Apropos Schuh. Der Film bedenkt uns mit einem Paar wohlgeformter, knallroter hochhackiger Schuhe (neudeutsch: High Heels) als Nebendarsteller. Die Frau, die sie trug, ist (oder war?, wer weiß?) Schuhdesignerin. Eine erfolgreiche, und überdies glücklich verheiratet mit Peter (Liam Neeson), dem Chef einer Softwarefirma. Man erfährt es in der zweiten Szene: am Laufsteg einer Schuhmodenschau in London mit Ehemann und erwachsener Tochter und nachfolgend bei der üblichen Party mit Bussis und Blabla der Schönen und Reichen.
Davor: Comer See. Wie eine Motorjacht in grandiosen Schwüngen rasend das Wasser durchpflügt, wie die Gischt, die hoch über der Reling sprühend glitzert, in langer Einstellung das Bild bestimmt, da weiß man: Die beiden im Boot genießen ihre Lebenslust. Perfekte Seligkeit in der Zweisamkeit. Es sind ebendiese Frau, die Designerin Lisa (Laura Linney), und ein Mann südländischen Typs (Antonio Banderas). Sein Erscheinungskennzeichen: Eleganz und Leidenschaft in einem.
Damit sind Lisas zwei Lebenspole gegeben. Für Begriffsstutzige wird die Frage der Fragen des Films dankenswerterweise auch direkt ausgesprochen – Lisa zu ihrem Mann in entspannter Situation: »Wünschtest du dir nicht manchmal, Du könntest noch mit jemand anderem schlafen?«, sie meint: Kann man zwei Menschen gleichzeitig lieben? Und die Antwort liegt schon in der Konstellation: Hier ein gutsituierter Gatte, verlässlich, jedoch nüchtern – da ein (wie sich später herausstellt) bettelarmer Luftikus, aber charmant, geistreich und – mit liebevollen Händen.
Wer jetzt gähnend abwinkt, lässt sich einen spannenden Film mit hervorragenden Darstellerleistungen (Banderas sowieso und diesmal ganz besonders, erstaunlicherweise Neeson ebenfalls) entgehen. Denn ist der Plot erst einmal aufgebaut, entwickelt sich wie in einem guten Krimi (und mit dräuender Musik) jede Menge Rätselhaftes, und das Ganze ist kein alter, auch kein aufpolierter, sondern ein ganz neuer Schuh. Ein Such- und Versteckspiel, durchmischt mit einer Art Bodycheck, in dem der Zuschauer nur wenig mehr weiß als der dann Examinierte.
Lisa ist gegangen. Ohne sich umzudrehen, hat sie die Tür hinter sich geschlossen, sie kehrt nicht mehr zurück. Peter ist allein zu Haus. Es ist Nacht im idyllischen Landhaus in Cambridge, aus dem die Tochter (Romola Garai) vor einiger Zeit ausgezogen ist. Sie wird dann immer wieder nach ihm sehen, aber nicht die Spannungen zwischen ihnen beiden besänftigen können. Lisas Handy und ihr Laptop sind noch da. Und das Paar roter Schuhe. Der Zettel, den sie darin hinterlassen hat, führt Peter zu einer Foto-Datei in Lisas Computer – Comer See und anderes in der Art. Er liest E-Mails eines »Ralph« an Lisa (übrigens wird bei der Gelegenheit unverschämt Product-Placement für eine große Computerfirma betrieben). Peter ist erschüttert. Er findet einen Weg, diesen Mann aufzuspüren. Peter will wissen, was für eine Person derjenige da in der Modestadt Mailand ist, für den seine geliebte Frau ein Doppelleben führte, ein Leben, von dem er nichts ahnte, nichts ahnen konnte. Und er entdeckt ihn beim Schachspielen.
Der Andere (siehe Filmtitel), also Ralph (Banderas), weiß geradezu gar nichts. Nicht, wo Lisa ist, der er Botschaften auf Handy und per E-Mail schickt und auf die er keine Antwort erhält. Nicht, wer der Mann ist, mit dem er sich in einem Mailänder Café nahe seiner Wohnung zum allmählich regelmäßigen Schachspielen trifft und den er gar nach einiger Zeit um Geld angeht, damit er für Lisa, die sich dann doch mit einer E-Mail gemeldet hat, ein Festessen ausrichten kann.
Dass Ralph arglos dem reichen Fremden sein Verhältnis zu Lisa (bis in letzte intime Details!) schildert, wozu ihn Peter selbstquälerisch animiert, dass der Ehemann sich aber nicht zu erkennen gibt, obwohl oder weil er anfangs – mit einer Pistole?, wenigstens mit einem Hammer! – den Nebenbuhler umbringen will, das zwirnt den Faden, mit dem der Zuschauer gefesselt wird. Perle für Perle bis fast hin zum Kitsch reihen sich die Kapitel des Psychospiels, allerdings, wie gesagt, in erstaunlicher Reihenfolge. Gegenwartshandlung und Rückblenden sind derart ver-schach-telt, dass der Zuschauer, wenn er am Ende die absichtsvolle Irritierung entdeckt, durchaus ärgerlich werden kann. Durch die auf Mystery getrimmte Erzählstruktur fühlt man sich da ausgetrickst. Warum genau, und vor allem, was mit Lisa geschah, das darf jedoch in diesem Falle tatsächlich nicht verraten werden.
Das Duell »Geschlossenes Visier gegen Offene Brust« wird Peter mehr und mehr von der Enttäuschung darüber, dass sich die scheinbar perfekte Ehe zu einem Dreieck mit für Lisa offenbar ebenso wichtigem Liebhaber verzogen hatte, wegführen. Er wird erkennen, dass der Andere ein Hochstapler ist, aber auch ein lebensfroher, beglückender Träumer und begeisternder Optimist (»Verlierer sind brillant darin, die Dinge schöner zu machen«, sagt Ralph von sich.) Und das hat ihm gefehlt. Lisas Beteuerung aber, dass sie Peter liebt, wird sich bewahrheiten: Verlust wird Gewinn für ihn persönlich.
Wie das Ganze gespielt wird und ohne moralisches Urteil vorgeführt, ist goldschmiedehandwerklich gelungene Fassung für reine Diamanten menschlichen Seelenlebens.
Aktuelle Ausgabe: 25.05.2012
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