Von Klaus Tscharnke, dpa
20.05.2010

Logistik des Rassenwahns

Eine Sonderausstellung im Nürnberger Dokumentationszentrum zeigt die Willfährigkeit, mit der sich die Reichsbahn am Holocaust beteiligte

Anhand von Bildern, Dokumenten und Augenzeugenberichten schildert die Ausstellung »Das Gleis. Logistik des Rassenwahns« den Transport von Juden in die Vernichtungslager.

Nürnberg. Sie waren als »Sonderzüge« getarnt, die Transporte selbst als »Ost-Umsiedlung« verharmlost: Millionen von Juden hat die Reichsbahn während der Nazi-Zeit in überfüllten Güterzügen in die Vernichtungslager im besetzten Osteuropa. Mit der »Logistik des Rassenwahns« setzt sich nun eine gleichnamige Sonderausstellung im Dokumentationszentrum auf dem Nürnberger Reichsparteitagsgelände auseinander. Die über weite Strecken bedrückende Schau schildert dabei detailliert die Willfährigkeit, mit der die Reichsbahn und ihre Mitarbeiter der Hitler-Diktatur zu Diensten waren – und dabei wie ein Uhrwerk funktioniert hatten.

Mit neuen historischen Erkenntnissen über die Rolle der Bahn wartet die Ausstellung zwar nicht auf, wie Museumsleiter Christian Täubrich zugibt. Was die Ausstellung sehenswert macht, ist nach Einschätzung der ersten Besucher ihre Inszenierung im kruden Backsteinmauerwerk der früheren Nazi-Kongresshalle.

In den fensterlosen, katakombengleichen Räumen erlebt der Besucher den Weg von den Anfängen der Judenverfolgung bis zu ihrer Vernichtung in den Konzentrationslagern Auschwitz-Birkenau, Treblinka, Belzec, Chelmo, Majdanek und Sobibor nach. Für die direkte Konfrontation mit den Orten der Vernichtung sorgen Bilder einer Webcam, die auf Monitoren das aktuelle Geschehen in den heutigen Gedenkstätten zeigen. Die Brücke zwischen der Herkunft der Juden und den Todeslagern schlägt symbolisch ein 40 Meter langes Lichtgleis. Der Blick geht dabei durch einen gläsernen Bahnnetzplan auf den am Gleisende projizierten Torbau des Konzentrationslagers Auschwitz-Birkenau. Das mit Neonröhren bestückte Gleisbett ist statt mit Schotter mit 60 000 grauen Namenskarten von NS-Opfern gefüllt.

»Wir schlagen mit der Ausstellung eine Brücke zwischen dem Ort der Täter und den Orten der Opfer«, betonte der Nürnberger Oberbürgermeister Ulrich Maly (SPD) bei einem Rundgang. Seit Mittwoch ist die Ausstellung, die in enger Zusammenarbeit mit der Deutschen Bahn entstand, für das Publikum geöffnet. Zwischen den beiden Polen der Ausstellung – der Verkündung der Rassengesetze in Nürnberg und den Gaskammern in den Vernichtungslagern – erlebt der Besucher die unmenschliche und entwürdigende »Logistik des Rassenwahns«: Bilder, Dokumente, Pläne und Videosequenzen zeigen Schlangen ratloser Menschen, die sich vor Güterwagen sammeln; Verzweifelte, die nach tagelangen Fahrten quer durch Europa um Wasser und Nahrung betteln und Bahn-Mitarbeiter, die so teilnahmslos wirken, als würden sie Vieh verladen. Dokumente beweisen, dass die Deportation für die Deutsche Reichsbahn ein durchaus lohnendes Geschäft war: Pro Deportiertem berechnete sie der SS die Hälfte des Dritte-Klasse-Tarifs.

Für Museumschef Täubrich offenbart die Ausstellung vor allem die scheinbare Unbekümmertheit und Gewissenlosigkeit, mit der die Tausenden an den Transporten beteiligten Reichsbahner ihren Dienst versahen. »Wie kleinteilig muss eine Arbeit sein, dass keiner mehr weiß, wohin die Reise ging? Mich wundert, warum manche nicht mehr wissen wollten«, sagte der Ausstellungskurator.

Für den Reichsbahnrat Erich Richter, der während der Nazi-Zeit die Fahrpläne für die Todesfahrten erstellte und sich deshalb 1964 im Düsseldorfer Treblinka-Prozess verantworten musste, schien die Sache klar: »Ich dachte immer, die Juden sollen nach dem Vorbild des Westwalls im Osten einen Ostwall bauen«, wird er in der Ausstellung »Das Gleis. Die Logistik des Rassenwahns« zitiert.

www.das-gleis-nuernberg.de