Von Antje Stiebitz
08.06.2010

Tomaten im Hochglanzformat

Die holländische Nahrungsmittelproduktion soll nachhaltig werden

Die Gemeinde Westland trägt den Spitznamen »de glazen Stad« (»die gläserne Stadt«), denn hier befindet sich das größte Gewächshauskulturgebiet der Niederlande. Unter einem der zahllosen gläsernen Dächer ist der Tomatenzuchtbetrieb »TomatoWorld« beheimatet. Für diesen wird mit Begriffen wie »Paralleluniversum« oder »Hightech-Showroom« geworben.
2
Tomaten kindgerecht verpackt.

Betritt der Besucher die 500 Quadratmeter große, ehemalige Packhalle der Züchterei, eröffnet sich ihm das perfekt inszenierte Reich der Tomaten. An der Decke windet sich ein überdimensionaler Strauchtomatenstängel. Dem künstlichen Gemüsespross folgend, stehen tomatenfarbige Informationsinseln: Filmmaterial und Stellwände lehren Gäste Wissenswertes über die rote Frucht. Das schicke Kochstudio wird bereits manchen interessierten Einkäufer, Laien, Gärtnerkollegen oder Studenten überzeugt haben. An einem Gemüsestand können Früchte verschiedenster Farben und Formen gekostet werden. Der Satz des Tomatengärtners Jos van Mil, »Marketing ist mein großes Hobby«, ist keine Überraschung mehr. »TomatoWorld« ist auf Imagepflege ausgerichtet.

»In Deutschland hatten wir vor 15 Jahren ein Problem mit Wassertomaten«, erinnert sich van Mil, »das lag daran, dass sie grün geerntet wurden. Doch inzwischen züchten wir Strauchtomaten und es ist gelungen, unser Image zu ändern.« 150 Tonnen »Tommies«, kleine rote Strauchtomaten, werden hier pro Woche geerntet. 60 Prozent davon gehen in den Export nach Deutschland .

In weißen Kitteln und Schutzkleidung über den Schuhen betritt der Besucher das 1500 Quadratmeter große Demonstrationsgewächshaus. Es ist warm, Tomaten wachsen hier rasch. Innerhalb eines Jahres erreichen sie eine Länge von 12 bis 13 Metern. Im Dezember wird gepflanzt und ab März tragen die Pflanzen Früchte, geerntet werden sie das ganze Jahr. Das geschlossene Gewächshaus beherbergt rund 50 Tomatensorten. Ihr Spektrum reicht von Arten aus dem Raritätenkabinett über das Supermarktsortiment bis zu alten Sorten.

Temperaturregulierung, Wasser- und Nährstoffzufuhr sind computergesteuert. Die Tomaten wachsen auf Steinwolle-Substrat und werden künstlich gefüttert: Phosphor, Stickstoff, Kali und Kalk werden ihnen, in Wasser gelöst, tröpfchenweise zugeführt. Tomaten die hier wachsen, dürfen sich nicht »Bio« nennen. Für diese Bezeichnung müssten sie auf Erde gedeihen. Vielleicht ist es die fehlende Erde, vielleicht die Perfektion der Früchte, die künstliche Umgebung, Worte wie hochproduktiv, technisch optimiert oder die Tomaten in kleinen bunten Tütchen, die an Süßigkeiten erinnern und mit denen die Kleinsten zum Konsum verführt werden – das Naturprodukt Tomate wirkt von der Natur entkoppelt. Das löst Unwohlsein aus und der Satz des Greenpeace-Landwirtschaftsexperten Martin Hofstetter, die holländische Agrarwirtschaft habe kaum mehr etwas mit unserer Vorstellung von bäuerlich zu tun, wird plastisch. Trotzdem, die Tomaten schmecken. Das muss man zugeben.

Van Mils Tomaten gelten in Holland als umweltfreundlich und nachhaltig. Die Steinwolle und die Pflanzenreste werden recycled. Für die Steinwolle, erklärt der Tomatengärtner, suche man bereits eine organische Alternative – beispielsweise Kokoswolle. Auch die Bestäubung und die Schädlingsbekämpfung laufen biologisch. Ein Hummel-Volk bestäubt die Pflanzen und gegen grüne Blattläuse hängt in jeder Gewächshauszeile ein Topf mit Weizen. »Pestizide haben wir vor zwei bis drei Jahren aufgegeben, das liegt an den Kinderprodukten. Außerdem würden wir Probleme mit den Hummeln bekommen«, erläutert van Mil. Zur Bewässerung der Pflanzen werde Regenwasser verwendet und das Endprodukt der Energiegewinnung, CO2, werde in die Treibhäuser geführt, da es für das Pflanzenwachstum wichtig sei. Eine gentechnische Veränderung der Tomatensamen sei nicht erlaubt, erklärt Chris Groot vom Samenzuchtbetrieb Enza Zaden.

Als Paradebeispiel für Nachhaltigkeit gilt die Anlage für Kraft-Wärme-Kopplung: Bei der Verbrennung von Erdgas für Strom wird Wärme frei. Diese wird vom Wasser aufgenommen und heizt über ein Rohrsystem das Gewächshaus. Ist die Temperatur im Gewächshaus ausreichend, wird die Wärme in einem Puffertank gespeichert. »15 bis 20 Prozent der Energie in Holland wird in Gewächshäusern produziert«, erläutert van Mil. Im Winter müsse allerdings Wärme zugeführt werden.

Das kritisiert Greenpeace-Experte Hofstetter auf ND-Anfrage: »In der Energiebilanz schneiden die Holländer trotz des weiten Transports schlechter ab als die Spanier.« Wolle man im Winter Tomaten kaufen, solle man zu spanischen greifen. Günstiger sei es, im Winter auf Tomaten zu verzichten und sich an saisonales und regionales Gemüse zu halten. Die Kraft-Wärme-Kopplung sei besser als nichts, fährt er fort, Solarenergie sei aber vorzuziehen. Die Tomatenvielfalt der Züchterei lobt er: »Vielfalt ist gut, das macht biologisch Sinn.«

Die niederländische Landwirtschaftsministerin Gerda Verburg legte im Juni 2009 ihr Leitprogramm »Nachhaltige Nahrung« vor. Das Ziel: Die Niederlande sollen in fünfzehn Jahren weltweiter Spitzenreiter der nachhaltigen Nahrungsmittelproduktion werden. Produzenten will man durch Förderung animieren, bewusster zu produzieren. Die Verbraucher möchte man »verleiten«, entsprechende Produkte zu konsumieren und internationale Abkommen sollen sich auf eine nachhaltige Nahrungsmittelversorgung einigen. Alle beteiligten Akteure – Verbraucher, Industrie, Wissenschaft und Politik – sollen zusammenarbeiten. Hierfür wurde eine Plattform für nachhaltige Nahrung gegründet. Ihre Aufgabe ist es, die Pläne des Ministeriums umzusetzen. Im Laufe der Zeit, so hoffen die Experten, werde sich das tägliche Menü verändern. Beim Kauf von Fisch und Fleisch würde zunehmend auf eine verantwortungsvolle Produktion geachtet, Gemüse stünde häufiger auf dem Speiseplan, mehr saisonale Produkte würden gekauft und bei der Nahrungsmittel-Wahl würde bald der Natur- und Umweltschutzgedanke leiten. Im Ministerium für Landwirtschaft in Den Haag hört sich Verburg nicht mehr ganz so optimistisch an. »Ich hatte drei Jahre Zeit, meine Agenda zu entwickeln, doch drei Jahre sind nicht genug.« Das sei wie bei einem »Schiff, das die Fahrtrichtung ändern soll«.

Im Demonstrationsgewächshaus der Tomatenzüchterei 
Im Demonstrationsgewächshaus der Tomatenzüchterei »TomatoWorld«

Armin Paasch vom Hilfswerk Misereor aus der Abteilung Entwicklungspolitik kritisiert im Gespräch mit dem ND, dass die europäische Agrarpolitik immer noch darauf ausgerichtet sei, weltweit wettbewerbsfähig zu bleiben und die Produktion zu steigern. Die Produktion von Nahrungsmitteln müsse sich an der heimischen Nachfrage orientieren. Nicht, dass der Export ganz aufgegeben werden solle, doch Billig-Exporte zerstörten den Markt vieler Kleinbauern in den Entwicklungsländern. Die EU forciere in vielen Staaten eine extreme Marktöffnung, betreibe Dumping und die Entwicklungsländer könnten sich nicht dagegen schützen. Paasch fordert eine Änderung der Handelspolitik. Hierzu könne man sich auf das Recht auf Nahrung der Vereinten Nationen berufen. Er will, dass Exportsubventionen und die Überproduktion gestoppt werden und sich Investitionsbeihilfen ökologisch orientieren.

Die holländische Bioproduktion, das zeigen die Zahlen des Agrarministeriums für 2009, ist ein kleiner, aber steigender Sektor: Die für Biolandwirtschaft genutzte Fläche ist um 2,9 Prozent angestiegen. 1488 Biolandwirte nutzen 2,7 Prozent der gesamten Landwirtschaftsfläche. Die Konsumenten haben 10,8 Prozent mehr für Bioprodukte ausgegeben. Der Biomarkt wächst stärker als der Gesamtmarkt. Also gibt es ein Umdenken, wie es sich Verburg vorstellt.

Jos Hugense beispielsweise war ehemals Besitzer eines Fleischbetriebs. »Ende der 90er gab es Ärger mit BSE«, erinnert er sich, »da haben wir Alternativen gesucht.« Jetzt produziert er meatless, eine zu 100 Prozent pflanzliche Faser, aus Lupine, Weizen und Algen. Der Fleischaustauschstoff, schwärmt er, habe null Prozent Cholesterin, wenige Kalorien, kaum gesättigte Fettsäuren sowie weniger als ein Prozent Fett. Und habe trotzdem den Biss von Fleisch.

Während Hugense auf einem Bildschirm Fakten erläutert, werden für die Besucher Kostproben serviert: hackfleischähnliche Hybrid-Produkte (80 Prozent Fleisch und 20 Prozent meatless), rein pflanzliche Hamburger und Brotaufstriche, und indonesisch gewürzte Wok-Gerichte. Die Gäste kauen und mit den leckeren Bissen schlucken sie die aufbereiteten Informationen.

Meatless, erklärt er, beantworte zwei Trends. Die pflanzliche Faser könne den Übergewichtigen Europas helfen und die Produktion pflanzlicher Proteine sei effizienter als die tierischer Proteine. Der Fleischkonsum steige weltweit stark an und die Erzeugung von Biotreibstoff wirke zusätzlich auf den Preis tierischer Proteine. »Fleisch wird künftig extrem teuer und seine Produktion schürt Probleme wie Land- und Trinkwasserknappheit, CO2- und Methanausstoß sowie Energieverbrauch.« Ökologisch gesehen, so Hugense, sei meatless das beste eiweißhaltige Produkt. Der Verbrauch fossiler Energie sei gering, das gleiche gelte für die Nutzung von Land und den Ausstoß von Treibhausgasen.

Hugense ist überzeugt, dass sich Menschen zunehmend für fleischarme Ernährung entscheiden werden. Der Konsum von Fleischaustauschstoffen steige an. Momentan produziere er monatlich rund 150 Tonnen der Faser, Tendenz steigend. Die Supermarktkette Albert Heijn wird bald sechs meatless-Produkte anbieten, und der Lebensmittelkonzern Nestlé hat die Faser getestet.

»Fleischaustauschstoffe sind eine Alternative zu Massentierhaltung und energetisch günstig«, sagt Hofstetter, »da sind die Niederländer innovativ.«