02.06.2010

Eine schreckliche Tragödie

Der israelische Historiker Moshe Zuckermann über den Realitätsverlust von Regierung und Militär in seinem Land

Moshe Zuckermann, als Sohn polnisch-jüdischer Holocaust-Überlebender 1949 in Tel Aviv geboren, leitete das Institut für Deutsche Geschichte an der Universität seiner Heimatstadt. Seit diesem Jahr ist er wissenschaftlicher Leiter der Sigmund Freud Privatstiftung in Wien. Mit dem Historiker sprach für ND Susann Witt-Stahl.
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ND: Auch wenn der genaue Hergang des Angriffs noch nicht ermittelt ist – alles deutet zumindest auf eine unverhältnismäßige Militäraktion hin. War damit zu rechnen?
Zuckermann: Nein, es war nicht damit zu rechnen. Anders gesagt: Genau dieses Szenario hatten die israelischen Militärs, die die Aktion vorbereitet hatten, nicht bedacht. Dass man sich aber dafür überhaupt entschieden hatte, darin lag schon der Kern der Katastrophe. Auch wenn man sie so nicht gewollt hatte, war in der Fehlplanung bereits die Katastrophe angelegt.

Israels Vizeaußenminister Dany Ajalon bezeichnete die Free-Gaza-Fahrt als Verstoß gegen internationales Recht und verurteilte sie als »unerträgliche gewaltsame Provokation«. Militärsprecher Avi Benijahu bezichtigte die Aktivisten der Anwendung »präzedenzloser Gewalt« und nannte sie »Semi-Terroristen«. Diese Aussagen zeugen von schwerem Realitätsverlust, oder?
Ja, aber von Realitätsverlust ist die gegenwärtige israelische Regierung schon seit ihrem Bestehen geschlagen. Nichts anderes war zu erwarten, als dass die Politik und das Militär genau so reagieren würden, wie sie reagiert haben. Überraschend war dies nicht, schon gar nicht bei Dany Ajalon.

Die Mehrheit der Israelis steht hinter ihrer Regierung. Gilt das auch für so eine kopflose Militäraktion, die schwerwiegende außenpolitische Konsequenzen haben kann?
Grundsätzlich wird sich die große Mehrheit der israelischen Gesellschaft immer hinter ihre Regierung stellen, wenn Israel etwas verbrochen hat, das gravierende internationale Verurteilung zeitigt. Da ist stets ein Automatismus am Werk, mit dem sich auch immer die sofortige Schuldzuweisung an die Opfer des Verbrochenen verbindet. Die Kommentare im Internet bestätigen auch diesmal diesen Eindruck.

Wie reagiert Israels Linke?
Die radikale Linke hat sofort zu Demonstrationen und Protestaktionen aufgerufen. Die moderate Linke hält sich vorerst – wie stets anfangs – bedeckt. Das kann sich aber noch ändern, denn es steht auch fest, dass es innerhalb weniger Tage zur Kritik an der Aktion aus Israels Politik und den Medien kommen wird.

Was bedeutet dieser Vorfall für die palästinensisch-israelischen Gespräche, deren Wiederaufnahme gerade beschlossen wurde?
Das ist komplex. Denn politischen »Gewinn« hat zunächst die Hamas vom schlimmen Vorfall geschöpft. Das ist für die PLO im Westjordanland, politisch betrachtet, nicht günstig. Da aber die israelisch-palästinensischen Friedensgespräche zurzeit ohnehin nur halbherzig, um nicht zu sagen lustlos, angegangen werden, wird der Vorfall sich nicht gravierend auf sie auswirken. Man darf auch nicht vergessen: Außer der PLO hat auch Ägypten eine offene Rechnung mit der Hamas.

Welche Auswirkungen erwarten Sie für die israelisch-türkischen Beziehungen?
Die dürften für die absehbare Zukunft total hin sein, was freilich nicht nur in den Zusammenhang des Vorfalls zu bringen ist. Vielmehr hat sich die Türkei schon seit einem Jahr, vielleicht auch schon länger, von ihrer traditionellen Westbindung abgewandt, um sich auf einer neuen Achse mit Syrien und Iran – vielleicht auch künftig mit Irak – zu verbünden.

Apropos Achse: Der zynische Kommentar des in Deutschland einflussreichen neokonservativen Netzwerks »Die Achse des Guten« lautet, der Vorfall sei ein »Propagandaerfolg« der »hamasophilen Solidarlinge« der Free-Gaza-Flotte. Und wie lautet Ihrer?
Ich bitte Sie, was sonst ist von der Achse des Guten zu erwarten! Wenn schon Israels Regierung sich in zynischer Reaktion auf das Geschehene ergeht, steht doch nichts anderes von dieser »Achse« zu erwarten. Was immer die Hamas an »Erfolg« bei diesem Vorfall zu verbuchen hat – es handelt sich um eine schreckliche Tragödie, die sich freilich aus dem gesamten zwischen Israelis und Palästinensern herrschenden Zustand erklärt.