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Von Harald Loch 06.05.2010 / Literatur

Flaschenpost an die Zukunft

Eine stille Heldin des Widerstands: Elisabeth Schmitz

Wer seine Heldentaten gegen die Nazis nach dem Krieg nicht an die große Glocke gehängt hat, den traf mit hoher Wahrscheinlichkeit das Vergessen eines Landes, das sich eigentlich besser solcher Menschen zur Identitätsfindung nach dem Zivilisationsbruch erinnert hätte. Ein besonders drastisches Beispiel für Verschweigen und Vergessen ist jetzt zu Tage gefördert worden:

Elisabeth Schmitz hatte in den Jahren 1935/36 anonym die Denkschrift für die Bekennende Kirche »Zur Lage der deutschen Nichtarier« verfasst und bis zu ihrem Tod im September 1977 keine Würdigung ihrer vielfältigen Widerstandsleistungen erfahren. Erst vor etwa zehn Jahren fand man eine wie als »Flaschenpost an die Zukunft« von ihr selbst mit persönlichen und politischen Unterlagen gefüllte Aktentasche in einem Kirchenkeller. Der Berliner Professor für Neuere Geschichte Manfred Gailus stellt diese stille Heldin des Widerstandes gegen Hitler jetzt vor.

Die 1893 im hessischen Hanau geborene Elisabeth Schmitz wurde in Berlin bei Friedrich Meinicke als Historikerin promoviert, hatte bei Adolf von Harnack Theologie studiert und ist als Studienrätin in Berliner Gymnasien tätig gewesen, bis sie im Jahre 1938 aus Gewissensgründen aus dem Beamtenverhältnis ausschied. Seit Beginn der Naziherrschaft hatte sie in ihrem Freundes- und Bekanntenkreis den wachsenden Verfolgungsdruck auf ihre jüdischen Mitbewohner hautnah miterlebt. Von Anfang an hatte sie sich an die Verantwortlichen in »ihrer« Kirche gewandt, ein deutliches Wort gegen die Verfolgung gefordert. Sie hatte sich an den damals in Bonn lehrenden Karl Barth gewandt, den sie später, als er nach Basel ausgewichen war, wiederholt in der Schweiz besucht und mit ihm über ein theologisches oder kirchliches Machtwort gegen die von ihr sehr deutlich vorausgesehene physische Vernichtung der deutschen und europäischen Juden gesprochen und korrespondiert.

Neben der Rekonstruktion ihres Lebenswegs und ihrer persönlichen Widerstandsleistung enthält das Buch gleichsam als zweite Biografie die Entstehungsgeschichte der berühmten, von der Bekennenden Kirche leider nicht verwendeten Denkschrift »Zur Lage der deutschen Nichtarier«, die Elisabeth Schmitz selbst 200 mal vervielfältigt hatte. Sie ist später einer anderen Autorin zugeschrieben worden, bis die eigentiche Verfasserin entdeckt war. Elisabeth Schmitz war zu bescheiden, um sich selbst um Lorbeer zu bemühen, zu vornehm, um nach dem Krieg das pharisäerhafte Lied der Selbstgerechtigkeit anzustimmen.

Ihre Modernität, ihr christliches Rückgrat, ihre Zivilcourage und Selbstlosigkeit, ihre Menschlichkeit und ihre intellektuelle Kraft werden in dieser Biografie anschaulich und gebührend gewürdigt. Drei im Anhang abgedruckte Dokumente vermitteln dem Leser zudem einen unmittelbaren Eindruck von der Urteilskraft und der rhetorischen Sicherheit der Elisabeth Schmitz: die schon genannte Denkschrift von 1935/36, ein unglaublich klarsichtiger Brief an Helmut Gollwitzer vom November 1938 und eine Rede zum Gedenken an die Opfer des Faschismus und des Krieges aus dem Jahre 1950, gehalten vor Schülern und Lehrern der Hanauer Schule, an der Elisabeth Schmitz nach dem Krieg ihre Unterrichtstätigkeit wieder aufgenommen hatte.

Manfred Gailus: Mir aber zerriss es das Herz. Der stille Widerstand der Elisabeth Schmitz. Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen. 320 S., 24,90 €. €

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