Sprungmarken: Inhalt, Navigation.
Suchen auf neues-deutschland.de:

Erweiterte Suche

Von Ralf Schenk 27.04.2010 / Feuilleton

Wie in einer Glaskugel

Heute startet Dominik Grafs grandiose Fernsehreihe »Im Angesicht des Verbrechens« auf Arte

Einsatz unter Lebensgefahr (v.l.n.r.): Anja Kirchner (Carmen Bir
Einsatz unter Lebensgefahr (v.l.n.r.): Anja Kirchner (Carmen Birk), Marek Gorsky (Max Riemelt), Sven Lottner (Ronald Zehrfeld) und Eva Padelski (Klara Manzel)

Manchmal ist Dominik Graf wie ein Rufer in der Wüste. Er liebt das Kino, aber der deutsche Film macht ihn unzufrieden. Selbst in den stärkeren Arbeiten, zum Beispiel der so genannten »Berliner Schule«, denen seine Sympathie gehört, konstatiert er zu viel thematischen und formalen Stillstand: ein »Misstrauen in Kommunikation, in Sprache«, und dazu noch »sehr wenig Humor im Verhältnis der Figuren untereinander«, wie er in einem Arbeitsgespräch zwischen Kollegen und Freunden mitteilte. In Grafs Artikeln zum Kino, die er gelegentlich in verschiedenen Zeitungen und Zeitschriften schreibt und die jetzt in dem wunderbaren Buch »Schläft ein Lied in allen Dingen« zusammengefasst wurden, plädiert der 58-jährige Regisseur für mehr Kraft und Sinnlichkeit, mehr Ruppigkeit, mehr Genre. Und seit Langem macht er auch selbst Vorschläge für jenes vitale Kino, das sich nicht im Ungefähren, auch Unpolitischen verliert, sondern »zu einem Gesamtbild des Lebens wie in einer Glaskugel wird, im Guten wie im Bösen, im Ordentlichen wie im Chaos«.

Kino meint hier immer auch Fernsehen, denn Graf konnte seine Intentionen bisher am ehesten in Arbeiten für den Bildschirm einbringen. In Serienfolgen für den »Fahnder«, »Tatort« oder »Polizeiruf 110«, oder in Einzelfilmen wie dem grandiosen Zuhälterdrama »Hotte im Paradies« (2002) und dem Thriller »Eine Stadt wird erpresst« (2006). Filme, wie sie auf unseren Leinwänden eher nicht vorkommen, aber eigentlich dorthin gehörten: prall von starken Figuren, kraftvollem Schauspiel, erregenden gesellschaftsanalytischen Plots, ohne vordergründig zu moralisieren. Jetzt aber hat Dominik Graf eine Art opus magnum geschaffen, mit dem er viele seiner Träume vom großen Kino in so vollkommener Form verwirklicht, wie es ihm bisher noch nie möglich war, wieder vom Fernsehen finanziert, uraufgeführt aber auf der großen Leinwand: Als im Februar, an den beiden Abschlusstagen der Berlinale, im Berliner Kino Delphi an zwei Tagen sämtliche 490 Minuten von »Im Angesicht des Verbrechens« zu sehen waren, jubelten ihm Hunderte begeisterter Zuschauer im übervollen Saal zu.

Ab heute Abend eröffnet Arte die Möglichkeit für alle, sich dem Sog, der von diesem Film ausgeht, auszusetzen – und es bleibt zu hoffen, dass die Wirkung auch dann eintritt, wenn der Stoff auf mehrere Abend »gestreckt« wird. Zehn Folgen lang tauchen Dominik Graf und sein seit Langem bewährter Drehbuchautor Rolf Basedow ins Universum der Berliner »Russenmafia« ein, erzählen eine Familiengeschichte voller Schuld und Sühne, Freiheit und Zwang, Liebe und Hass, immer auf Messers Schneide. Max Riemelt spielt bravourös die Hauptfigur: den jungen, zunächst sehr weich wirkenden, dann zunehmend härteren Polizisten Marek Gorsky, einen Mann mit baltisch-deutsch-jüdischen Vorfahren, dessen Bruder Mischa, ein Mitglied der Mafia, vor einiger Zeit ums Leben kam. Mareks Schwester Stella (Marie Bäumer) ist mit dem Boss eines mafiösen Unternehmens (Misel Maticevic) verheiratet, dessen Clan sich einen blutigen Krieg mit einer verfeindeten Familienbande liefert: Es geht um Zigarettenschmuggel, Drogen und Prostitution. Marek verliebt sich in eine junge ukrainische Prostituierte (Katharina Nesytowa), die er zu retten sucht. Er und sein kodderschnäuziger Berliner Kollege Sven (Ronald Zehrfeld) sind bei ihren Aktionen aufs Höchste gefährdet; die Angst, die man um sie hat, ist durchaus begründet: Schließlich geht um nichts Geringeres als um Leben und Tod.

Graf weiß, wie Gefahren, Intrigen und Action zu inszenieren sind, und probiert es lustvoll aus; dabei verleugnet er nie seine großen US-amerikanischen, italienischen oder französischen Vorbilder vornehmlich der 1960er und 1970er Jahre: Francesco Rosi und Jean-Pierre Melville vor allem, aber auch Francis Ford Coppolas »Der Pate«. »Im Angesicht des Verbrechens« ist ein veritables Berliner Pendant zu diesem Klassiker des epischen Mafiafilms: Und gäbe es in der hiesigen Filmbranche andere, weniger kleinteilige und oft auch kleingeistige Strukturen, könnte man sich Grafs Fernseh-Zehnteiler auch sehr gut als deutsches Welt-Kino vorstellen.

Satte acht Stunden Erzählzeit ermöglichten es Autor und Regisseur, parallel zur Hauptlinie eine Vielzahl von Neben- und Seitensträngen zu etablieren. Jeder von ihnen bringt neue Spannungsmomente, eröffnet neue Einsichten ins Wechselspiel von Jägern und Gejagten. Jenes Kapitel, in dem Marek der jungen Ukrainerin bis in ihre Heimat folgt und sie vor ihren Verfolgern zu beschützen sucht, möchte ich ebenso wenig missen wie die Figur des greisen russischen Schusters, der sich als Oberpate der traditionsbewussten Mafia erweist, oder die Geschichte zweier korrupter Berliner Polizisten, die sich in ihren eigenen Netzen verfangen. Wenn Marek die frühere Freundin seines ermordeten Bruders besucht und diese gern alle Erinnerungen an ihre Vergangenheit tilgen würde, zeichnet Graf mit knappen Strichen eine ganze Vita. Überhaupt besitzt jede der Hauptpersonen ein biografisches Hinterland, das ihre Handlungen und moralischen Ansichten bestimmt, auch das Schillernde, Chamäleonhafte vieler Figuren begründet. Rundum: meisterhaft.

  • »Im Angesicht des Verbrechens« ab heute 22.05 Uhr auf Arte
  • Dominik Graf: Schläft ein Lied in allen Dingen. Texte zum Film. Alexander Verlag Berlin, brosch., 376 S., 19,90 €.

Hat Ihnen dieser Artikel gefallen?

Kommentare zu diesem Artikel

Kommentar schreiben (Login erforderlich)
Sprungmarken: Seitenanfang, Navigation.

Ihre Meinung zu diesem Artikel

Frisch gebloggt
24.05.2012 | Katja Eichholz, David König und Olaf Präger

Änderungen in der nd-Community

Alle Blogs

Facebook
Twitter
Vernetzung

»nd in der Schule«

Medienkompetenz und politische Bildung
nd-Newsletter

Täglich gut informiert.

Jetzt hier kostenlos abonnieren!
Sprungmarken: Seitenanfang, Navigation.
Sprungmarken: Seitenanfang, Navigation.

Werbung:

Werbung:

Sprungmarken: Seitenanfang.