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Jakobovits emigrierte 1938 nach den Novemberpogromen.
Foto: Stefan Otto
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Als die Schulkinder die Klasse betraten, sagten sie nicht »guten Morgen«, sondern ließen Hacken zusammenklacken und riefen »Heil Hitler« – nicht etwa in die Richtung des Lehrers, sondern dem Bild des Diktators an der Wand zugewandt. Salomon Jakobovits’ Kindheitserinnerungen verblassen nicht, das verraten seine Emotionen, mit denen er die Jungen nachmacht und seine schwarzen Lederschuhe aneinander stößt. Die Schule steht noch immer am Fraenkelufer in Kreuzberg. Nach 72 Jahren kehrt er dorthin zurück. »Früher hieß die Straße Kottbusser Ufer«, erzählt Jakobovits, der im kanadischen Toronto lebt.
Er folgte einer Einladung Berlins. Die Hauptstadt bemüht sich um seine Emigranten und veranstaltet seit 1969 für die Vertriebenen ein eigenes Besucherprogramm. Diese versöhnende Geste nahmen bislang 35 000 ehemalige Berliner Bürger an. Mittlerweile sind es Rückkehrer, die wie der 78-jährige Salomon Jakobovits als Kind flohen. Es sind die letzten Zeitzeugen der NS-Diktatur, und auch sie haben ein betagtes Alter erreicht.
»Deshalb werden die Gruppenbesuche vermutlich auslaufen«, sagt Walter Momper (SPD). Es fehle dafür die Nachfrage. Aus zahlreichen Gesprächen mit den Ausgewanderten weiß der Präsident des Abgeordnetenhauses, wie schwer es für sie ist, noch einmal nach Berlin zurückzukehren: »Viele können nicht damit umgehen, dass sie hier rausgeschmissen wurden.«
Auch Salomon Jakobovits nicht. Es war an einem Morgen im Dezember 1938, als der Direktor in den Klassenraum kam und ihn von der Schule verwies: »Er sagte nur drei Worte: ›Jakobovits. Jude. Raus!‹ Ich war gerade sechs Jahre alt.« Wenige Tage später emigrierte er zusammen mit seinen Eltern auf dem Schiff nach England.
Sie folgten seinem älteren Bruder Immanuel nach London. »Er war 15 Jahre alt und studierte bereits. Später war er der oberste Rabbiner des Commonwealth und ein Freund der Königin«, erzählt Salomon Jakobovits mit ruhiger Stimme auf Deutsch mit einem leichten Akzent. In London war Deutsch die Sprache des Feindes, und für Salomon Jakobovits wurde neben dem Jiddischen Englisch zur Muttersprache. Erst später als Erwachsener frischte er sein Deutsch wieder auf. Da lebte er schon in den USA und war selbst Rabbi geworden. Jakobovits kommt aus einer religiösen Familie und hält an den Traditionen fest. Lange Zeit leitete er eine jüdische Schule in Toronto, wo er nun schon länger als vier Jahrzehnte lebt.
Sein Schicksal jedoch bleibt eng mit Berlin verbunden. Salomon Jakobovits hat während seiner Rückkehr auch die Synagoge in der Oranienburger Straße besichtigt. Das Wahrzeichen der Jüdischen Gemeinde kennt er noch von früher, da besuchte er oft den dreischiffigen Sakralbau, von dem nur das Haupthaus mit der Kuppel wieder aufgebaut wurde. Ihn freut es, dass sich in Berlin ein neues jüdisches Leben entwickelt hat. Hier leben heute wieder 25 000 Juden.
Vor dem Holocaust hatte Berlin 170 000 jüdische Einwohner. Viele von ihnen kamen aus Osteuropa. Auch Salomon Jakobovits’ Eltern waren noch nicht lange in der Reichshauptstadt. Sein Vater Julius zog mit der Familie aus Königsberg in den 1920er Jahren nach Berlin und nahm eine Stelle als Rabbi in der Synagoge am Kottbusser Ufer an. Während des Novemberpogroms 1938 versuchten SA-Leute, den neoklassizistischen Sakralbau in Brand zu setzen. Doch Polizei und Feuerwehr behinderten sie daran – aus Sorge um die benachbarte Schule – in die Salomon Jakobovits als Sechsjähriger ging.
Von dem Gotteshaus steht heute nur noch ein Nebengebäude, in dem einst Jugendgottesdienste stattfanden; jetzt beherbergt es eine orthodoxe Gemeinde. Für Salomon Jabovovits, dem Rabbi mit Anzug und Kippa, ist die Rückkehr nach Berlin aufregend. Seine Frau, seine Tochter und eine Nichte begleiten den alten Mann. Ihnen möchte er seine Wurzeln zeigen. Längst hat Salomon Jakobovits Frieden mit dem Land der Täter der Shoah geschlossen.
Aktuelle Ausgabe: 25.05.2012
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