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Von Michael Sagorny
12.04.2010
Brandenburg

Kaufhalle auf Rädern

Den Dorfkonsum gibt es nicht mehr / Auf dem Land sind deshalb Verkaufswagen unterwegs

Anett Schwär bedient.
Anett Schwär bedient.

Der neun Meter lange Transporter wendet und fährt rückwärts vor eine Toreinfahrt in Karche Zaacko. Dann hupt er. Der Ort in der Niederlausitz hat 200 Einwohner. Die Entfernung zum nächsten Supermarkt beträgt sechs Kilometer. Nach kurzer Zeit kommt eine betagte Frau langsam durch das Tor. Bedächtig steigt sie die Treppen hinter einer Tür auf der Beifahrerseite des großen Wagens hinauf. Jetzt steht sie zwischen den mit Waren vollgepackten Regalen, ganz wie in einem Supermarkt direkt vor ihrer Haustür.

»Hallo Frau Dobert, wie geht es Ihnen? Was darf es denn diese Woche sein?«, wird sie freundlich von der Verkaufsfahrerin Anett Schwär begrüßt. Es ist der Beginn eines außergewöhnlichen Einkaufs in herzlicher Atmosphäre. Anett Schwär nimmt sich immer Zeit für ein Schwätzchen, obwohl ihr der Fahrplan im Nacken sitzt. »Im Supermarkt könnte ich nicht arbeiten«, sagt die 45-Jährige. »Da fertigt man den Kunden einfach ab. Hier ist es vertraut und persönlich.« Es passiert auch, dass Schwär bei alten Kunden, wenn diese umziehen, eine Haltestelle vor ihrem neuen Zuhause einrichtet.

»Im Grunde ist das ein rollender Tante Emma Laden«, erklärt Schwär. »Ich führe Lebensmittel, Obst, Gemüse, aber auch Zeitungen, Getränke, ein paar Textilien, Hygieneartikel und vieles mehr, was man auf dem Land halt so braucht. Anders als die meisten fahrenden Händler halte ich in den Dörfern nicht an den zentralen Plätzen, sondern direkt vor den Häusern der Kunden, die nicht mehr gut laufen können.«

Mit ihrem rollenden Supermarkt legt sie so am Tag 140 Kilometer zurück. Jeden Wochentag eine andere, festgelegte Route, so dass sie einmal wöchentlich ihre Kundinnen besucht. Die sind meistens zwischen 60 und 90 Jahre alt. Nach fünf Stopps in Karche Zaacko und einem in Kreblitz steuert Anett Schwär Kasel-Golzig an. 783 Einwohner leben hier. Der nächste Supermarkt ist zehn Kilometer weit weg.

Die Lieferung der Waren an die Haustür klingt wie ein tolles Luxusangebot, ist aber die Folge einer bitteren Realität. Vor der Wende hatte fast jedes Dorf seinen Konsum. Danach kamen die Supermärkte in die Städte. Den Dorfläden war die Existenzgrundlage entzogen. Sie machten dicht. Viele Menschen verlieren ihre Arbeit. Schlimmer noch: Senioren können nicht mehr einkaufen.

»Bei Eis oder im Krankheitsfall bringe ich meinen Kunden den Einkauf auch schon Mal direkt ins Haus«, sagt Schwär. Sie stoppt den Transporter erneut, hupt. Während sie auf ihre Kundschaft wartet, erzählt sie: »Am 12. März 1991 habe ich mit dem Geschäft begonnen. Mein Mann stand kurz vor der Kündigung, da haben wir uns diesen großen Einkaufswagen zugelegt. Doch dann ging es bei der Arbeit meines Mannes weiter – aber ich hatte die Kündigung auf dem Tisch. Also habe ich damals angefangen, die Menschen auf den Dörfern mit Lebensmitteln zu beliefern. Wir führen viele No-name-Produkte. Dadurch können wir die Ware trotz des großen Aufwandes zu einem fairen Preis anbieten.«

Nach fast 20 Jahren unterwegs ist der Kontakt zu den Kundinnen ausgesprochen herzlich geworden. »Mit meiner Geschäftsidee habe ich mich und inzwischen auch meinen Mann vor der Arbeitslosigkeit gerettet. Mittlerweile habe ich sechs Angestellte und drei rollende Supermärkte, die im Raum Luckau und Herzberg verkehren«, resümiert Anett Schwär. Eine Erfolgsgeschichte, für die sie gern 12 bis 14 Stunden am Tag rackert.

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