Die Berliner Philharmoniker werden bald einen neuen Intendanten haben – den Fernsehproduzenten Martin Hoffmann, der früher Chef bei Sat.1 war. Kein Fremdbefohlener, im Gegenteil: ein Berufener durch das Orchester selbst. Auf den ersten Blick eine sehr seltsame Liaison: Privatsender-Erfahrung trifft auf Karajan-Vermächtnis. Als sei zu befürchten, das berühmte Orchester werde nun eilends fit gemacht für die musikalische Illustration der nächsten Telenovela.
Ach, nehme man das vermeintlich Schröckliche doch nicht so reflexartig schnell als kulturkritischen, sondern eher als kulturförderlichen Impuls. Online-Konzerte, youtube, Web-Fanseite – die Berliner Philharmoniker suchen den multimedialen Kontakt, auch mit einem Publikum, das derzeit vielleicht eher ins Netz geht als ins Konzert. Aber das auf diese Weise, eines Tages, mit Lust zur Treue auch der großen Kunst ins schöne Netz geht. Die Verbindung mit einem TV-Produzenten, der sich in den Praktiken moderner Märkte auskennt, kann für diese Zukunft ein guter Schritt sein. Philharmoniker als Viel-Harmoniker, ohne Scheu, sich für den eigenen, den dauerhaften Erfolg möglichst viele Wege in die Mediengesellschaft zu bahnen.
Im Grunde ist diese Berliner Intendanten-Wahl ein Gleichnis! Für überraschende Koalitionen im Geiste der Öffnung. Just eine Institution, die besonders tiefsitzende Wurzeln ins beinahe Mythische hat und hochkulrurelle Bastion ist gegen jedweden Zeitgeist – sie zeigt sich flexibel, neugierig, lustvoll auf Innovation. Auch auf diese Weise, indem er vom Leben lernt, wirkt ein Kunst-Betrieb wie eine gute Schule.
Aktuelle Ausgabe: 25.05.2012
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