Von Stefan Otto
25.05.2010

Familienfreundlicher Knast

Nach Gefängnismord in Remscheid hält die Tegeler Haftanstalt an unbeaufsichtigten Besuchen fest

Gemütliches Sprechzentrum im Knast
Gemütliches Sprechzentrum im Knast

Auf dem verstaubten Metallspund vor dem Tor 1 des Tegeler Gefängnisses, dort wo die Besucher ihre Taschen einschließen, liegt ein Babyschnuller. Möglicherweise wurde er von einem Kleinkind dorthin geworfen, weil es nicht die Sicherheitskontrollen über sich ergehen lassen wollte. Denn die sind strapaziös.

Der Nuckel passt nicht ganz in das Klischee eines Männerknastes mit seinen harten Jungs. Natürlich sind nicht alle Gefangenen ledig und kinderlos, und trotz einer langjährigen Haftstrafe versiegen nicht immer die Kontakte zur Familie. Das sei auch gut so, erklärt Ralph Adam, der Leiter der Justizvollzugsanstalt (JVA). »Wenn das soziale Umfeld des Gefangenen wegbricht, hat er es noch schwerer, sich nach der Entlassung draußen zurechtzufinden.« Adam betont den Resozialisierungsaspekt der Haft. Ziel sei es, dass die Entlassenen ein Leben ohne Kriminalität führen, und ein stabiles Beziehungsgeflecht sei ein wichtiger Rückhalt dafür.

Das versucht die JVA Tegel zu fördern. Hierfür hat das Land Berlin für die Gefangenen Besuchszeiten ermöglicht, die, statt der üblichen 50 Minuten, über fünf Stunden betragen können. Die Häftlinge empfangen ihre Gäste – sei es die Partnerin oder die Familie – in separaten Räumen, die im Tegeler Sprechzentrum wie eine Wohnung eingerichtet sind: mit Kochnische, Bad, Sitzecke und Doppelbett. Ohne Überwachung. Natürlich ist der Andrang groß; die Anstalt ist mit 1600 Häftlingen überbelegt, das Sprechzentrum hat nur eine Kapazität für zwölf Besuche in der Woche.

»Mit Hotelvollzug hat das überhaupt nichts zu tun«, findet der Gefangene Volker Ullmann, der seit zehn Jahren eine lebenslange Strafe wegen Mordes absitzt. »Uns wird unsere soziale Kompetenz wiedergegeben.« Er traf erst kürzlich nach einer vierwöchigen Wartezeit seine Freundin Martina. »Wir haben gut gegessen und schöne, lange Gespräche gehabt, ohne die Zeit im Nacken zu haben, so wie man es mit Freunden auch draußen macht, und wo man dann auch nach ein paar Stunden wieder geht.«

Diesen Langzeitbesuch gibt es in den Berliner Gefängnissen seit 1995. Bislang kam es zu keinerlei Zwischenfällen. Und dennoch stehen sie nun in der Kritik, nachdem im April im rheinländischen Remscheid ein Häftling während eines solchen Besuchs seine Freundin umbrachte, weil die sich von ihm trennen wollte.

In Tegel gibt es im Vorfeld eines Langzeitbesuchs eine Vielzahl von Vorsichtsmaßnahmen. »Wir tragen die Verantwortung dafür«, darüber ist sich Adam bewusst. Entsprechend müsse ein Vertrauensverhältnis zu den Gefangenen aufgebaut werden. Die Beamten stehen im ständigen Kontakt mit ihnen. Sie müssen mögliche Konflikte schon im Vorfeld erkennen. Natürlich gibt es Ausschlusskriterien für solche unbeobachteten Besuche: Täter-Opfer-Konstellationen werden nicht zugelassen; Sexualstraftäter, die nicht therapiert sind, auch nicht.

Die Zulassungskriterien für einen Langzeitbesuch sind hoch. Der Gefangene Ullmann berichtet aus der Praxis: »Mit uns wird gesprochen und mit unserem Besuch. Und dann werden natürlich auch die anderen Beamten gefragt, die mit dem Inhaftierten täglich zu tun haben, ob da irgendwo ein Gefahrenpotenzial besteht. Das fängt bei den Stationsbeamten an, geht weiter zu den Beamten aus dem Sprechzentrum, der Abteilung Sicherheit, und wenn noch etwas unklar ist, werden auch die Beamten von der Arbeit gefragt, und alle müssen dem zustimmen.« Eine kriselnde Beziehungskiste über fünf Stunden lang unbeaufsichtigt zu lassen, das könne in Tegel nicht vorkommen, sagt Ullmann.

Dennoch hat die Anstaltsleitung nach der Tat in Remscheid den täglichen Umgang mit den Langzeitbesuchen noch einmal hinterfragt. Die Kontrollen würden noch sorgfältiger ausgeführt, erklärt Ralph Adam. Zudem seien in den Räumen noch zusätzliche Notrufknöpfe eingebaut, und nicht zuletzt hat die JVA neues Besteck angeschafft: Die Messerklingen sind Stumpf und biegsam. Dennoch bleibt ein Restrisiko, das weiß Adam. »Wir können den Leuten nicht in den Kopf gucken.«

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