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Von Marion Pietrzok 20.05.2010 / Kino & Film
Film

Liebe Lotterwirtschaft

Die Beschissenheit der Dinge - von Felix Van Groeningen

Die Haustür fliegt auf, ein junger Mann stürzt zum Briefkasten, greift sich hastig die Post und in seinem Zimmer öffnet er die Kuverts. – Der Film des Belgiers Felix Van Groeningen beginnt mit der (im Folgenden immer wieder sparsam eingestreuten) Rahmenerzählung: Der 33-jährige Gunther (Valentijn Dhaenens) hat zwar ein paar Lyrikbände veröffentlicht, erfolgreich ist er aber nicht. Auf sein Manuskript, einen Roman über sein Leben im Jahr 1988 als 13-Jähriger in einem Dorf in Flandern, hat er eben erneut von einem Verlag eine Absage erhalten. Aber es sollte das Buch seines Lebens sein, sagt er mit ingrimmigem Trotz. Und so, an seinem Schreibtisch sitzend, munitioniert er sich für den nächsten Versuch, einen Verleger zu finden, mit den Erinnerungen an die damalige Zeit, die folgende Handlung imaginierend und sie mit der Erzählerstimme aus dem Off begleitend.

Gunther ist »ein Strobbe«, will sagen, gehört zu einer Familie, die zusammenhält, und Zusammenhalt ist ein nicht zu unterschätzender Wert. Der Strobbes Ehre ist: fauststarkes Füreinander-Einstehen. Außer dem Jungen (Kenneth Vanbaeden) – hübsch, blonde gemäßigte Vokuhila-Frisur – gehören zu den Strobbes sein wuchtiger Vater Marcel alias Celle (Koen De Graeve) – die ungepflegten Haare zottelig im Gesicht – sowie die drei Onkel Lowie »Petrol« (Wouter Hendrickx), Pieter »Beefcake« (Johan Heldenbergh) und Koen (Bert Haelvoet) – jeweilige Haartracht ebenfalls von heikler Form – und seine Großmutter (Gilda de Bal). Die viereinhalb Männer leben allesamt bei der zarten alten Frau, die sich still abrackert und von ihrer schmalen Rente die Familie durchbringt.

Die Schäbigkeit des Hauses mit Außenplumpsklo ohne Tür entspricht dem Status der Familie: ganz unten in der Dorfhierarchie. Dafür ganz oben an der Spitze sind die vier Brüder immer dann, wenn es um Unsinnmachen geht: bei Prügeleien und Saufgelagen in der Kneipe, gar bei einem groß aufgezogenen Weltrekordversuch im Dauer-Biertrinken oder einem Nacktfahrradrennen. Das sind die einzigen Gelegenheiten, bei denen sie Ehrgeiz entwickeln. Sie demonstrieren Stärke, wo sie doch nur eine Schwäche ist und sie festsetzt im Käfig der Lebensuntüchtigkeit. Der eine Onkel verliert stets sein Geld beim Glücksspiel am Automaten, der andere durch immense Unterhaltszahlungen, weshalb selbst Omas Ein-und-Alles, der Fernseher, gepfändet werden muss, und der Vater setzt seinen Lohn als Postbote umgehend in Alkohol um. Allerdings: Wenngleich er im Kopf nichts hat, so doch im Herzen bedingungslose Liebe für den Sohn.

Gunthers Schuldirektor schlägt ihm vor, aufs Internat zu gehen, das offenkundige familiären Chaos tue ihm nicht gut. Doch der Junge mag die Wärme des Nestes, so zerrupft es auch ist. Es ist die Großmutter, die eines Tages dafür sorgt, dass Gunther den gewalttätigen Wutausbrüchen des inzwischen schwer alkoholkranken Vaters entkommt. Im Internat hat er Ruhe zum Lernen und seine Begabung fürs Geschichtenschreiben wird gefördert. Vom erwachsenen Gunther nun wieder ist zu erfahren, dass er ein Kind gezeugt hat, jedoch mit der falschen Frau. Dem Buben könnte ein Schicksal ähnlich dem seinen vorgezeichnet sein. Am Ende aber wird Gunther – so, wie ein Verlag das Manuskript – sein Kind annehmen.

Authentizität in der Zeichnung des Milieus mit all ihrem Derben, Ordinären und Grotesken zeichnet den Film aus, ebenso ein liebevolles Hinschauen auf die Gestrandeten, deren geistiger Horizont immer am nächstbesten sinnlosen Spaß endet. Herablassung gegenüber der Unterschicht ist ihm so fern, dass er nicht einmal den Gedanken an das (leidige Mode-)Wort Prekariat aufkommen lässt. Bittere Realität wird unterm sachlich-feststellenden Blick des Kindes – dem problemlos erste Pubertätspickel sprießen und das dem Vater selbstverständlich die Zigarette anraucht, das nicht urteilt oder gar aburteilt – einfach nur Da-Sein. Aus der Perspektive der Hauptfigur erzählt, halten sich Humor und Melancholie die Balance.

Beeindruckend die Bildästhetik, vor allem die virtuosen Nahaufnahmen heftigen Gemenges in Suff und Zigarettenqualm und hingenommenem Elend in vielerlei Varianten mit der ziemlich aufgeregten Handkamera, die dem Gelotter der Familie adäquaten Ausdruck gibt. Sie wechseln mit stillen Einstellungen, die den Empfindungen von Nähe und Verantwortlichkeit in ihrer Zartheit nachspüren. Da gibt es genaue Beobachtung des lauten Lebensprallen wie wortlose und um so mehr ergreifende Darstellungen emotionaler Beziehungen, vor allem der Intimität zwischen Vater und Sohn.

Der Film, der in Cannes den Prix Art et Essai erhielt, basiert auf dem autobiografischen Roman von Dimitri Verhulst, ein Bestseller in Belgien und Holland und auch hierzulande erschienen.

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24.05.2012 | Katja Eichholz, David König und Olaf Präger

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