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Von Jan Freitag 31.03.2010 / Wirtschaft

Und stets ein lachender Dritter

Das Wirtschaftsmagazin »enorm« versucht sich am nachhaltigen Ansatz ökonomischer Analyse

Das »bedingungslose Grundeinkommen« ist fürwahr ein aberwitziges Projekt. Bekämen alle Menschen im Land – erwerbslos oder nicht – rund 800 Euro im Monat, könnte man sich Kosten für Bürokratie, Sozialhilfe und Verdruss in ähnlicher Höhe sparen. Das glaubt zumindest die wachsende Schar der Befürworter. »Der Faulste wird König im Schlaraffenland«, titelt dagegen das brachialliberale Organ »eigentümlich frei« und liegt mit dieser Abwehrhaltung zur Rundumversorgung ungefähr auf FDP-Linie.

Die publizistische Gegenseite klingt differenzierter: »Wunschkonzert für Schnorrer oder Systemwandel im Feldversuch?«, fragt das neue Wirtschaftsmagazin »enorm« und zeigt mit dieser Haltung den Frontverlauf der Ressorts für Märkte und Moneten: Wo »eigentümlich frei«, das gerade die 100. Ausgabe feiert, den Staat bestenfalls zum Abfedern kapitalistischer Katastrophen duldet, möchte »enorm« in der Mitte März erschienenen Nullnummer Alternativen zur Schlacht um die Dividenden aufzeigen.

Das klingt fast so drollig wie das bedingungslose Grundeinkommen selbst: eine Zeitschrift rund ums Geldverdienen jenseits allen Gewinnstrebens; ein nachhaltiges Heft für den freien Markt; eine Wirtschaftspostille ohne Profitsucht um jeden Preis. »Bei uns haben Geschichten stets einen lachenden Dritten«, beschreibt Chefredakteur Thomas Friemel das Konzept. Es heißt »Social Business« und will, so der Untertitel der Zeitschrift, »Wirtschaft für den Menschen« machen. Damit am Ende nicht nur Unternehmer und Konsument das Lachen haben, sondern alle. Dabei setzt sich »enorm« eigentlich wie »eigentümlich frei« durchaus für unternehmerisches Ertragsstreben ein. Nur eben ganzheitlich. Dass der langjährige Reporter Friemel sein Produkt am Redaktionsstandort Hamburg auf schlichten Papptafeln vorstellte, ist da kein Wunder.

Gedruckt auf rauem Altpapier, gemacht im jungen und nachhaltigen Verlag »Social Publish«, gefüllt von Spitzenjournalisten, gestaltet in glitzerfreiem Layout, ist die Vierteljahresschrift keine für prinzipienstrenge Ehrenamtsveteranen oder asketische Ökofundis. »Wie überall in der Wirtschaft geht es auch bei uns ums Geld«, betont Friemel. Nur: Wer es verdient, mit was für Mitteln, unter welchen Opfern – darin wolle man sich unterscheiden. Und tut es auch, zunächst mit 80 000 Exemplaren, acht Mal so viel wie »eigentümlich frei« also.

Abgesehen von netten Rubriken wie der »Börsenspekulation«, wo man am Inhalt des Portemonnaies Prominente erkennen soll, und abgesehen auch von einer sehr personenlastigen Themensetzung und den Versatzstücken des klassischen NGO-Publizismus wie Lateinamerikabericht und Selbstlosigkeitsbelobigung, zeigt »enorm« sehr sachlich, wie man sehr sozial Kohle macht. Mit Features über Mikrokredite in Asien, Reportagen über Solaranlagen in Afrika, Geschichten über Modelabels aus dem Knast oder Porträts ganzer Länder – diesmal Brasilien.

Das ist natürlich ein zweischneidiges Schwert und dennoch weit abseits tradierter Trennlinien von links bis rechts, wie Friemel glaubhaft beteuert. Dennoch: Anzeigenkunden wie BMW oder die HypoVereinsbank mögen mit nachhaltigen Produkten im Blatt werben; aufs Ganze gesehen betreiben solche Firmen aber das, was die künftige Kolumnistin Kathrin Hartmann im Bestseller »Ende der Märchenstunde« als »Greenwashing« bezeichnet: soziale, ökologische oder sonst wie sittsam scheinende Feigenblätter im turbokapitalistischen Portfolio.

Man wolle aber nicht über Sponsoren funktionieren, sondern mittels marktüblicher Mechanismen, erklärt der geschäftsführende Gesellschafter Alexander Dorn das Dilemma: »Wir würden auch Reklame eines Mineralölmultis drucken.« Standpunktlosere Konkurrenten wie »brand eins« leiden da natürlich an weniger Gewissensbissen. Aber wie sagte doch Bill Clinton so schön: »Es geht um Wirtschaft, Dummkopf«. Und manchmal eben um nachhaltige.

enorm – Wirtschaft für den Menschen; www.enorm-magazin.de

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