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Von Jörg Meyer 21.04.2010 / Wirtschaft

»Häuserkampf« im Trend

Neue Statistik des WSI sieht tariflichen Großkonflikt im Rückgang

Eine neue Statistik zu Arbeitskämpfen zeigt, dass die zunehmende Zersplitterung der Tariflandschaft sich auf Streiks auswirkt – viele kleine Kämpfe statt wenigen großen.

»Wenige Großkonflikte dafür mehr Häuserkämpfe«. Das ist ein Fazit der gestern vorgestellten Arbeitskampfbilanz des Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Instituts (WSI) der Hans-Böckler-Stiftung. Die Forscher erfassen darin regelmäßig Zahlen von Streiks und Streikenden. Rund 420 000 Beschäftigte haben sich 2009 an Arbeitskämpfen beteiligt – eine Million weniger als 2008 – und sorgten so für geschätzte 400 000 Ausfalltage. 2008 waren es noch 540 000. Der Rückgang erklärt sich daraus, dass 2009 Großbranchen wie die Metallindustrie noch aus 2008 gültige Tarifverträge hatten.

Für 2010 rechnet der WSI-Arbeitskampfexperte Heiner Dribbusch mit einem noch geringeren Streikvolumen. Das liege daran, dass die vorgezogene Tarifrunde in der Metall- und Elektroindustrie Anfang des Jahres ohne Streiks über die Bühne ging und auch im öffentlichen Dienst bei Bund und Kommunen die Arbeitskämpfe begrenzt blieben. Besonders die Branchen, die am wenigsten von der Krise betroffen waren, hatten die größten Kämpfe zu verzeichnen, wie der öffentliche Dienst der Länder oder die Gebäudereiniger – in beiden waren überwiegend Frauen an den Kämpfen beteiligt.

Trotzdem setze sich »der seit einigen Jahren zu beobachtende Trend zu konfliktreichen Tarifrunden« fort, sagte Dribbusch. Die Zahl der Streiks blieb 2009 auf dem Vorjahresniveau, was aus den vielen Kämpfen um Haus- und Einzeltarifverträge herrühre. So entschied ver.di 2009 über 163 Anträge auf Arbeitskampfmaßnahmen, gegenüber 149 im Jahr 2008 und 82 in 2007.

Dass die Bundesagentur für Arbeit (BA) viel niedrigere Zahlen ausweist – 28 000 Streikende und 64 000 ausgefallene Arbeitstage in 2009 –, sei eine Definitionsfrage. »Bagatellstreiks werden nicht nachgewiesen«, sagte BA-Sprecherin Ilona Mirtschin auf ND-Anfrage. Dazu zählten Streiks von weniger als zehn Arbeitnehmern, solche, die weniger als einen Tag dauern oder bei denen weniger als 100 Arbeitstage ausfallen.

Dass der Großteil aller Konflikte sich um Haus- und Firmentarifverträge im privaten Dienstleistungsbereich drehe, liege daran, dass die Tariflandschaft immer mehr zersplittere, so Dribbusch. Tarifflucht und die Weigerung vieler Unternehmen seien wesentliche Gründe für die Zunahme von »Häuserkämpfen«. Die Verschiebung in Richtung Dienstleistung habe zu kleinteiligeren Strukturen geführt, bestätigte ver.di-Sprecher Christoph Schmitz gegenüber ND. Gerade in der Gesundheitsbranche würden von Arbeitgebern oft Unternehmensteile ausgegliedert, um aus der Tarifbindung herauszukommen. Aber obwohl strukturelle Schwächen in einigen Bereichen nicht zu leugnen seien, sind »die Gewerkschaften dabei, sich auf das, was passiert, einzustellen«.

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