Sie ist Witwe, und sie geht einem aussterbenden Beruf nach. Madame Michel ist Concierge in einem jener (höchst filmfreundlichen) Pariser Wohnhäuser für Wohlhabende, in dem jeder Mieter eine ganze Etage bewohnt, mit Fenstern zum Innenhof, aus denen er auch gegenüber in Fenster der eigenen Wohnung blickt. Sie ist zuständig für die Verteilung der Post und für die Müllcontainer, für das Fegen der Einfahrt und das Putzen der Scheiben am Portal. Struwwelig, unscheinbar, missmutig, eine Person, deren Dienste alle in Anspruch nehmen, ohne sie je richtig anzusehen. Aber Madame Michel hat ein Geheimnis: eine gut sortierte Bibliothek in ihrem Hinterzimmer. Denn Madame Michel ist nicht nur Zugehfrau, sondern auch eine klassikerverschlingende Leseratte. Was sie vor den Bewohnern der oberen Etagen aber nie zugeben würde. Denn wer will schon eine Hausmeisterin, die aus der Weltliteratur zitiert?
Dass Madame Michel mit ihrer Einschätzung der Eigentümer und ihres Klassendünkels nicht ganz falsch liegt, beweist der Einzug eines neuen Eigentümers, der sich nicht nur physiognomisch abhebt vom französischen Großbürgertum. Als Kakuro Ozu in die vierte Etage zieht, stellt er sich seiner Concierge nicht nur vor, er hört ihr auch zu. Und erkennt in einem ihrer hingeworfenen Sätze einen Romananfang wieder, der – das macht es leichter – zu den bekanntesten der Weltliteratur gehört. Ozu sieht nicht den sozialen Unterschied, sondern die menschlichen Gemeinsamkeiten: Seine Hausmeisterin und er, sie sind beide verwitwet, beide einsam, beide große Freunde von Katzen und Büchern. Fortan bemüht er sich um die Concierge. Und Madame Michel blüht auf, schleicht erst zögerlich noch, mit schlechtem Gefühl und noch schlechterem Gewissen, die vier Etagen zu seiner Wohnung hinauf, dann immer unverhohlener.
Sie wird dabei beobachtet von der altklugen, hochbegabten, aber bereits ausgesprochen lebensverdrossenen jüngeren Tochter des demissionären Staatsministers in einer der mittleren Etagen. Diese Paloma hat beschlossen, sich an ihrem nächsten Geburtstag – es ist der zwölfte – mit den Antidepressiva ihrer Mutter das Leben zu nehmen, um nur ja nicht so zu werden wie die anderen Erwachsenen im Haus, deren merkwürdiges Gebaren sie derweil mit der alten Kamera ihres Vaters filmend kommentiert. Und muss dann kurz vor dem Stichtag zu ihrer Überraschung feststellen, dass es auch andere Spielarten des Erwachsenseins gibt, während sie mit Madame Michel Bitterschokolade knabbert und mit Herrn Ozu im Fahrstuhl japanische Höflichkeiten austauscht.
»Die Eleganz der Madame Michel« ist ein Regiedebüt nach einem französischen Bestsellerroman (dt.: »Die Eleganz des Igels«), und die Geschichte dreier Einzelgänger, die sich gegenseitig das Interesse am Leben zurückschenken (was, kleiner Schockeffekt am Ende, leider nicht für alle drei in eine rosige Zukunft münden wird). Josiane Balasko, selbst auch Regisseurin, trägt die innere Verwandlung der Madame Michel vom Hausdrachen zur Dame mit wenig mehr als einer kürzeren Friseur und einer veränderten Körperhaltung nach außen. Sie ist der Igel des Romantitels, stachlig, immer in Abwehrhaltung, ein Fluchttier mit einem weichen, verletzlichen Inneren. Und einem Sinn für Humor, selbst wenn der Witz auf ihre Kosten geht, wie sich bei ihrer Erstbegegnung mit einer originalgetreu japanischen Badezimmerausstattung erweist.
Anne Brochet, vor Jahren die Roxane zu Gérard Depardieus Cyrano de Bergerac und in letzter Zeit öfter in verhuschten Mutterrollen zu sehen, spielt die neurotische Ministergattin ohne jede persönliche Eitelkeit als Person von schon erschütternder Ahnungslosigkeit. Neuentdeckung Garance Le Guillermic unterlegt die Ungeduld der unterforderten Frühreifen mit triefender Verachtung für die erkenntnisferne Banalität ihrer Umwelt. Und Togo Igawa, Japaner mit Wohnsitz London, steht Morgan Freeman in der Verkörperung altersweiser Würde in nichts nach – obwohl er seine Rolle rein phonetisch lernen musste. Denn eigentlich spricht er gar kein Französisch.
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