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Von Jürgen Reents 02.06.2010 / Feuilleton

Der unbeugsame Deserteur

Hoffnung mit Trotz, hundertsieben Bücher: Der Schriftsteller Gerhard Zwerenz wird morgen 85

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Sein Leben sei »auf exemplarische Weise deutsch«, hat Gerhard Zwerenz im Vorwort eines seiner Bücher geschrieben. Es war unter- und übertrieben zugleich: Hätten viele, gar die meisten Deutschen wie er gelebt, wäre wohl manches anders gekommen. Zwerenz lebte immer den aufrechten Gang, scherte aus Kolonnen aus, suchte die Desertion. Er desertierte in Polen als Soldat im Hitler-Krieg. Er desertierte in Leipzig vom Stalinismus. Er desertierte aus dem bürgerlichen Literaturbetrieb der Bundesrepublik, in den er sich nach seiner Flucht aus der DDR begeben hatte.

Geboren wurde Gerhard Zwerenz am 3. Juni 1925 im sächsischen Gablenz. Sein Vater war Ziegeleiarbeiter, seine Mutter Textilarbeiterin. Bis zum Schulbeginn wohnte er bei seinen Großeltern im nahen Crimmitschau. Es waren Kindheitsjahre, die ihn nachhaltig prägten. Schon wegen eines Koffers, den er auf dem Boden seiner Großelternwohnung fand. Er gehörte seinem Onkel Otto und war randvoll mit Büchern. Eine wohlsortierte Bibliothek, die ihm bereits vor der Schule das Lesen zu einem ständigen Verlangen und Vergnügen machte, wenngleich er Inhalt und Sinn seiner Lektüre anfangs nicht verstand. In dem Koffer war reichlich versammelt, was sich Weltliteratur nennen durfte: von Balzac, Barbusse und Boccaccio über Dickens, Dostojewski, Flaubert, Gogol und Heine bis zu Marx, Nietzsche, Remarque, Sinclair, Tolstoi und Arnold Zweig. Und viele Autoren, deren Namen man heute nicht mehr kennt. Gerhards Onkel war Anarchist. Er brachte ihm bei: Die ganze Welt ist irre und dagegen muss man sich zur Wehr setzen.

Mit den ersten Schuljahren wuchs Gerhard in die Nazizeit hinein. Er ging zur Flieger-HJ, wollte ein Segelflugzeug steuern lernen, um sich über die tschechische Grenze in die böhmische Heimat seines Großvaters treiben zu lassen. Als er das Fliegen fast beherrschte, war Tschechien von den Nazis besetzt, Böhmen kein Ziel eines Ausbruchs mehr. Nach seiner Lehre als Kupferschmied meldete er sich 1942 freiwillig zur Luftwaffe, um nicht zur Infanterie eingezogen zu werden. Er hatte vom Flug des Hitler-Stellvertreters Rudolf Hess nach England gehört, sah sein Vorhaben neu inspiriert.

Aber er kam zur Luftwaffen-Infanterie und wurde nach Süditalien befohlen. Dort lernte er das, was jeden Krieg auf allen Seiten ausmacht: Töten, um nicht getötet zu werden. Die Auseinandersetzung mit dem Krieg, mit der Schuld seiner Verursacher und Befehlsgeber und der teils bewusstlosen, teils verführt dummen Gefolgschaft der Soldaten ließ Zwerenz sein ganzes Leben lang nicht mehr los. Er litt an der Uneinsichtigkeit jener, die das selbe wie er erlebt hatten, aber nicht zugeben wollten, dass man den Krieg nicht in zwei Teile sortieren kann: den einen, in dem Hitler und die Nazis ihre Verbrechen verübt hatten, und einen anderen, bei dem die Teilnehmer schuldlos und tapfer kämpfende Deutsche geblieben seien. In einer Fernsehdiskussion, bei der es um Tucholskys Satz »Soldaten sind Mörder« (und ein Zwerenz-Buch gleichen Titels) ging, meinte ein früherer Wehrmachtsoffizier, der bitter pazifistische Autor sei wohl »schwer verwundet« aus dem Krieg zurückgekehrt. Zwerenz antwortete ihm, der deutschen Militäreinsätzen im Ausland unbelehrt weiter das Wort redete: »Die schwerere Verwundung haben offenbar Sie erlitten.«

Auf dem Rückzug seiner Einheit in Italien fasste Zwerenz den Entschluss, zu desertieren. Er brach den Versuch ab, als er miterlebte, wie ein Kamerad, der sich einem alliierten Soldaten ergeben wollte, von diesem mit dem Bajonett erstochen wurde. Zwerenz wurde an die Ostfront versetzt. In Warschau dann gelang ihm die Desertion. Er kam ins Kriegsgefangenenlager nach Minsk, wurde als einer jener ausgesucht, die nach Kriegsende den Kader der Volkspolizei in der sowjetischen Besatzungszone stellen sollten. Die Tuberkulose, die er sich im Krieg geholt hatte, ließ jedoch nur eine kurze polizeiliche Karriere zu.

Zwerenz wurde Dozent für Marxismus-Leninismus in Zwickau, begann ein Studium der Philosophie in Leipzig bei Ernst Bloch, mit dem ihn bald eine Freundschaft verband. Und die dem Gefühl folgende Erkenntnis, mehr und mehr in Widerspruch zur herrschenden sozialistischen Doktrin zu geraten. Bei Bloch lernte er, dass die Kollaboration mit einer großartigen Idee davon begleitet sein müsse, sich gegen ihre schwindelnde Verengung aufzulehnen. Dass Hoffnung nicht mit Angst, sondern nur mit Trotz erstritten werden kann. Sein Parteiausschluss aus der SED kam, als die kurze Tauwetter-Periode nach dem XX. Parteitag der KPdSU vorbei war. Über Freunde erfuhr er von seiner drohenden Verhaftung und floh 1957 zusammen mit seiner Frau Ingrid in den Westen.

In seinen ersten Veröffentlichungen in der Bundesrepublik rechnete Zwerenz scharf mit dem in der DDR Erlebten ab. Seine 1959 erschienenen Romane »Aufs Rad geflochten« und »Die Liebe der toten Männer« befassten sich mit einer bezwingenden Ideologie, die die Emanzipation der Arbeiterklasse zur Phrase für den Aufstieg einer unnachgiebigen Parteiherrschaft verbog. Das giftige Echo aus seiner Heimat blieb nicht aus: Die Leipziger Volkszeitung nannte ihn einen »Prostituierten«, der »für die Feinde des Volkes schmiert«. Die LVZ entschuldigte sich 1990. Kurz zuvor, 1989, schrieb die westdeutsche FAZ, dass Zwerenz »bis heute nicht die Kunst des Schreibens« gelernt habe und »kaum ein Leser freiwillig ein zweites Buch von ihm zur Hand« nehme. Geht man vom erstgenannten Verdikt aus, dann dürfte die noch ausstehende Entschuldigung der FAZ kurz vor dem Jahr 2020 zu erwarten sein.

Dass die westdeutschen Medien dem Schriftsteller Zwerenz nach dessen DDR-Flucht nicht lange wohlgesonnen blieben, hängt mit dessen dritter Desertion zusammen: Er taugte nicht zum Kronzeugen, ließ seine Kritik am verbogenen Sozialismus nicht in Loblieder auf den Kapitalismus münden. Seine Bücher und Essays widmeten sich bald dem restaurativen Denken in der Bonner Republik, suchten bewusst auch die Polemik mit Literaten, die ihm zu zauderlich mit der Obrigkeit verfuhren. Kurt Tucholsky und Carl von Ossietzky waren seine Vorbilder. Gerne wäre er zeitlebens vor allem ein »Weltbühne«-Autor mit ein paar Romanen als Beigabe geworden.

Doch er wurde einer der schreibwütigsten deutschen Buchautoren, publizierte 107 Bücher. Dazu zählen der Bestseller »Casanova oder der Kleine Herr in Krieg und Frieden« (1966), »Kopf und Bauch« (1971), »Die Erde ist unbewohnbar wie der Mond« (1973, später Vorlage für das umstrittene Fassbinder-Stück »Die Stadt, der Müll und der Tod«), »Die Quadriga des Mischa Wolf« (1975), »Kurt Tucholsky. Biographie eines guten Deutschen« (1979), »Vergiß die Träume deiner Jugend nicht« (1989) und »Sklavensprache und Revolte« (2004, gemeinsam mit seiner Frau Ingrid, die wie er bei Bloch studiert hatte). Einem bestimmten Genre mochte er seine Werke nie zurechnen. Zumeist verwebte er Fiktion und Tatsachen mit Erinnerungen, verfasste aber neben explizit politischen Schriften (wie »Rechts und dumm« 1993 und »Links und lahm« 1994) auch Kriminalromane und erotische Literatur.

»Neues Deutschland« druckte im Juli 1990 erstmals eine Geschichte von ihm ab, »Das Land der zufriedenen Vögel«. Seine Autorenschaft für diese Zeitung begründete Zwerenz mit den Worten, dass es ihm Spaß mache, »in einem Blatt, wo man mir nach dem Weggang eine Verdammung hinterdreinschickte und ich dann 33 Jahre lang kein Wort sagen durfte, den verhängten Tod zu dementieren«. Das Unverständnis vieler seiner Freunde war groß und erneuerte sich, als er von 1994 bis 1998 als unabhängiger Kandidat auf der Liste der PDS in den Bundestag einzog. Dort ließ er in einer Debatte, in der er die Umbenennung aller nach Wehrmachtsoffizieren benannten Bundeswehrkasernen und die vollständige Rehabilitation der Deserteure forderte, auch mal einen Halbsatz stehen: Der Bundestagspräsident hatte ihn inmitten eines Arguments ermahnt, seine Rede zu beenden – und wohl nicht bedacht, dass Zwerenz jeden so ernst nimmt, wie er dies auch für sich gerne häufiger gewünscht hätte.

In seinem ersten Buch, »Aristotelische und Brechtsche Dramatik«, 1956 in der DDR veröffentlicht, legte Zwerenz ein frühes Bekenntnis ab, was er für die Aufgabe der Kunst, auch der Schriftstellerei ansah: Humanisierung durch Aufhellung. Er bezog sich auf Immanuel Kants Satz »Habe Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen!« und versagte sich der Neigung vieler Zeitgenossen, die bei solcher Übung nur die seichten Dimensionen durchschreiten, von Fakten viel und von Werten wenig wissen wollen und ihr Ich vor dem Zuhörer und Leser verheimlichen.

1986 erhielt Zwerenz den Ossietzky-Preis für sein Buch »Die Rückkehr des toten Juden nach Deutschland« (1986). Er hatte es geschrieben, weil er nach eigenem Bekunden den Antisemitismus der Nachkriegszeit unterschätzt hatte. 1991 folgte der (privat gestiftete) Alternative Büchnerpreis. Der von der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung vergebene Georg-Büchner-Preis ging im selben Jahr an Wolf Biermann, der die Demonstrationen gegen den zweiten Golfkrieg gerade »zum Kotzen« gefunden hatte. Walter Jens sagte bei einer Lesung über den Antikriegsliteraten Zwerenz, er sei »ärgerniserregend«, stehe »immer zwischen den Fronten, Schläge austeilend: Schriftsteller wie er sind in einem Augenblick wie dem jetzigen wichtiger denn je«.

Sein zuletzt gedrucktes Buch erschien 2008 als Gesprächsband mit Neues Deutschland: »Zwischen Kain und Abel«. Dann betrat Zwerenz Neuland, schrieb einen Fragmenteroman im Internet: »Die Verteidigung Sachsens und warum Karl May die Indianer liebte«. Als das abschließende der im Wochenrhythmus bei poetenladen.de erschienenen 99 Fragmente im Oktober 2009 im Netz war, begann er mit Nachworten dazu. »Ob's 9 oder 99 Nachworte werden, kann ein Methusalem nicht beschwören«, kündigte er an. Bislang wurden es 27. Zwerenz rastet nicht. Vermutlich sitzt er auch morgen am Schreibtisch im Hochtaunus, komponiert Buchstaben zu Sätzen und vergisst dabei, dass er gerade seinen 85. Geburtstag zu feiern hat.

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3 Kommentare zu diesem Artikel

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  • drhwenk, 01. Jun 2010 22:50

    Jetzt fehlt ihm nur noch Spinoza für die kommende Ewigkeit

    107 Bücher sind wohl neben der unerschöpflichen Produktivität den "Verwertungsbedingungen" des BRD Literaturmarktes geschuldet. "Grottenschelcht" für linke Autoren ist da "gestrunzt".
    Dessen Urteil sollte für Gehard Zwerenz also erheblich weniger als die qualitative Zustimmung seiner Leser zählen. Da steht er mit seinem geschilderten Leben sehr gut da. "Aufrechter Gang" aus dem Lehrbuch, sozuschreiben. Die Früchte der Übernahme des Kantschen Diktums "Traue dich, dich deines Verstandes zu bedienen (Sapere aude)" fährt er in unverlierbarer Weise mit dem Meister des Verstandesgebrauchs - Es gibt nur einen, der gut denkt, und das ist Spinoza, aber den kann keiner lesen (Voltaire) - Spinoza ein.
    Der ewige Teil der Seele ist dort mit der Lust und deren Verknüpfung mit der Fähigkeit der Erkenntnis verknüpft. Bei dem schon vorhanden Erkenntnisvermögen von Gerhard Zwerenz dürfte das schon reichen.

    • Permalink

  • HPR148, 03. Jun 2010 04:01

    HERZLICHEN GLUE'h'WUNSCH -Lieber Herr Zwerenz-

    ---and many more 'up' the road!--- "O'p-P.", et al, wish you the very best, Sir!

    • Permalink

  • Kukuch, 03. Jun 2010 22:23

    Die sieben Sünden der Menschheit

    Einen großen buntenStrauß guter Wünsche und dazu freundliche Grüße der Ex-Leipziger Dr. Kurt Kutzschbauch,Berlin
    Statt Blumen:
    Es schrieb einst ein gewisser Herr Storm....
    "Wir können nicht verkennen, dass wir unter Gewalt leben.
    Dies ist umso einschneidender, als sie von jenen kommt,
    die wir gegen die Gewalt zu HIlfe riefen und die uns jetzt, nachdem sie jene zu bewältigen halfen, wie einen besiegten Stamme behandeln; indem sie wichtige Einrichtungen, ohne uns zu fragen, hier über den Haufen werfen.
    Obenan steht ihr schlechtes Gesetzbuch, worin eine Reihe von Paragraphen ehrlichen Leuten gefährlicher sind als den Spitzbuben, die sie angeblich treffen sollen.
    Obwohl das Land - sowohl wegen der Art, wie das neue Gebiet gewonnen , als auch, weil wir zum geistigen Leben der Nation ein großes Kontingent gestellt haben - alle Ursache zu bescheidenen Auftreten bei uns hat, kommt doch jeder Kerl von dort mit der Miene des keinen persönlichen Eroberers und als müsse er erst die höhere Weisheit bringen. Unglaublich ist die naive Rohheit dieser Leute. auf diese Weise einigt man Deutschland nicht."
    Wer hat und wann wurde das geschrieben???? Ja,
    von Theodor Storm, nachdem sich Preußen die beiden Herzogtümer Schleswig und Holstein einverleibt hatte.

    Und noch etwas
    Die sieben sozialen Todsünden der Menschheit
    Politik ohne Prinzipien,
    Reichtum ohne Arbeit,
    Genuss ohne Gewissen,
    Wissen one Charakter,
    Geschäft ohne Moral,
    Wissenschaft hne Menschlichkeit,
    Religion ohne Opfer.
    Mahatma Ghandi

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