Foto: Heiko Orlowski
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Gentechnik hat in Deutschland einen äußerst schlechten Ruf, wie Umfragen seit Jahren beweisen. Im Theater sah man bisher kaum etwas zu diesem Thema. Nun hat sich das English Theatre Berlin in Zusammenarbeit mit dem FU-Institut für Mikrobiologie der Problematik zugewandt und Caryl Churchills Stück »A Number« auf die Bühne gebracht – als intensives Kammerspiel um das Klonen von Menschen und die Frage, was Identität ausmacht.
In »A Number« wird in fünf einzelnen Szenen ein Familiendrama aufgerollt, dessen Ursprung Jahrzehnte zurückliegt. Ausgangspunkt ist ein Gespräch zwischen Vater Salter und seinem erwachsenen Sohn Bernard. Der fordert Klarheit, denn zeitlebens hat der Vater ihm verschwiegen, dass Bernards Mutter vor seiner Geburt Selbstmord beging und Salter, depressiv und überfordert, seinen ersten Sohn schwer vernachlässigte. Um neu anfangen zu können, gab Salter den Erstsohn weg, ließ aber aus der DNA ein Ebenbild erschaffen: Bernard II. Doch der Reproduktionsmediziner schuf heimlich eine ganze Serie von Klonen, 20 insgesamt, die auf verschiedene Familien verteilt wurden. »Things«, Dinger, nennt Salter sie mit einer Mischung aus Ekel und Angst. 35 Jahre später werden sie über ihre Herkunft informiert, und Salters Lügengebäude stürzt zusammen. Doch was mit einem aufgewühlten Vater-Sohn-Gespräch beginnt, endet in einer Tragödie, denn auch der Erstsohn taucht wieder auf.
Was ist Identität, was macht uns Menschen aus? Bestimmen die Gene unser Wesen oder Umwelt und Erziehung? Und kann man nachvollziehen, dass Salter seinen verlorenen Sohn hat klonen lassen, um »alles anders zu machen, besser zu machen«?
Das sind nur einige der Fragen, die das hervorragend gespielte und umgesetzte Drama »A Number« aufwerfen. Daneben geht es um Verantwortung, Selbstverleugnung, Ehrlichkeit im Umgang mit den Nachkommen – tatsächlich könnte man das Stück auch als psychologische Vater-Sohn-Studie lesen oder als Lehrstück darüber, was Lügen und Leugnen in einer Gesellschaft anrichten. Das klingt nach schwerem Stoff, doch verzettelt sich das Stück der britischen Autorin Caryl Churchill nicht in blanker Theorie, sondern bleibt in jeder Minute echt und wahrhaftig – ein Strudel tiefer, dunkler Emotionen, durchzogen von feinen Sarkasmus-Noten und einem Schuss Hoffnung zuletzt, wenn Salter einen der Klone kennenlernt, einen freundlichen jungen Familienvater, der von seiner Herkunft fasziniert ist statt entsetzt.
Damit nichts von der intimen Psychostudie ablenkt, hat Regisseur Günther Grosser das Spiel auf ein kleines Bühnenquadrat konzentriert und lässt die Zuschauer in zwei Blöcken davor sitzen. So hat jeder beste Sicht auf die beiden Darsteller, und das lohnt sich: Man spürt förmlich die Qual, den Frust, die Widersprüche, mit denen sich Patrick Lanagan als Vater auseinandersetzt, und Tomas S. Spencer spielt seine drei Rollen – als nach Wahrheit suchender Zweitsohn, als aggressiv-frustrierter Erstsohn und als höflicher junger Mann – mit ungeheurer Kraft. Ein absolut sehenswerter Stück in englischer Sprache – hoffentlich nicht das letzte der neuen Reihe »Science und Theatre«.
Bis Fr, 11. Juni, 20 Uhr; English Theatre, Fidicinstr. 40
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