Jaroslaw sei der Gralshüter des Erbes seines Zwillingsbruders Lech Kaczynski, dessen Märtyrertot bei Smolensk »wie ein in die polnische Scholle gefallener Samen gute Früchte tragen wird«, hatte Erzbischof Jozef Michalik in seiner Trauerrede auf dem Warschauer Pilsudskiplatz erklärt. Und Gewerkschaftsführer Janusz Sniadek fügte während der Messe am 1. Mai, dem »Tag des Handwerkers Josef«, in der Basilika zu Kalisz hinzu, Kaczynskis aus einem tiefen Gerechtigkeitsgefühl fließende Empathie mit rechtschaffenen und wahren Polen verpflichte die »Solidarnosc«, ihm zur Seite zu stehen.
Am gleichen Tag fand erstmals nach Jahrzehnten wieder eine gesamtpolnische Pilgerfahrt der Pfarrer und anderer Geistlicher nach Czestochowa statt, der »heimlichen Hauptstadt Polens«. Dort soll ein Stück des »Smolensker« Flugzeugwracks für alle Ewigkeit als Reliquie in den Altar der Schwarzen Madonna eingemauert werden. Die Pilgerei verfolgte die Absicht, den Priesterstand im Lande zu stärken, auf dass er das Volk Gottes auf dem richtigen Wege führe. Besagte Stärkung tut not. Während die Mitgliederzahl der polnischen Bischofskonferenz stabil bleibt, nämlich bei 133 römisch-katholischen Bischöfen und Erzbischöfen, verlassen immer mehr Geistliche ihren Stand. Eine Gesamtstatistik gibt es nicht, aber in drei Diözesen schrumpfte der Bestand im Vorjahr immerhin um 62 Hirten. Und an Nachwuchs mangelt es. In den vergangenen zehn Jahren nahm der Zustrom zu den Priesterseminaren um mehr als 30 Prozent ab. Doch noch immer ist jeder vierte Kleriker in Europa Pole. Die kirchlichen Kader in fast 11 000 Pfarreien mit 23 000 Priestern und zig Orden mit 6500 Brüdern bilden eine disziplinierte Armee, die nun dem rechtskonservativen Kandidaten der Partei Recht und Gerechtigkeit (PiS) auf Weisung der Kirchenfürsten behilflich sein will.
Offen ist, ob das reicht, um den in der Wählergunst mit Abstand und über 50 Prozent Zuspruch führenden Bronislaw Komorowski beim Urnengang am 20. Juni oder in einem zweiten Wahlgang am 4. Juli zu schlagen. Wenn es wahr ist, dass sich 55 Prozent der Polen (laut CBOS-Umfrage) völlig mit der römisch-katholischen Kirche identifizieren, wäre dies nicht undenkbar. Die Wochen bis zum ersten Wahlgang werden sichtbar machen, ob der Einfluss der Kirche das Land in Richtung einer »Vierten Republik« lenken kann. Wie Adam Szostkiewicz in »Polityka« schrieb, erhob die Kirche anlässlich der Beerdigungsfeierlichkeiten nach der Smolensker Katastrophe den Anspruch nicht nur auf geistige, sondern auch auf politische Führung des »Christus der Völker«, der Polen also. Die »politische Theologie als Ausdruck einer messianistischen Pflicht, das Erbe der Märtyrer (von Smolensk) zu bewahren«, wird in der rechtskonservativen und russlandfeindlichen Publizistik auch im öffentlichen Fernsehkanal TVP nachhaltig unterstützt. Ein kürzlich ausgestrahlter »Dokumentarfilm« beteuerte prophetisch nicht nur die siegreiche Auferstehung der »wahren Solidarnosc«, sondern verbreitete Spekulationen über ein Attentat als Ursache des Flugzeugunglücks.
Wird der gesunde Menschverstand der Polen dieser geballten Propaganda standhalten?
Aktuelle Ausgabe: 25.05.2012
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