Sprungmarken: Inhalt, Navigation.
Suchen auf neues-deutschland.de:

Erweiterte Suche

Von Manfred Maurer, Wien 26.06.2010 / Wirtschaft

Kredite für die »Unwürdigen«

Konzept aus der Dritten Welt kommt nun auch nach Osteuropa

Das in der Dritten Welt erfolgreiche Konzept der Mikrokredite soll in Osteuropa den Aufschwung von unten fördern.

»Wir sind derzeit die am schnellsten wachsende Bank Österreichs«, sagt Direktor Peter Püspök, der auf ein Boomjahr 2009 zurückblickt. Das Kreditvolumen der Oikocredit Austria ist um acht Prozent gestiegen, die Zahl der Anleger nahm um 50 Prozent zu. Eigentlich ist Oikocredit keine Bank, sondern eine Non-Profit-Organisation, die als internationale Genossenschaft mit Hauptsitz im niederländischen Amersfoort Klein- und Kleinstkredite an Menschen vergibt, die von normalen Banken nicht als kreditwürdig eingestuft werden. Die österreichische Dependance wird allerdings seit 2007 von Vollblutbanker Püspök geleitet, der bis zu seiner Pensionierung Generaldirektor der Raiffeisenlandesbank Niederösterreich-Wien war.

»Die Idee der Mikrokredite von Mohammed Yunus hat mich seit vielen Jahren fasziniert, weil sie der Logik des normalen Bankings widerspricht und doch bestens funktioniert«, begründet Püspök sein Engagement. Große Renditen kann er nicht bieten. Die Verzinsung der Genossenschaftsanteile ab 200 Euro ist bei zwei Prozent gedeckelt. Das gesammelte Geld wird in Tranchen zu 50 bis 1500 Dollar an Kleinstunternehmer in Asien, Afrika, aber auch immer öfter in Osteuropa vergeben. Die geringe Rendite entspricht der hohen Sicherheit: Hinsichtlich der Rückzahlungsmoral kann Püspök nur bestätigen, was Nobelpreisträger Yunus schon für seine Grameen Foundation beschrieben hat: Die Ausfallsquote der Kredite lag 2009 bei nur zwei Prozent, wovon »richtige« Banker nur träumen können.

Das Mikrokreditwesen ist aber nicht länger eine Domäne von Weltverbesserungsvereinen wie Oikocredit. Der österreichische Bankkonzern Erste Group will sein in Wien erprobtes Konzept der »Zweiten Sparkasse« auf Osteuropa ausweiten: »Banking the unbanked« lautet die Devise von Erste-General Andreas Treichl. Wer nach herkömmlichen Kriterien keinen Anspruch auf Bankdienstleistungen hat, bekommt sie bei der »Zweiten«. Mit einer »Social Business Tour 2010« zieht die Erste durch osteuropäische Hauptstädte, um das Konzept zu propagieren. Schirmherr ist Yunus. Sollte ein osteuropäischer Kleinstunternehmer mit Mikrokredit den Aufstieg zum »Kreditwürdigen« schaffen, wird Treichl nicht böse sein, wenn er die Erste Group in guter Erinnerung behält.

Auch die österreichischen Volksbanken stehen vor dem Einstieg in die Mikrokreditvergabe in Osteuropa. Die Volksbank International (VBI) wird sich am bereits vor Ort tätigen Mikrofinanzier CoopEst beteiligen, einer Tochter der französischen Crédit Cooperatif.

Ab Juni wird auch die EU aktiv. Sozialkommissar Laszlo Andor definierte als Zielgruppe »Menschen, die wegen der Wirtschaftskrise und der derzeitigen Kreditklemme unter normalen Umständen keine Kredite bekommen würden«. Mit 45 000 Kleinstkrediten von insgesamt 500 Millionen Euro will man Unternehmergeist wecken. Das scheint vielversprechend, weil laut EU-Kommission bereits jedes dritte neue Unternehmen in Europa von Arbeitslosen gegründet wird.

In Ungarn wird die Mikrokreditinitiative aber nicht nur positiv gesehen. »Dass diese Art der Kreditvergabe auch im hoch entwickelten Europa von Seiten der Staatengemeinschaft angeschoben werden muss, zeigt, dass bei den Geschäftsbanken kein Umdenken stattgefunden hat«, schreibt etwa die Tageszeitung »Pester Lloyd«.


Lexikon

Hinter dem Konzept der Mikrokredite steckt die Idee, privates Kapital zur Armutsbekämpfung zu nützen. Es hängt eng mit dem genossenschaftlichem Selbsthilfeprinzip zusammen. Mikrokredite kommen vor allem in der Entwicklungshilfe in Ländern des Südens zum Einsatz. Armen Bürgern soll durch ein Kleinstkredit, etwa für die Anschaffung einer Nähmaschine, der Schritt in die Selbstständigkeit finanziert werden. Aus den Zinseinnahmen lassen sich weitere Mikrokredite finanzieren. ND

Hat Ihnen dieser Artikel gefallen?

Kommentare zu diesem Artikel

Kommentar schreiben (Login erforderlich)
Sprungmarken: Seitenanfang, Navigation.

Ihre Meinung zu diesem Artikel

Frisch gebloggt
24.05.2012 | Katja Eichholz, David König und Olaf Präger

Änderungen in der nd-Community

Alle Blogs

Facebook
Twitter
16. - 17. Juni 2012

nd-Pressefest / Fest der Linken

Wir laden ein zu Musik, regen Markttreiben, zu Polittalks, Lesungen, Diskussionen...
Kristina Schröder Bildungsabo

Um Mithilfe wird gebeten

Bundesministerin Kristina Schröder warnt vor dem linksextremen »nd«. Lesen Sie selbst!
Sprungmarken: Seitenanfang, Navigation.
Sprungmarken: Seitenanfang, Navigation.

Werbung:

Werbung:

Sprungmarken: Seitenanfang.