16.04.2010

Die Puppennäherin von Ravensbrück

Wie Elisabeth Jäger aus Wien in die Hände der Faschisten geriet

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»Nie werde ich das unbändige Glücksgefühl vergessen, das ich empfand, als wir zum Lager zurückkamen und über dem nun sperrangelweit geöffneten Tor vor strahlend blauem Himmel eine rote Fahne wehte.«

28. April 1945. Die Ravensbrückerinnen, alle, die sich noch auf den Beinen halten können, werden auf »Todesmarsch« getrieben. Auch Leopoldine Elisabeth Morawitz. »Wir haben uns aber bei der ersten Gelegenheit aus dem Staub gemacht.« Wir meint sechs Österreicherinnen und zwei Deutsche. Sie sind vorbereitet, hatten zuvor aus der Kleiderkammer des KZ Zivilkleidung entwendet. Ein Großteil der Bewacher hat sich bereits verflüchtigt. »Das werde ich nie vergessen. Die SS-Männer, die sich immer so stark gaben und so brutal zu uns waren, haben sich in Frauenkleidern davon gemacht!«

Die erste Nacht verbringen die Frauen in einer Mulde, zwischen zwei Straßen, »gar nicht günstig« – auf der einen Seite deutsche Einheiten, auf der anderen die Rote Armee. Geschosse fliegen über ihre Köpfe rüber und hinüber. Am nächsten Morgen trennen sie sich, suchen sich neue Verstecke, »nicht alle auf einen Haufen«. Am 1. Mai steht der erste Rotarmist vor Lisl: »Der Krieg ist zu Ende, gehen Sie nach Hause.« Leichter gesagt als getan. Die Wienerinnen gehen zurück ins Lager. Freiwillig und frei. »Die Freundin von Hilde und die Mutter von Pauli waren ja noch dort, weil sie krank waren.« Lisl hilft bei der Betreuung und Versorgung der ehemaligen Leidensgefährtinnen. »Die sind ja nicht plötzlich gesund geworden, nur weil die Rote Armee gekommen ist.« Bis Mitte Juli harrt sie in Ravensbrück aus. Dann fährt sie nach Hause, nach Wien. Dort erfährt sie, dass ihre Mutter in ein Zuchthaus in Bayern verschleppt worden ist. Wieder macht sich die 20-Jährige auf den Weg. Das Zuchthaus ist aufgelöst. Die von der US-Army Befreiten sind in einer Schule in München untergebracht worden. Lisl entdeckt ihre Mutter auf einer Pritsche, weckt sie auf, sie liegen sich in den Armen. »Es war großartig. Aber dann ging die Heulerei los. Ich dachte nur: ›Sind die alle verrückt geworden?‹ Nein, sie haben geglaubt: ›Die holt jetzt ihre Mama raus und wir müssen hierbleiben.‹« Lisl hat frohe Botschaft: »Draußen stehen zwei Omnibusse und ein Lastwagen. Alle Österreicherinnen kommen mit.«

Wie ist die 1924 in Wien Geborene ins KZ Ravensbrück gekommen? »Das war ein großangelegter Verrat. Es ist den Faschisten gelungen, Spitzel bei uns einzuschleusen. Und dann haben sie die ganze Gruppe aufgerollt.« Lisl gehört der Kommunistischen Jugend an. Nach der »Heimholung« Österreichs ins Deutsche Reich ist sie gleich ihren Brüdern in einer Widerstandsgruppe aktiv. Sie ist Lehrling in einer Schreibwarenhandlung. Sehr günstig für die illegale Arbeit. Sie zweigt Papier und Farbe ab. »Ich habe geklaut, auf Teufel komm raus. Ich wusste wofür. Und der Besitzer hat sich sowieso nicht um sein Geschäft gekümmert.«

3. Juli 1941. »Mama und ich sind am gleichen Tag verhaftet worden. Wir haben den gleichen Vornamen. Sie haben sie an meiner Stelle verhaftet, aber dann im Zuge ihrer Recherchen herausgefunden, dass sie noch aktiver war als ich.« Mutter und Tochter gibt die Gestapo nicht mehr aus ihren Klauen. Lisl wird nach Stadelheim verfrachtet. Dort muss sie in der Rüstungsproduktion arbeiten. In der Münchener Fabrik, die mal der Agfa gehörte, bildet Lisl mit Sepp, »dessen Bruder in Dachau saß«, und mit Anni, »deren Verlobter ein Halbjude war, weswegen sie nicht heiraten durften«, eine kleine illegale Zelle. Sie manipulieren die Produktion so, dass einige Geschosse unbrauchbar sind. Der Tipp kommt von »draußen«. Sie arbeiten mit Zivilisten zusammen, zwangsverpflichteten. »Wir haben in die Kisten immer nur ein beschädigtes Geschoss gelegt. Und immer an einer anderen Stelle, so dass bei Stichproben die Sache nicht auffiel.« Elisabeth Jäger ist die Freude über die gelungene Sabotage noch heute anzumerken. »Wir waren die Gescheiteren. Und die Mutigeren sowieso.«

Als ihre Strafe verbüßt ist, wird Lisl nicht entlassen. Der »Schutzhaftbefehl« weist sie als »Unverbesserliche« aus. In Ravensbrück trifft sie Freundinnen wieder, mit denen sie in Wien eine Zelle geteilt hatte. »Die Friedel Sedlacek war vor mir in Ravensbrück. Sie hat mich angekündigt: ›Die Maxi ist in der Transportzelle, die kommt auch demnächst. Ich wurde also erwartet.« Maxi? »Meine Brüder haben mich schon so gerufen.«

Lisl kommt als Neuzugang auf Block 30. »Das war schlimm. Da sind alle Ankömmlinge gelandet, auch Kriminelle und Huren. Da kam eine ›Asoziale‹ auf mich zu und hat mich an die Hand genommen. Ich bin mitgelatscht. Die Mietzi ist mir hinterhergelaufen, hat mich der entrissen und gesagt: ›Du bleibst hier, du gehst nicht mit der.‹ Das war eine Prostituierte, die brauchte eine Freundin, eine junge. Mietzi hat mich gerettet.«

24. Dezember 1944. Weihnachtsfeier für die 400 Kinder in Ravensbrück. Es gibt Naschereien und Geschenke. Alle Ravensbrückerinnen haben das Ihre getan. »Wir sind singend von Block zu Block gegangen, haben gesammelt. Manche Häftlinge haben noch Pakete bekommen.« Die Frauen basteln Krippen und Puppen. Lisl näht einen Kasper. »Plötzlich steht der Herr Bunte, Ober- oder Unterscharführer, hinter mir. Ich dachte: ›Oh Gott, jetzt passiert was.‹ Aber der hat nur gefragt: ›Würden Sie denn für mich auch so eine Puppe nähen?‹« Lisl will nicht, aber die anderen verlangen von ihr, das sie es tut. »Du machst dem so eine Puppe, und wenn er will zwei.« Bunte bedankt sich mit einem Apfel. Jahre später sucht er Elisabeth Jäger auf; sie soll bezeugen, dass er ihr im Lager einen Apfel geschenkt hat. »Und also zu uns nicht so böse gewesen sein kann«, empört sich die Ravensbrückerin.

Elisabeth Jäger ist 1950 in die DDR übergesiedelt, mit ihrem Mann Martin Jäger, »ein Tiroler Bauernbub« und Spanienkämpfer, dem Egon Erwin Kisch ein literarisches Denkmal gesetzt hat. Elisabeth Jäger ist Urgroßmutter und glücklich. Wenn da nicht die eine Wunde wäre, die nicht verheilt. »Meinen Bruder, dem haben sie ... ich kann das gar nicht oft genug zu verdrängen versuchen ... dem haben sie den Kopf abgeschlagen. Aus der Zelle geholt – und sieben Minuten später war er tot. Ich hätte das alles besser nicht ermittelt. Dass ich es nicht wüsste. Aber jetzt weiß ich jeden Schritt, den mein Bruder zuletzt gegangen ist.«

Bruno Morawitz ist am 23. September 1943 vom »Volksgerichtshof« zum Tode verurteilt und am 25. Februar 1944 in Wien hingerichtet worden. Er war 21.

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