Von Hans-Dieter Schütt
12.04.2010

Das Graben! Nicht die Grube.

Literatur ohne Land? Aufsätze über das, was von DDR-Literatur bleibt: Autoren

Vor wenigen Wochen veröffentlichte die Hamburger »Zeit« einen Essay von Alexander Cammann: »Im Osten ging die Sonne auf«, Untertitel: »Lichtjahre voraus: Warum die Literatur, die aus der DDR kam, die Werke des Westens immer noch überragt«. Der Autor bescheinigt der DDR-Literatur »zu Unrecht vergessene Vielfalt, spröden Reiz« und sieht »intensivere Leseerlebnisse als manche Walser-Wohmann-Wondratschek-Ware«. Die Wunde DDR habe vielleicht nicht immer die bessere, »aber allemal die aufregendere deutsche Literatur« hervorgebracht. Ein bewusster Ton der Polemik gegen jene Polemiker, die DDR-Literatur, Ausnahmen generös herauslösend, wohl eher zum Propagandamüll zählen.

Der Zeitschriftenbeitrag bestätigt einen jüngst herausgegebenen, bemerkenswerten Band betrachtender Texte: »Literatur ohne Land?« – Gedanken zur DDR-Literatur und ihrem Schicksal im vereinten Deutschland. Was zuvörderst meint: fragendes Hindenken zu den Autoren, die im Osten wurden und nun neu bestimmen mussten, wer sie sind.

Literaturkritik ist im besten Sinne immer auch Kritik der Literaturkritik. Frank Hörnigk, dem Verfasser des Vorwortes, ist zuzustimmen: Alle Beiträge des Bandes bindet »ein wohl gemeinsames Bewusstsein« der beteiligten Autoren, dass literarische Texte grundsätzlich jene Spreng-Kraft besitzen mögen, die das bislang gültige kritische Fundament erschüttert und also an Urteilsständen auch der analysierenden Sparte rüttelt. Fragen stellen, die in Frage stellen – auch die Erkenntnisse der eigenen Profession. Das ist der überzeugende Buch-Konsens. Das ist das schöne Selbstbewusstsein dieser Aufsätze. Alles bisher Interpretierte wird ernst- und hergenommen, nichts wird von Überprüfung ausgenommen, »keine der Studien verdient in diesem Sinne gegenüber anderen hervorgehoben zu werden« (Hörnigk).

Mit bezwingender Souveränität, leichthin ordnend und prägnant skizzierend, stehen Janine Ludwig und Mirjam Meuser im Eröffnungsessay inmitten schier überbordender Auffassungen, was das sei, Literatur der DDR oder Literatur über die DDR oder Literatur in der DDR oder Literatur in der DDR trotz der DDR. Wissenschaftler-Namen wie Heukenkamp, Emmerich, Bohrer, Skare, Barck oder Bitterli mögen hier für ein weites Feld der Definitionen stehen – Literatur des Ostens zwischen allen Stühlen, auf denen, mitunter wie besitzergreifend, Deuter sitzen und Stellenwerte zuweisen, zwischen Einsamkeit und Engagement, zwischen Eigensinn und Vernutzung, zwischen dem Traum von besserer Welt und dem Trauma der Realität.

Ludwig und Meuser führen durchs vollgestopfte Gelände (»wir werden uns verlaufen, vereinbaren wir Treffpunkt«, heißt es in einem anderen Essay, von Petra Speck), sie sagen letztlich: Jede Definition ist auch nur eine Möglichkeit. Das Ende des Staates als Ende einer Utopie. Politischer Verlust; daraus entstandener Rechtfertigungsdruck, einem ideologischen Zweck zugearbeitet zu haben; der Wegbruch einer ermutigenden Botschafterfunktion in damals wachsender geistiger Lethargie; ganz neue Marktzwänge nach dem Staatsfinale und die Frage nach dem Wechsel der Schreibstrategien aufgrund veränderter Stofflage – Ludwig und Meuser leuchten in diese Konfliktfelder hinein. Geben mit ihren eigenen Texten und als Herausgeber der anderen zwölf Beiträge (von Jens Pohlmann, Daniela Colombo, Nikolaos-Ionannis Koskinas, Petra Speck, Stephan Krause, Iris Thalhammer, Ralf Klausnitzer, etwa über die späten Texte Heiner Müllers und dessen Gottfried-Benn-Rezeption, Christoph Heins Nach-Wende-Prosa, Stefan Schütz' autobiografisches Schreiben, Ulrich Plenzdorfs Versuche über Glückssuche, Peter Wawerzineks »Abrechnung mit dem Prenzlauer Berg der neunziger Jahre« und Annette Gröschners »Poetik der engagierten Sachlichkeit«) überzeugende, anregende Beispiele umsichtigen Urteilens. Frei von vorgefertigter Selbstsicherheit. Ganz ohne den faden Rigorismus einer nachträglichen Delegitimation jener Weltveränderungsenergien, die einem Teil der DDR-Literatur eingeschrieben war.

Hier lassen sich – meist jüngere – Betrachter eines seit zwanzig Jahren gleichsam abgeschlossenen Sachgebietes von der nach- und weiterwirkenden Lebendigkeit eines in der DDR geborenen, vielgestaltigen Schreibens bewegen, das sich mit Kategorisierung und Periodisierung zwar ordnen, aber nicht fassen und schon gar nicht abheften lässt. Die Grundhaltung hier ist Neugier, Offenheit vor allem für die Unverwechselbarkeit jeder einzelnen schriftstellerischen Biografie.

In »Vom Leseland ins Niemandsland – zu Christa Wolfs ›Leib-haftig‹« schreibt Nikolaos-Ioannis Koskinas, der DDR-Autor habe zunächst mit der Zensur, dann mit der Selbstzensur kämpfen müssen, »in einem Stakkato aus persönlichen Krisen, Ernüchterung, Ausgrenzung und Anerkennung, aus Kontinuität und Bruch«. Im Gegensatz zu einer weit verbreiteten Annahme sei die DDR-Literatur nie bloß »Stabilisierungs- und Rechtfertigungsapparat des SED-Staates« gewesen, wie sie »andererseits auch nie nur dessen Gegner war, der stets Widerstand geleistet hätte. Denn die DDR war nicht nur der soziale Hintergrund der ostdeutschen Literatur, sie war auch deren Produkt«.

Das ist, wenn man ihn ins Heute weiterdenkt, ein toller, kühner Satz. Er gestattet den Literaten (der DDR) die berechtigte Frage, die in neuerer Welt unbotmäßig geworden ist: Wem nützen wir? Der Satz erinnert an ein literarisches Verhalten, das an Praxis mittun will, an Aufbau wie an Gegenwehr. Das war das Neue, das ist jetzt das Veraltete. Scheinbar nur. Denn in den Schreibstrategien der ausgewählten Schriftsteller entdeckt das vorliegende Buch, wie der existenzielle Ernst, mit dem in der DDR geschrieben wurde, auch unter neuen gesellschaftlichen Vorzeichen kritische Kraft bewahrt und produziert. Exemplarisch dafür: Meusers Text über Rainer Kirsch und dessen Pflichtgefühl für Hoffnung – das ein konsequent gegengewichtiges, kritisches, abständiges Leben gegen, ja: jedes System voraussetzt.

Die größte Kraft in diesem Zusammenhang hat der Essay von Petra Speck: »Kein fester Grund – Denk Figuren im Stück Werk von Volker Braun«. Jenes erwähnte Widerständige der Literatur erscheint hier als lustvolle Arbeit am immerwährenden Scheitern. Mit fast tragischer Konsequenz, was zum Beispiel die Nichtmehr-Existenz des Dramatikers Braun betrifft; die Autorin sieht als Ursache des Nichgespieltwerdens didaktisches Übermaß, Figuren so aufstörend wie auch verstoßend als fortwährende Denkfiguren, die sich von der »handelnden Sprache« entfernen. Brauns »achtenswerte Inkonsequenz« besteht darin, in großer Ratlosigkeit ebenfalls hoffend zu bleiben, Speck nennt das die Stärke, die des Dichters Schwäche ist, seine Schwäche, die seine Stärke ausmacht.

In Literatur Hineinforschende, wie in diesem Buch, sind zuvörderst Leser. Lesen ist Anverwandlung. Wer liest, der glaubt, dass man das, was man verstehen könne, auch sein könne. Wenn Sprache in uns diese schöne Anmaßung der Seele mitbekommt, dann wird sie frei. Sie wird selber Erzählerin. Quasi Fortsetzerin des Schriftstellers. Wo etwa ein geschultes Vokabular in einem Text nur die Wahrheit findet, es sei etwas faul im Staate Dänemark, da sucht Sprache weiter nach Hamlet.

So wird Literaturwissenschaft zum weitertreibenden Teil von Literatur. Sprache macht kenntlich. Sprache ist ein Personalausweis. Und jene Anverwandlung, die auch den kritischen Text zur Liebeserklärung an ein er-lesenes Erlebnis erhebt – solch erzählerische, im Sinn sinnliche Sprache ist in diesem Band besonders an besagtem Braun-Essay von Petra Speck und ihrem Plenzdorf-Aufsatz festzumachen. »Wer glaubt, die weiteste Landschaft sehe man vom höchsten Punkt aus, erhält einen Überblick höchstens. Ein Bild aus der Distanz, ohne Geruch, ohne Berührung, ohne Schmerz. Das interessiert Braun nicht, er sucht den tiefsten Punkt – und findet ihn doch nicht, kann immer nur graben, tiefer und tiefer. Es geht um das Graben, nicht um die Grube. Das Ausgehobene lagert nebenan und wächst. So entstehen beim Graben nicht nur Tiefen, sondern auch Höhen, das ist so natürlich wie dialektisch.«

Zeilen aus dem Braun-Aufsatz. Lesbar auch als Kurzporträt dieses empfehlenswerten Buches.

Janine Ludwig, Mirjam Meuser (Hrsg.): Literatur ohne Land? Schreibstrategien einer DDR-Literatur im vereinten Deutschland. Mit einem Vorwort von Frank Hörnigk. Fördergemeinschaft wissenschaftlicher Publikationen von Frauen e.V., Freiburg. 287 S., brosch., 26 €.

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