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Von Volkmar Draeger 11.06.2010 / Berlin / Brandenburg

Seismogramme der Verwerfungen

Die 6. Berlin Biennale präsentiert Gegenwartskunst aus aller Welt

Kunst spiegelt Wirklichkeit und schafft sich so bisweilen ihre eigene Wirklichkeit, die, vom Filter des jeweiligen Künstlers geprägt, mit der äußeren Realität nicht mehr viel zu tun haben muss. »Was draußen wartet« steht nicht von ungefähr als Titel über der 6. Berlin Biennale für zeitgenössische Kunst, die bis zum 8. August Positionen der Gegenwartskunst aufzeigen möchte. Die österreichische Kuratorin Kathrin Rhomberg hat hierzu 43 internationale Einzelkünstler oder Künstlerduos geladen, ihre Sicht auf eine von Krisen und Verwerfungen geschüttelte Welt zu artikulieren.

Was draußen wartet, außerhalb des eigenen Selbst, ist keine friedfertige Zeit, die zu Kontemplation anregt, sondern die Endphase eines ganzen Systems, das eben noch durch den Untergang der Konkurrenz paradiesische Zustände erhoffte und nun ökonomisch, politisch, moralisch angsterregend rapide verschleißt. Wie Kunst auf dies bedrohlich fordernde »Draußen« reagiert, fragt die nunmehr sechste Ausgabe einer 1998 vom KW Institute for Contemporary Art initiierten Schau, die Berlin endgültig unter die Weltmetropolen für Gegenwartskunst hebt. Rund drei Millionen Euro beträgt das Budget für die auf sechs Orte in Mitte und Kreuzberg verteilten Präsentationen, allein von der Kulturstiftung des Bundes fließen 2,5 Millionen zu.

Parallelen zwischen der Zeit und der Sichtweise Adolph Menzels zeigt eine große Ausstellung in der Alten Nationalgalerie auf: Der große Realist des 19. Jahrhunderts wird zum Zeitgenossen im Geist. Zeichnungen und Gouachen aus dem Kupferstichkabinett weisen Menzel als kritischen Begleiter ebenfalls einer Epoche der Umbrüche auf, als der Kapitalismus auf ungehemmtes Wachstum setzte. Menzels Skizzenbücher halten das bestechend nüchtern fest. Ihm als »ältestem« Teilnehmer der Biennale steht mit Petrit Halilaj, 1986 im Kosovo geboren, der jüngste gegenüber: Das Gerüst des zerstörten Wohnhauses seiner Eltern bezieht er in die Kunst ein. Fast 20 Nationen sind an der Zusammenschau heutiger Positionen beteiligt, von Europa über Amerika bis Neuseeland. Dass sich auch Länder wie Albanien vorstellen können, lässt Entdeckungen erwarten – auch dies ein Ziel der Biennale, die renommierte Künstler wie Thomas Locher neben aufstrebende Newcomer stellt.

Hauptausstellungsort mit sechs weiträumigen Etagen vom Parterre bis zum Dachgeschoss ist ein früheres Kaufhaus am Oranienplatz. Allein dort prallen die Blickweisen von mehr als 30 Künstlern zusammen. Der Bogen reicht von technischen Anordnungen, etwa einem durch Wasser stetig zertropften Salzblock, dessen Lache ein Bett nässt, bis zu Fotozyklen, Film- und Videoarbeiten. So hält der Türke Nilbar Güres liebevoll und im Großformat Szenen nationalen Lebens fest, bis zur Großmutter mit Kopftuch, die hinterm roten Schrank hervorlugt.

Sein älterer Landsmann Ferhat Özgür fixiert mit der Kamera, wie zwei ältere Frauen daheim unter Gekicher ihre Kleidung tauschen. Danh Vo aus Vietnam stellt in Edelvitrine Rolex, Feuerzeug und Siegelring eines Militärs aus, thematisiert so die amerikanische Besatzung. Den Vorgang der Geburt lässt Anna Witt nachspielen, indem eine Frau unterm Rock einer Liegenden hervorkriecht.

Konkreter und im Ton schärfer sind ein Film mit Interviews afrikanischer Krieger und Avi Mograbis Dokumaterial, das zeigt, wie israelische Posten weder Kindern aus Palästina das Tor öffnen noch den Dreh gestatten wollen, bis ein Telefonat sie dazu zwingt. Flüchtige Alltagsmomente fixiert die Kamera des Algeriers Mohamed Bourouissa, »marxism today« nennt der Brite Phil Collins eine Unterrichtsszenerie.

Bis 8.8., Infos unter www.berlinbiennale.de

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