Von Karin Leukefeld
08.06.2010

Verheerender Angriff mit Streumunition

Amnesty verlangt von USA Aufklärung über Tötung von mehr als 50 Menschen in Jemen

Amnesty International will von den USA wissen, ob ihre Armee im Dezember eine Rakete mit Streubomben auf ein Lager in Jemen abgefeuert hat. Bei dem Angriff in der Provinz Abyan sollen mindestens 50 Menschen getötet worden sein.

Der Angriff in dem Ort Al-Ma’jalah (Provinz Abyan) hatte nach offiziellen Angaben einem Ausbildungslager der Qaida gegolten und 34 Terroristen getötet. Man sei einer Serie von Selbstmordanschlägen gegen Einrichtungen im In- und Ausland zuvorgekommen, hieß es aus dem jemenitischen Innenministerium. Augenzeugen berichteten allerdings schon kurz nach dem Angriff von vielen getöteten Zivilisten und zerstörten Häusern.

Nach Angaben von Amnesty International wurden bei dem Angriff am 17. Dezember 41 Zivilisten getötet, darunter 14 Frauen und 21 Kinder. Bei 14 weiteren Toten konnte nicht ermittelt werden, ob sie Zivilisten oder Kämpfer gewesen seien. Am Montag veröffentlichte Amnesty in London Bilder von einer eingeschlagenen US-Rakete und einer nicht explodierten Splitterbombe, die kurz nach dem Angriff aufgenommen wurden. Zu sehen sind gut identifizierbare Reste einer Rakete vom Typ BGM-109 Tomahawk (Cruise Missile) sowie eine Streubombe des Typs BLU 97 A/B.

Die Cruise Missiles werden normalerweise von Kriegsschiffen oder U-Booten abgeschossen, solche Möglichkeiten hätten in der Region nur die US-Streitkräfte, so Amnesty. Die Rakete kann 166 Streubomben transportieren, von denen jede mehr als 200 Stahlsplitter enthält, die im Umkreis von 150 Metern zu schwersten Verletzungen führen. Eine ebenfalls in den Bomben vorhandene brennbare Flüssigkeit löst bei Explosion schwere Brände aus.

Kurz nach dem Angriff hatte die »New York Times« berichtet, das US-Militär habe Jemens Armee mit Aufklärungsbildern und »Feuerkraft« unterstützt, um gegen angebliche Qaida-Lager vorzugehen.

Ein Untersuchungsausschuss des jemenitischen Parlaments hatte im Februar der offiziellen Regierungsdarstellung widersprochen. Bei Ankunft in Al-Ma’jalah »fanden wir alle Häuser mitsamt ihrem Inhalt verbrannt, nur einige Überreste von Möbeln« seien noch zu sehen gewesen, heißt es in dem Bericht. Man habe Blutspuren der Opfer gefunden und Krater, wo die Raketen eingeschlagen wären. Außerdem habe man »eine Anzahl nicht explodierter Bomben« gefunden. Ein Überlebender des morgendlichen Angriffs habe den Parlamentariern berichtet, seine ganze Familie sei im Schlaf getötet worden, keiner von ihnen habe etwas verbrochen.

Die Provinzbehörde von Abyan erklärte damals, unter den Toten seien auch 14 Qaida-Mitglieder, konnte allerdings bis auf eine Person niemanden identifizieren. Bei dieser Person handelte es sich um einen früheren Afghanistankämpfer saudischer Herkunft, der seit 2003 in Jemen lebte. Der Parlamentsausschuss hatte von der Regierung eine juristische Untersuchung gefordert, um die Verantwortlichen für die Ermordung von Zivilisten zu fassen. Bisher ohne Erfolg.

»Ein Militärschlag dieser Art gegen mutmaßliche Kämpfer ohne einen Versuch ihrer Festnahme ist mindestens gesetzeswidrig«, sagte Philip Luther von der Nahostabteilung bei Amnesty International. Dass so viele Opfer Frauen und Kinder waren, mache klar, »dass der Angriff tatsächlich extrem unverantwortlich war«. 98 Staaten haben das Internationale Abkommen zur Ächtung von Streubomben 2008 unterzeichnet, das zu August in Kraft treten soll. Weder die USA noch Jemen gehören zu den Unterzeichnerstaaten.

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