Dass die Anfrage Anands betreffs einer dreitägigen Verschiebung des WM-Starts sofort regen wie harschen Notenwechsel zwischen den Teams, Organisationskomitee und Schachweltverband FIDE auslöste, war nicht nur eine Frage drohender Zusatzkosten durch bindende TV-Verträge. Ein bisschen Wirbel gehört durchaus zu den Ritualen vor so einem Match. Das ist der Phase des Wiegens beim Profiboxen vergleichbar. Nur dass weniger auf Muskel-, denn auf Taschenspiele abgehoben wird.
Dazu gehört auch die Geheimniskrämerei um die Sekundanten, die verhindern möge, dass der Gegner etwa die strategische und taktische Aufstellung des anderen erfährt. Natürlich gibt es auch keinen Smalltalk beim Frühstück. Zumal die beiden Hotels gegeneinander so abgeschirmt sind wie verfeindete Generalstäbe. Und man wird nicht lange warten müssen, bis die ersten Spionagekolportagen auf dem Nachrichtenmarkt sind.
Wägt man die Chancen zwischen Titelverteidiger Anand und Herausforder Topalow ab, scheint der indische Tiger in der Höhle des bulgarischen Löwen ein wenig beengt zu sein. Die Plakate und Schlachtrufe in Sofias Straßen, die Tendenzberichterstattung der hiesigen Medien schaffen eine Art von Heimspielatmosphäre für Topalow. Doch die beabsichtige Wirkung auf den Inder dürfte in Wahrheit gegen Null tendieren. Vielmehr kann sich Anand bekanntlich unter allen Bedingungen motivieren.
Vielleicht ist der Erfolgsdruck auf Topalow in dieser Heimspielhöhle letztlich sogar beengender. Zwar hatte er vor einem Jahr in Sofia beim Kandidatenturnier gegen den US-Amerikaner Gata Kamsky zum glänzenden Sieg aufgespielt, doch diesmal geht es für ihn und sein Umfeld noch um ein wenig mehr. Selten zuvor wurde ein WM-Match so auf den Herausforder zugeschnitten, selten ein Heimsieg so fest eingeplant.
Das fängt bei der opulenten finanziellen Absicherung der Veranstaltung an. Mit der hat der bulgarische Premier Boiko Borissow nicht nur andere Bewerberstädte ausgestochen. Die Gleichung des national-populistischen starken Mannes in Bulgarien lautet: Titelgewinn = Imagegewinn. Weiterhin ist da das über sportliche wie engere geschäftliche Aspekte hinausgehende neue Macht-Engagement von Topalows Manager Silvio Danailow. Vizepräsident des bulgarischen Schachverbandes ist der Mann bereits, Präsident der Europäischen Schachunion will er demnächst werden. Macher eines Champions zu sein, wäre gut für den Wahlkampf. Und da ist schließlich Topalows großes Ziel, auf das er selbst in den letzten Jahren zuarbeitete: Er war zwar schon einmal zur Zeit des geteilten Titels FIDE-Weltmeister, aber richtiger »klassischer Weltmeister« war er eben noch nicht ...
In wenigen Stunden werden die Akteure zwölf Runden lang ganz unter sich darüber entscheiden, was aus ihren Erwartungen und Erwägungen, aber auch aus denen ihres Umfeldes, ja der gesamten Schachwelt wird. Der Ort des Duells im friedlichen Kriegsspiel ist übrigens gut gewählt. Es ist das ehemalige Sofioter Haus der Offiziere. Heute Militärklub genannt, aber längst vor allem erste Adresse für Hochzeiten und Abibälle.
Schuldig: Jan Ullrich dopte Der Sportgerichtshof CAS verurteilt den einstigen Radprofi nachträglich
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