandlung eines Themas vorbehalten ist. Auch für ihr Feuilleton ist die »WR« nicht bekannt. Nöldechen musste sich stets kurz und bündig fassen. Die Redaktion gab ihrem DDR-Korrespondenten nur die Empfehlung mit: »Ständige Berichte sind wichtiger als einmalige Sensationen.« Das blieb sein Grundsatz. Und doch wurde er mit einer einmaligen Sensation belohnt: Mit dem Fall des Eisernen Vorhangs. An der Pressekonferenz, auf der Schabowski die Grenzöffnung verkündete, hat Nöldechen teilgenommen, konnte aber die Nachricht nicht umgehend übermitteln, weil telefonisch kein Durchkommen war. Als er dann in West-Berlin die Nachricht absetzen wollte, ging sie schon über die Ticker der Nachrichtenagenturen.
Es gibt in Peter Nöldechens Band »Geteilte Erinnerungen« kaum ein DDR-Thema, das er nicht versucht hat, den Lesern im fernen Nordrhein-Westfalen nahezubringen. Von der Tagespolitik bis zur Theaterlandschaft des Honecker-Staats ist alles präsent, was die DDR seinerzeit begreifbarer machen konnte. Eine wichtige Rolle in seiner Berichterstattung nehmen die Probleme Umweltsch(m)utz und das Verhältnis von Kirche und Staat ein.
Am Anfang seiner Tätigkeit stand 1974 ein Bericht über den Besuch einer Schule in Neustrelitz. Peter Nöldechen ließ sich von Anfang an kein X für ein U vormachen. In diesem wie in allen folgenden Beiträgen berichtet er kritisch über das Gesehene und Gehörte. Nach der Stippvisite in der Neustrelitzer Bildungsanstalt etwa kommt er zu dem Schluss: »Ob aber selbständig denkende und handelnde Staatsbürger aus diesen Schulen hervorgehen, scheint fraglich.«
Der letzte Beitrag datiert vom 11. November 1989 und zitiert eine Ost-Berlinerin, die nach dem Mauerfall West-Berlin mit dem Ausruf betrat: »Guten Abend – ich werd' verrückt!« Spätestens an diesem Punkt wird der in der DDR sozialisierte Leser dasselbe Fazit ziehen können wie der Bürgerrechtler Jens Reich, der im Vorwort zu »Geteilte Erinnerungen« treffend bemerkt: »Ich will offen bekennen, dass eine Sammlung von Berichten, wie sie Nöldechen vorlegt, ein Beleg dafür ist, dass er die DDR besser kannte als ich selbst.«
Peter Nöldechen: Geteilte Erinnerungen. Berichterstattung aus der DDR 1974-1989. Mit einem Essay von Jens Reich. callidus Verlag, Wismar. 237 S., brosch., 18,90 €.
Aktuelle Ausgabe: 25.05.2012
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