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Von Christoph Nitz 19.04.2010 / Feuilleton

Willkommen im Nirgendwo

Berliner re:publica versammelte internationale Internetszene

Im Vorjahr war die wichtigste Meldung vom Treff der Internetaktiven die fehlende Verbindung zum Internet im Berliner Friedrichstadtpalast – hier konnte dieses Jahr Abhilfe geschaffen werden. Allerdings war die Infrastruktur launig und ein Teilnehmer bloggte sarkastisch: »Nutze die drei Minuten Netz, die ich habe«.

Insgesamt mehr als 165 Veranstaltungen versuchten, der wachsenden Internetszene und ihrer Vielfalt Herr zu werden. Das Tempo war beachtlich, im Stundentakt wechselten Referenten und Publikum – manchmal sogar schon nach 30 Minuten. Besonders bei den Workshops konnte deshalb manches nur an der Oberfläche abgetastet werden, die meisten Sprecher setzten entsprechend auf Frontalvortrag mit Powerpoint-Unterstützung.

Geschwindigkeit und Internationalität waren denn auch die Stärken des Programms. Erfahrungen aus mehr als 30 Ländern konnten in Berlin abgerufen werden, und ein Sammelsurium an Eindrücken galt es zu verdauen. »Modefotografie auf der Straße«, »Kinder ans Netz«, »Digital Life – Analog World«, »unibrennt«, »Was macht Eure Ideen erfolgreich« oder auch »Blog- und Blogger-Typologien« – kaum ein Themenkomplex der internationalen Internetszene fehlte. Mit drei Subkonferenzen wurde der Versuch einer Schwerpunktsetzung unternommen. Besonders nachgefragt war hier die »re:campaign«, die sich den Möglichkeiten von Vereinen und Verbänden, also den sogenannten »NGOs« im Web 2.0 widmete. Weiter im Fokus der Konferenz war Netzneutralität und Lernen mit Web 2.0. Die re:publica bot Bloggern und Aktiven aus Ländern ein Podium, in denen die Freiheit der Meinungsäußerung gering geschätzt wird und wo Repressionen und Sperren Normalität sind: China, Belarus und Iran.

In diesem Jahr konnten die Organisatoren 2500 Teilnehmer melden – davon hatten rund 1600 Tickets zwischen 50 und 350 Euro auf der Internetplattform vorab erworben. Das Motto nowhere kann man verschieden interpretieren: Auf dem Plakat wurde mit Dünn- und Fettdruck now here hervorgehoben, um auf die Vorteile der Kommunikation mittels Internet zu verweisen. Inzwischen steigt die Zahl der Nutzer, die überall und jederzeit mit verschiedenen Applikationen sich zu Wort melden – allerdings kann man das Wort auch als »nirgendwo« deuten, womit die derzeitige Position der re:publica durchaus trefflich beschrieben würde. In vier Jahren wurde aus einem Insidertreffen von Bloggern und Netzaktiven eine Messe mit repräsentativem Charakter und Sponsoren wire IBM, Kodak, Nokia, Philips und Google sowie der feierlichen Verleihung der Preise für Internetblogs »The BOBs«.

2010 stießen Familientreffen einerseits auf Geschäftswelt andererseits, wie diese neue Gemeinschaft zusammengeht, kann man noch nicht abschätzen. Während einige Nutzer sich über ihre Daten im Netz Sorgen machen, wirbt ein dezent als »gesponsorter Talk« gekennzeichneter Beitrag massiv für einen der Sponsoren. Doch insgesamt überwog die gute Stimmung, im Freien konnten bei einem Teller »Chili sin Carne« neue und alte Bekannt- und Freundschaften gepflegt und über die Zukunft des Internets philosophiert werden.

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