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Ralf Schenk
22.04.2010

Blickfang

Der Große Jordan

Zehn Jahre lang hat Günter Jordan an diesem Buch gearbeitet; jetzt liegt es, nach einer Internetpublikation durch die DEFA-Stiftung, endlich auch in gedruckter Form vor: »Film in der DDR. Daten – Fakten – Strukturen«. Es ist Grundlagenforschung auf 580 Seiten: Jordan, einst als Regisseur beim DEFA-Studio für Dokumentarfilme angestellt und leidenschaftlicher Filmhistoriker, fügte alles zusammen, was relevant für Filmproduktion und -distribution im deutschen Osten zwischen 1945 und 1990 gewesen ist. Seine Arbeit schließt sämtliche Institutionen, Organisationen und Bereiche ein, die mit Film zu tun hatten, angefangen von den sowjetischen Besatzungsbehörden, der SED, den Ministerien für Kultur und Staatssicherheit, dem Fernsehen bis hin zu Verleih, Künstlerverbänden und Festivals, Kopierwerken und Entsorgungsfirmen. Wer wissen will, wo Filmleute ausgebildet und technische Forschungen betrieben wurden, welche Verlage Filmliteratur edierten, wie die Filmclubbewegung strukturiert war und wer in den Zeitungsredaktionen für Kinoberichterstattung zeichnete: Alle Daten und Namen, sofern sie zu finden waren, sind hier versammelt. Hinzu kommen Informationen darüber, wie das »Filmwesen« der DDR nach 1990 privatisiert wurde: Wer übernahm die Studios? Welche Produktionsfirmen wurden von ehemaligen DEFA-Mitarbeitern gegründet? Und in welchen Verbänden organisierten sich Künstler und Techniker neu?

Für dieses Werk, dessen Kurzbezeichnung vermutlich bald »Der Große Jordan« sein wird, suchte der Autor akribisch in Archiven und Bibliotheken, sprach mit Zeitzeugen und bündelte die verstreuten Fakten auf praktikable Weise. Dank eines Sach-, Schlagwort- und Personenregisters ist schnell herauszufinden, wer an welcher Stelle in welcher Funktion mit Film zu tun hatte. Nicht nur die exakten Amtsperioden der DDR-Filmminister sind erfasst (einer »überlebte« auf diesem Schleudersitz nur ein halbes Jahr), sondern auch die der DEFA-Direktoren, künstlerischen Gruppenleiter, SED-Kunstverantwortlichen oder russischen Kulturoffiziere. Jordan schlüsselt Unterstellungsverhältnisse auf, beleuchtet Entstehung und Metamorphosen der Studios und Kontrollgremien, recherchiert auch alle Filmproduzenten jenseits der DEFA. Dass es bei der Nationalen Volksarmee oder der Post ein eigenes Filmstudio gab, dürfte vielleicht noch bekannt sein; als Überraschung erweist sich dagegen die Vielzahl kleiner privater Produzenten im Filmbereich. Alle Kapitel werden durch sachliche Einführungen in das jeweilige Thema begleitet, mit Quellenhinweisen, Rechtsvorschriften und Literaturangaben belegt. Eine umfassendere Datensammlung zum DDR-Kino gab es nie – obwohl auch hier Lücken bleiben: Das Lichtspielwesen der DDR, also wo wann welche Kinos standen, welche Filme mit wieviel Kopien in den Verleih kamen und wie die Zuschauer wirklich reagierten, ist nach wie vor weitgehend unerforscht.

In den Jahren seiner Sisyphusarbeit wurde Jordan immer wieder von Freunden und Wegbegleitern ermutigt: zum Beispiel von Wolfgang Klaue, dem langjährigen Direktor des Staatlichen Filmarchivs und erstem Vorstand der DEFA-Stiftung, dem auch die finanzielle Unterfütterung des Projekts zu danken ist. Während einer Podiumsdiskussion im Potsdamer Filmmuseum, in dem das Buch jetzt herauskam, wurde darauf hingewiesen, dass ein vergleichbares Standardwerk für die westdeutsche Filmentwicklung nach 1945 eher nicht denkbar sei: Die Strukturen dort waren sehr viel kleinteiliger und unübersichtlicher und sind auch längst nicht so gut dokumentiert. So mag der »Große Jordan« ein Unikat bleiben: unverzichtbar für alle, die künftig zum »abgeschlossenen Sammelgebiet« Film in der DDR forschen und publizieren. Denn wer interpretieren will, muss sich zunächst erst einmal Kenntnisse aneignen: Jordan bereitet dafür bestens den Boden.

Günter Jordan: Film in der DDR. Hg: Filmmuseum Potsdam. 580 Seiten, geb., 45 €.

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