Nun kann sie ein erstes Jubiläum begehen: Die Biennale Alter Musik findet zum fünften Mal im Berliner Konzerthaus statt. Als Besonderheit im hauptstädtischen Musikleben ist sie inzwischen zur Attraktion fürs Publikum geworden. Das »Zeitfenster« hat den Blick (das Ohr) zur Vergangenheit europäischer Musikkultur auf vielseitige Weise geöffnet, ohne sich in abstrakt Musealem zu verlieren, sondern stets in lebendigem Flair zu unserer Gegenwart. Nicht nur Linien des Werdens musikalischer Spezifik wurden erkennbar, immer ging es vor allem auch um die Lust am Musizierten.
Dass man darin nun weitergeht, verspricht neuen Gewinn. Diesmal werden »Fallstudien« geboten, ganz wörtlich zu verstehen als Niederlage nach einem Aufstieg. »Hochmut kommt vor dem Fall« – diesen Spruch des biblischen Königs Salomon haben sich die Veranstalter als Motto gewählt. Gemeint sind Ehrgeiz, Macht, Hybris – und Abstieg politischer Herrscher. Wohl ein recht pauschaler Grundsatz, zumal wenn Aktualität zur heutigen Krisensituation bewusst gemacht werden soll, wie im Programmbuch behauptet wird. Die Zeitabstände vom 17. bis zum 21. Jahrhundert bergen ja über »allgemein Menschliches« hinaus sozialhistorische Unterschiede, ja Gegensätze, die Parallelen ausschließen.
So wirkten »Aufstieg und Fall« des Eröffnungskonzertes weniger politisch aktuell als viemehr ästhetisch anregend und überraschend, waren doch vornehmlich unbekannte Musiken von Georg Philipp Telemann (1681-1767) und Reinhard Keiser (1674-1739) zu hören, besser: zu entdecken. Ausschnitte aus Werken, die beide für die Blütezeit der frühbürgerlichen Gänsemarkt-Oper (1678-1738) in Hamburg verfasst haben. Sicher, es sind Opern auf antike Sujets, Geschichten um absolute Herrscher, aber komponiert voller Witz und Grandezza.
Doch gab es im ersten Teil des Abends keine zusammenhängenden Werkpassagen, vielmehr ein Arrangement, mit dem die Veranstalter Wesentliches zu den »Fällen« vorstellen wollten (Konzeption: Peter Huth). Spezifisches zu jeweiligen Protagonisten wie zur Sphäre der Macht und ihrer menschlichen Gegenspieler wurde gleichsam fokussiert. Da waren »Der hochmütige, gestürzte und wieder erhabene Croesus« und »Der Gestürzte und wieder erhöhete Nebucadnezar« von Keiser wie Telemanns »Germanicus« an der Reihe – Demonstrationsfiguren gewissermaßen.
Hier waren denn auch militärische Bravour und Herrscherglanz dominant. Märsche (insgesamt zehn an der Zahl) prägten mit Pauke und Trompeten das Geschehen, neben solchen der genannten Komponisten auch Märsche von Bach und Händel. Vokales eher im Hintergrund. Dem inhaltlichen Verlauf zu folgen, war allerdings kaum möglich, weil die geplante Projektion auf zwei großen Tafeln technisch ausfiel und man uninformiert blieb. So wunderte man sich nur über die rätselhafte Folge von Märschen.
Das nachdrücklichere Erlebnis gab dagegen der zweite Teil mit Telemann in vorzüglicher Interpretation aller beteiligten Ensembles: Die Akademie für Alte Musik und das Vocalconsort Berlin, die Sopranistin Roberta Invernizzi, der Countertenor Tim Mead und der Bariton Dietrich Henschel leisteten unter Leitung von Christopher Moulds Hervorragendes. Die Vokalkultur (auch des Chores) kam unter der feinsinnigen Zeichengebung des Dirigenten blitzblank zur Geltung. Transparenz und Klangschönheit gaben mancherlei Anlass, Telemann neu zu erleben – mit Teilen seiner Oper »Sieg der Schönheit/ Der große König der afrikanischen Wenden, Genserius, als Roms und Carthagens Überwinder«.
Dabei geht es sowohl um Glanz und Macht (Märsche und Heldenmusik) wie um Menschliches, den Sieg der Liebe des Herrschersohns über ehrgeizige Vaterpläne. Die Arien des Siegers, von Dietrich Henschel stimmprächtig präsentiert, die Arien der Kaiserin Eudoxia in bei Telemann ungeahnter Innigkeit von Roberta Invernizzi mit lyrischer Wärme gesungen. Pastorales und Dramatisches in Soli und Duetten, auch Humorvolles des »aufgeklärten Herrschers« und Köstliches beim »Trick der Pulcheria« oder Zartes vom »aufgeweckten Prinzen« im wundervollen Gesang des Counters Mead, faszinierende Instrumentalbegleitungen, etwa von der Trompeterin Ute Hartwich. Bis zum Finaljubel mit Chor – auf solche Weise war Telemann bislang selten zu hören.
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