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Von Andrea Gerecke 24.04.2010 / Menschen & Leben

Ohne Krimi geht die Mimi nie ins Bett

Im deutschsprachigen Raum unterwegs – Mörderische Schwestern

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Warum gerade Frauen so ein Faible für Mord und Totschlag haben, wird wohl weiterhin von Geheimnissen umwittert bleiben. Fest steht, die Damen machen bei Lesungen die große Überzahl der Zuhörer aus. Sie sind es, die man in den Öffentlichen mit einem Buch in der Hand antrifft, die sich einen Urlaub ohne entsprechende Lektüre nicht vorstellen können, die immer wieder Bücher verschenken. Frauen eben!

Und manchmal verbünden sie sich. So wie die Mörderischen Schwestern – ein Netzwerk von Krimiautorinnen, Bücherfrauen und Leserinnen. »Wir informieren uns gegenseitig über alte und neue Krimis, Autoren und Autorinnen und Veranstaltungen. In kollegialer und freundschaftlicher Atmosphäre arbeiten wir gemeinsam an der Verbesserung eigener Texte und tauschen uns über Publikationsmöglichkeiten und unsere Erfahrungen aus. Wir unterstützen uns mit Vorträgen, Workshops und Gesprächen über alle Themen, die mit dem Schreiben und Lesen von Krimis zu tun haben«, heißt es auf der Website der Vereinigung.

Die jährliche Vollversammlung der Mörderischen Schwestern findet an wechselnden Orten statt – im November 2010 in Berlin mit zahlreichen zum Teil auch öffentlichen Veranstaltungen. Dort werden die Präsidentin, Vizepräsidentin und Schatzmeisterin gewählt. Präsidentin Ulla Lessmann führt derzeit die Geschäfte der Mörderischen Schwestern. »Seit 1999 bin ich Schwester, seit 2007 Vizepräsidentin, seit 2008 Präsidentin«, berichtet die freie Journalistin, Moderatorin und Schriftstellerin. Die 57-Jährige wohnt in Köln und hat bislang zwei Kriminalromane und etwa 18 Kurzkrimis veröffentlicht. Außerdem schreibt sie Satiren und nicht-kriminelle Erzählungen. Was motiviert Ulla Lessmann: »Ich habe festgestellt, dass die Ziele der Mörderischen Schwestern (damals noch Sisters in Crime) auch meine sind: Wir wollen genauso viele Preise und Rezensionen und Hardcover wie unsere männlichen Kollegen! Immer noch bekommen Krimiautoren mehr Preise, sie werden viel öfter rezensiert, ihre Krimis werden wesentlich häufiger als ›Lite- ratur‹ respektiert, obwohl gerade in jüngster Zeit hervorragende literarische Autorinnen das Krimigenre bereichern. Wir erleben, dass, wenn die Jurys paritätisch besetzt sind, auch die Autorinnen Preise bekommen, aber beispielsweise beim deutschen Krimipreis sitzen 26 Männer neben sieben Frau- en ... Außerdem habe ich mich mein Leben lang sehr gerne in Netzwerken getummelt, vor allem solchen von Frauen, und schätze die Freundschaften, die dadurch entstanden sind ebenso wie den fachlichen Austausch und die gegenseitige Unterstützung.« Aktuell hat Ulla Lessmann den Journalismus zurückgefahren und widmet sich verstärkt dem literarischen Schreiben.

Das Stichwort zur Vorgeschichte der Mörderischen Schwestern ist eben gefallen: Der internationale Verband Sisters in Crime, Inc., hat seinen Sitz in den USA. Er wurde 1986 von Sara Paretsky, Charlotte MacLeod und anderen Autorinnen gegründet, um der Diskriminierung von Frauen im Krimigenre entgegenzuwirken und Verlage und Öffentlichkeit auf den Beitrag von Frauen aufmerksam zu machen. Inzwischen gehören dem Verband weltweit mehr als 3000 Mitglieder an, die in gut 50 Untergruppen (Chapters) organisiert sind. Das deutschsprachige Sisters in Crime German Chapter wurde am 3. Februar 1996 gegründet. Auf Initiative von Anneli von Könemann und Tatjana Kruse trafen sich interessierte Krimifans und junge Autorinnen in der Frankfurter Krimibuchhandlung »Die Wendeltreppe«. Seit Anfang 2007 ist die formale Trennung vom Verband Sisters in Crime, Inc., vollzogen. Die Mörderischen Schwestern konzentrieren sich auf die Vernetzung in den deutschsprachigen Ländern und in einem vielfältigen und vielsprachigen Europa. Mehr als 300 Mitglieder zählen die Schwestern aktuell.

Regine Kölpin gehört seit sieben Jahren dazu. »Ich bin in dieser Zeit zwei Jahre als Mentorin tätig gewesen, habe drei Schwestern bei ihren Projekten begleitet. Anschließend habe ich weitere zwei Jahre als Redakteurin in der Webredaktion gearbeitet und bin seit dem November 2009 Chefredakteurin der Website und 2. Vizepräsidentin«, erzählt die 46-Jährige, die an der friesischen Nordseeküste mitten auf dem Land in einem alten, sehr historischen Dorf wohnt. Es macht ihr sehr viel Spaß, sich bei den Schwestern einzubringen. Sie wirkt freiberuflich als Autorin und Dozentin für kreatives Schreiben mit dem Schwerpunkt in der Jugendarbeit. Außerdem betreut Regine Kölpin seit mehreren Jahren vier feste Jugendschreibgruppen in Schulen und in der Hochbegabtenförderung. Nach ihren Veröffentlichungen befragt, ist sie fast ein wenig unsicher: »Es sind mittlerweile so viele Morde, dass ich die Zahl nicht nennen kann. In jedem Fall vier Kriminalromane, zwei kriminelle Storybände (die ich mit zwei Kollegen verfasst habe) und etwa 40 Kurzkrimis in Anthologien und Zeitschriften.« Sie schätzt den Gedankenaustausch mit Gleichgesinnten und mag die gemischte Konstellation der Gruppe. »Dazu empfinde ich vor allem bei den Schwestern eine außergewöhnlich starke Solidarität und das Gefühl, dass alle versuchen, an einem Strang zu ziehen«, unterstreicht die Autorin.

Ulrike Bliefert fühlt sich seit 2009 den Schwestern verbunden. Sie verdient sich hauptsächlich als Film- und TV-Schauspielerin und Hörfunksprecherin ihr Geld. Die 58-Jährige ist im Berliner Prenzlauer Berg zu Hause. Auf ihr literarisches Konto gehen der Tatort »Rückfällig« und die Jugend-Thriller »Lügenengel« sowie »Elfengrab«. Ulrike Bliefert hatte natürlich auch ihre speziellen Gründe zum Mitwirken in diesem Frauennetzwerk: »Wir SchauspielerInnen sind weitestgehend zu Zulieferern einer Medienstrategie geworden, die es sich zur Aufgabe gemacht hat, die Pausen zwischen Sport-, Koch- und Proletenselbstdarstellungs-Sendungen einerseits und Börsen-News- und Werbespots andererseits zu füllen. Das System ist an seinem eigenen Quotenwahn erstickt; nichts bewegt sich. Im literarischen Bereich hingegen sind Bewegung, Fortschritt und Experiment nach wie vor möglich. Aber das Schreiben ist ein einsames Geschäft, und wer hier diskutieren, zuhören, lernen, verstehen will, muss sich vernetzen. Die ›Mörde- rischen Schwestern‹ sind eine bunte, erfrischend undogmatische Gemeinschaft, die den Facettenreichtum unseres Berufs hervorragend repräsentiert. Dass sie ausschließlich aus weiblichen Mitgliedern besteht, lässt – unter anderem – Raum für allerlei Unernst, den wir uns womöglich in Männer-Gesellschaft nicht gestatten würden.«

Die freiberufliche Drehbuchautorin Swenja Karsten lebt in Berlin. Sie organisierte mit einem Team die Lange Buchnacht der Schwestern im Mai. Ihre Geschichte »Pudding für Friederun« steht in der Anthologie »Wie werde ich Witwe«. »Meine beste Freundin ist Mitglied und daher auch ein guter Teil meines Bekanntenkreises. Und das sind alles interessante und intelligente Frauen. Ich bin eigentlich kein Vereinsmensch, aber da wollte ich dazugehören«, meint Swenja Karsten. »An etwas Größeres traue ich mich noch nicht heran, weil ich mir das Genre erst erarbeiten muss«, erklärt Swenja Karsten, die auch bei der LCN (Ladies Crime Night) auf der jüngsten Leipziger Buchmesse dabei war.

Das Team der Langen-Buch-Nacht-Organisatorinnen im Mai verstärkte ebenfalls Jutta Herrmann, die seit Herbst 2008 mit von der Partie ist. Sie arbeitet als Redaktionsassistentin in der Parlamentsredaktion einer rheinischen Tageszeitung und wohnt im nordöstlichen Speckgürtel der Hauptstadt. Veröffentlichungen gibt es ein paar und: »Ansonsten habe ich, wie es sich gehört, einen Roman in der Schublade und ein paar Kurzgeschichten auf Halde.« Jutta Herrmann findet »den Austausch untereinander – auch in fachlichen Fragen – sehr konstruktiv. Außerdem bekomme ich über das Netzwerk einfach viel mehr mit.« Schreiben ist für sie mehr als ein Hobby. Nebenher entwirft sie gerade den Plot für einen Thriller. »Es gibt viel zu wenige deutsche Autorinnen, die Thriller schreiben«, steht für Jutta Herrmann fest.

Anja Feldhorst macht seit etwa sechs Jahren mit. Sie gehört dem Organisationsteam der kommenden Vollversammlung an, betreut die Website und den Newsletter der Berliner Gruppe. Krimischreiben, Lesungen, Tätigkeit als Lektorin und als Dozentin für Wissenschaftliches Arbeiten an der HTW Berlin stehen auf ihrem Wochenplan. Die 45-Jährige wohnt seit 26 Jahren in Berlin-Schöneberg und meint, das werde sich vermutlich auch nicht so schnell ändern … Diverse Kurzkrimis gehen auf ihr Konto und »Teufels Genossen« im Jahr 2008. Sie findet es sehr hilfreich, (andere) Krimischriftstellerinnen kennenzulernen: »Der Austausch hat mir auf mehreren Ebenen sehr weitergeholfen. Zum einen hat es mich darin bestärkt, weiterzuschreiben beziehungsweise überhaupt Geschichten einzureichen und an meinem Krimi weiterzuschreiben. Zum anderen sind darüber sehr viele Kontakte, die wiederum zu Veröffentlichungen, aber auch zu Lesungen geführt haben, entstanden. Was mich motiviert: Der fachliche Austausch, die netten Kolleginnen, die zum Teil inzwischen Freundinnen sind, und einfach das Gefühl, nicht allein am Schreibtisch zu sitzen und vor mich hin zu dümpeln.«

Richterin am Landessozialgericht Berlin-Brandenburg ist Susanne Rüster im »Brotberuf«. Sie sitzt also quasi an der Quelle. Die 55-Jährige wohnt in Berlin und hat diverse Kriminal-Kurzgeschichten in Anthologien und Zeitschriften veröffentlicht. »Ich habe mich den Schwestern angeschlossen, weil es interessante Frauen sind und wir uns gegenseitig unterstützen. Außerdem motiviert mich der Umgang mit Frauen, die ebenfalls schreiben«, ist ihr Fazit. Seit geraumer Zeit sitzt sie an einem Kriminalroman-Projekt und hofft, es in diesem Jahr abzuschließen.

Im November 2007 hat Heidi Ramlow die Mörderischen Schwestern in Krefeld kennengelernt. Irgendjemand hatte ihr von einem Büchertisch erzählt. »Und da ich gerade in meinem kleinen Verlag einen Literatur-Adventskalender ›24 Geschichten für Krimi-Fans‹ herausgebracht hatte, freute ich mich auf den Umsatz. Dass ich gar keinen hatte, hat eine Schwester so traurig gefunden, dass sie mir dann wenigstens einen abgekauft hat. Im Dezember 2007 war ich dann Mitglied«, erzählt sie schmunzelnd. Den Verlag gründete Heidi Ramlow übrigens »aus Vergnügen« und ist ansonsten im »Genuss einer Rente«. Die 69-Jährige lebt in Berlin-Wilmersdorf. »Ich habe mich den Schwestern angeschlossen, um fachzusimpeln, Anregungen zu bekommen, schriftstellerische Probleme zu erörtern, Blockaden zu überwinden, ein Netzwerk zu haben, um einfach mit jungen und alten, wunderbaren Autorinnen mich auszutauschen in Gesprächen, per E-Mail oder am Telefon, und um mir ein geistiges und soziales Umfeld selbst zu gestalten«, fasst Heidi Ramlow zusammen.

Christine Sylvester gehört seit Ende 2008 zu den Schwestern. Als Ablösung für die Presseschwestern gesucht wurde und sie erste Begegnungen auf der Leipziger Buchmesse ausgesprochen angenehm fand, nahm sie »schüchtern« Kontakt zur Präsidentin Ulla Lessmann auf: »Weil ich Pressearbeit im Journalistikstudium gelernt habe.« Als freiberufliche Dozentin unterrichtet sie Medien, Kommunikation und Deutsch in der Berufs- und Erwachsenenbildung. Die 40-Jährige lebt mitten in der Großstadt. »Im Dresdner Elbtal merkt man das Großstädtische nicht so wirklich, das ist quasi Kleinstadt-Atmo im Vergleich zu meinem vorherigen Domizil Ruhrgebiet«, hebt sie hervor. Derzeit schreibt sie an ihrem dritten Dresden-Krimi, der im September 2010 erscheinen wird. »Außerdem übe ich mich seit etwa einem Jahr in Kurzkrimis, von denen bislang drei erschienen sind. Mit einer anderen Schwester plane ich gerade die Herausgabe einer Krimianthologie«, erzählt die Autorin.

»Mir gefallen natürlich die zahlreichen Kontakte gut, zumal ich bisher wirklich meist ausgesprochen nette und witzige Schwestern kennengelernt habe. Außerdem finde ich es klasse, dass das Netzwerk auch für Nicht-Autorinnen offen ist. Eigentlich möchte ich als Schreiberling ja gerne viel Kontakt zu Lesern und vor allem wissen, was Leserinnen mögen und warum.«

Regionalschwestern sind übrigens die Ansprechpartner für diejenigen, die in ihrem Bereich wohnen, und für alle anderen Interessierten. Sie organisieren regelmäßige regionale Treffen und informieren über die Aktivitäten in ihrer Gegend. Diese sind aufgeteilt in: Nord, Hamburg, Berlin, Sachsen, West, Frankfurt am Main, Mannheim, Stuttgart, München/ Süd, Zürich/Schweiz; Wien/Österreich. Wer Lust und Laune und gewisse kriminelle Energien hat, nehme einfach Kontakt auf: www.moerderische-schwestern.eu

Schließlich sang der deutsch-amerikanische Entertainer Bill Ramsey schon Ende der 50er Jahre »Ohne Krimi geht die Mimi nie ins Bett«.

Die Autorin dieses Beitrags gehört ebenfalls zu den Schwestern und zum Syndikat (einer Vereinigung deutsprachiger Krimiautoren). Hintergründige Mordgelüste verpackt sie gern in Geschichten.

Foto: Die Schwestern Heidi Ramelow, Swenja Karsten, Jutta Herrmann, Anja Feldhorst, Regine Kölpin, Martina Arnold, Anni Bürkl, Barbara Dehlinger, Rita Hausen, Ruth Borcherding-Witzke, Ria Klug (v.l.n.r.) Die beiden moderierenden Sisters sind Ethel Scheffler und Christine Sylvester.

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24.05.2012 | Katja Eichholz, David König und Olaf Präger

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