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Von Knut Henkel, Ciudad Juárez 07.04.2010 / Wirtschaft

»Das Modell Maquiladora ist am Ende«

Die mexikanische Fabrikstadt Ciudad Juárez an der Grenze zu den USA leidet unter der Krise

Mexiko ist das Land Lateinamerikas, welches am stärksten unter der Krise in den USA leidet. Synonym dafür ist die Krise in den Weltmarktfabriken, den Maquiladores, an der US-Grenze. Verheerend wirkt sich die Rezession in Ciudad Juárez aus, wo ökonomische Perspektivlosigkeit sich auch in der Rekrutierung Jugendlicher durch die Drogenkartelle niederschlägt.
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Gloria Méndez wünscht sich, dass ihr Sohn Edgardo nicht in der Maquila arbeiten muss.
Einen Steinwurf weit vom internationalen Flughafen von Ciudad Juárez befindet sich der erste Gewerbepark der Stadt. Hinter geräumigen Fabrikhallen stehen die Trucks Schlange, um Waren zur Grenze mit den USA abzutransportieren. »Auto- und Elektronikteile, aber auch Motoren werden in Ciudad Juárez vor allem zusammengesetzt«, erklärt Yéffim Fong. Der Gewerkschafter mit dem zerzausten Bart à la Karl Marx hat früher selbst am Band gestanden und Teile für US-Kunden zusammengesetzt. Heute hat er einen Computerjob im Krankenhaus und arbeitet nebenbei als freier Journalist für einen Radiosender.

Der Nachkomme chinesischer Einwanderer ist zufrieden, dass er nicht mehr in der Maquila stehen muss. »Die Maquila frisst dich, heißt es hier in Juárez, denn Schichten von sechs Uhr morgens bis sechs Uhr abends sind nicht die Ausnahme. Außerdem ist die Arbeit am Band monoton, jeder ist austauschbar und es ist nicht leicht, mit den Kollegen richtig in Kontakt zu kommen«, erzählt der kräftige Enddreißiger und fährt fort: »Die kommen doch alle aus anderen Regionen Mexikos.« Aus Monterrey, Veracruz, Oaxaca und anderen Bundesstaaten haben die großen Autozuliefererbetriebe Arbeitskräfte angeworben. Viele zogen in die unwirtliche Grenzstadt, denn Arbeit ist knapp in Mexiko.

Drogenkrieg und Wegzug prägen das Stadtbild

So schwoll die zu großen Teilen in der Wüste liegende Stadt ab Mitte der 1960er Jahre kräftig an. »Von einer halben Million Einwohner stieg deren Zahl auf das Dreifache an. Immer neue Industrieparks in direkter Nähe oder der Umgebung der Grenze entstanden«, sagt Hobbyhistoriker Fong.

Daran hat sich bis heute nichts geändert: Trotz der tiefgreifenden ökonomischen Krise – Mexikos Wirtschaft schrumpfte 2009 um sieben Prozent – werden in Ciudad Juárez neue Industrieparks geplant. Die Landbesitzer, die seit jeher einen Daumen auf den Flächen in direkter Grenznähe haben, wollen es so. »Laut mexikanischem Recht dürfen Ausländer kein Boden in Grenznähe besitzen und das heizt die Spekulation mit den Flächen zusätzlich an«, erklärt Fong.

Die Zersiedlung der Autostadt Ciudad Juárez, die von mehrspurigen Straßen mehr schlecht als recht zusammengehalten wird, wurde dadurch kräftig vorangetrieben. Den Unternehmern ist das egal, die Belegschaft wird ohnehin aus den abgelegenen, staubigen und oftmals trostlosen Stadtvierteln aus dem Süden und dem Westen der Stadt zu den Maquilas, wie die Fabriken der Kürze halber genannt werden, kutschiert. Ausrangierte US-Busse kurven am späten Nachmittag durch die Barackenviertel der Arbeiter. Im Norte, dem Norden, residiert die Mittel- und Oberschicht der Stadt – soweit sie nicht schon längst ins benachbarte El Paso gezogen ist.

Jenseits des Grenzflusses Rio Grande, der die meiste Zeit des Jahres nicht viel mehr als ein Rinnsal ist, lebt es sich sicher, während in der »Hauptstadt der Maquiladora« der Drogenkrieg tobt. Kein Tag vergeht ohne Morde, Vergewaltigungen und Angst. Angesichts überbordender Gewalt und ökonomischer Perspektivlosigkeit ist die Abwanderung zum bestimmenden Phänomen geworden: Mehrere hunderttausend Menschen hat Ciudad Juárez in den letzten zwei Jahren verloren, schätzen Sozialwissenschaftler der autonomen Universität der Stadt. Erst der nächste Zensus wird Aufklärung bringen, doch der Leerstand vieler Häuser und die heruntergezogenen Rollläden vieler Geschäfte sprechen eine deutliche Sprache. »Ein Drittel der Gebäude der Stadt steht leer«, berichtet Architekturprofessor Louis Martínez.

Einige Bundesstaaten wie Veracruz bieten Auswanderern die Rückkehr in ihre Heimat an – immer öfter erfolgreich. »Ciudad Juárez bietet keine Perspektive, denn die Maquila spuckt die Leute aus«, klagt María Santos Alvárez. Auch sie hat früher in der Maquila gearbeitet – heute hat die 53-Jährige dort keine Chance mehr auf einen Job. So zieht sie die Kinder ihrer Tochter auf, die im Gefängnis sitzt. »Marihuana hat sie geraucht, und fünf Jahre lautet das Urteil«, erklärt sie genervt.

Derzeit müssen die Arbeiter in Ciudad Juárez schon froh sein, wenn ihr Betrieb noch produziert. Die Autokrise in den USA schlägt voll durch, auch Elektroartikel wurden zum Ladenhüter. Viele Betriebe lassen nur zwei oder drei Tage in der Woche produzieren, entlassen Arbeiter und drücken die ohnehin kargen Löhne: Sechshundert Peso, umgerechnet knapp vierzig Euro, zahlen die Fabriken im Durchschnitt pro Woche.

Instabiler Eckpfeiler der mexikanischen Wirtschaft

Ausnahmen wie die von Gloria Méndez bestätigen nur die Regel: Sie verdient 1500 Pesos, knapp 90 Euro pro Woche. Ein fürstliches Salär für die sterbende Stadt. Medizinisches Equipment produzieren die rund 1200 Arbeiter bei EES. Die Arbeitsbedingungen seien gut, sagt die 44-jährige alleinerziehende Mutter. »Selbst eine Arbeitervertretung haben wir im Werk«, so die Witwe, die davon träumt, ihren beiden Kindern eine gute Ausbildung zu ermöglichen.

»In den Fabriken gibt es keine Zukunft« sagt Méndez. Zehntausende haben ihren Job in den letzten 24 Monaten verloren. Von 142 000 ist die Rede in der Hochglanzbroschüre »Juárez – El Paso Now«, die in den Hotels der Umgebung ausliegt. Dort wartet man sehnsüchtig auf den Aufschwung, die anziehende Konjunktur beim großen Bruder im Norden. Die lässt auf sich warten, doch am Modell der Maquila wird festgehalten. »Dabei zahlen die Montagebetriebe kaum Steuern, verweigern den Arbeitern elementare Arbeitsrechte und ziehen manchmal buchstäblich über Nacht ab«, klagen Gewerkschafter wie Yeffím Fong.

Ausnahmen wie bei Foxconn, einem Elektrozulieferer, wo die Arbeiter letztlich Rechte durchsetzen konnten, sind selten. Nachdem die Arbeiter auf die Barrikaden gegangen waren, weil Foxconn immer mehr Mitarbeiter in Subfirmen auslagerte, lenkte die Firmenleitung im März ein. »Gewerkschaftliche Aktivitäten sind nun genauso legal wie das Outsourcing in Serviceagenturen illegal ist«, freute sich Jesús Díaz Monárrez vom Gewerkschaftsverband CTM.

Doch mehr als ein Achtungserfolg ist das nicht. »Generell gilt, dass internationale Konventionen in Ciudad Juárez, Tijuana oder Puebla (weiteren Standorten der Maquila) keinen Bestand haben«, erklärt Valeria Scorza. Sie ist Koordinatorin von Prodesc, einer Nichtregierungsorganisation, die sich für wirtschaftliche, soziale und kulturelle Menschenrechte in Mexiko einsetzt. »Das zentrale Problem ist, dass das Konzept der Maquiladora nur einigen wenigen Gewinne bringt. Den Grundstücksbesitzern, den Unternehmen, aber schon nicht mehr der regionalen Regierung, denn die erhält in aller Regel keine Steuern, muss aber für die Infrastruktur sorgen. Das ist eine Subventionspolitik, die sich letztlich kaum auszahlt«, analysiert die Politologin. In der Krise werden diese Facetten der Maquilas, die als eine von vier Säulen der mexikanischen Wirtschaft gelten, erst deutlich. Eine Folge ihres Zusammenbrechens ist, dass die Drogen- und Waffenkartelle ihren Nachwuchs bereits an den Schulen rekrutieren. Jugendliche ohne Perspektive gibt es nämlich in Ciudad Juárez immer mehr.

Ciudad Juárez

Die Entwicklung der Maquila-Industrie geht bereits auf die späten 1960er Jahre zurück, als europäische und US-Textilunternehmen in Mexikos armen Nordprovinzen zunehmend Niederlassungen gründeten. Von Mexikos Regierung wurden die sogenannten Maquiladores steuerlich begünstigt – durch den Maquila-Erlass aus dem Jahr 1989. Demnach können die Unternehmen ihre Produktionsanlagen und Rohstoffe zollfrei einführen, müssen sie aber zu einem späteren Zeitpunkt wieder außer Landes bringen. Daher werden hauptsächlich Güter und Halbfertigwaren für den Export produziert. khl

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24.05.2012 | Katja Eichholz, David König und Olaf Präger

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