Konstant blieb Santos' Stimmenanteil mehr als doppelt so hoch wie jener des grünen Shootingstars Antanas Mockus, selbst eine absolute Mehrheit schien nicht ausgeschlossen. Schließlich kam Santos auf 46,6, Mockus auf 21,5 Prozent – Stichwahl ist am 20. Juni.
Die letzten, vor zehn Tagen veröffentlichten Umfragen hatten die beiden noch gleichauf gesehen. Doch Mockus verlor nicht nur an Santos, sondern offenbar vor allem an den Rechtsliberalen Germán Vargas Lleras (10,1 Prozent) und Gustavo Petro vom linken Alternativen Demokratischen Pol (9,1), die sich in den TV-Debatten als scharfzüngige Redner profilierten. Niederschmetternd war das Ergebnis für die Kandidaten der beiden Traditionsparteien: Die Konservative Noemí Sanín kam auf gut 6,1, der Liberale Rafael Pardo auf 4,4 Prozent.
»Mockus gewann in den Provinzen Twitter und Facebook, Santos im Rest des Landes«, lästerten die Santos-Fans. In der Tat bliebt die virtuelle Mobilisierung weit hinter den Hoffnungen der Grünen zurück: So blieb die Wahlbeteiligung wieder unter der 50-Prozent-Marke, und selbst in fast allen Städten, auch in Bogotá und Medellín, lag Santos klar vorn. »Ich danke Gott für die Gelegenheit, meinem Vaterland zu dienen«, sagte der 58-jährige Ökonom, Journalist und mehrfache Minister. Es war das erste Mal, dass er sich dem Wählervotum stellte. Profitiert hat er von der hohen Popularität Uribes, der in seiner achtjährigen Amtszeit der FARC-Guerilla schwere Niederlagen zufügte und sie in abgelegene Landstriche drängte. Von 2006 bis 2009 spielte Santos dabei eine Hauptrolle, im März 2008 ordnete er den Luftangriff an auf FARC-Lager hinter der Grenze zu Ecuador an, bei dem der Rebellenkommandant Raúl Reyes getötet wurde. Der Kandidat stammt aus der mächtigen Bogotaner Politiker- und Journalistenfamilie Santos. Sein Großonkel Eduardo war von 1938 bis 1942 Staatschef, Vetter Francisco amtiert derzeit als Vizepräsident. Zusammen mit dem spanischen Planeta-Konzern kontrolliert die Dynastie die El-Tiempo-Mediengruppe um die gleichnamige Tageszeitung. Dort war er in den Achtzigern stellvertretender Chefredakteur. Seit 1991 widmet sich Santos ganz der Politik.
Am Wahlabend tat Santos bereits so, als wäre sein Sieg bei der Stichwahl in drei Wochen nur noch eine Formsache: An die Nachbarregierungen richtete er versöhnliche Worte, seinen Rivalen von links bis rechts bot er an, sie an einer »Regierung der nationalen Einheit« zu beteiligen.
Aktuelle Ausgabe: 25.05.2012
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