Von Tobias Riegel
07.07.2010

Zeremonienmeister

Prince gab einziges Deutschlandkonzert in der Berliner Waldbühne

Popstars auf Comeback-Tournee neigen zur Effekthascherei und zum überflüssigen Superlativ. In der Sorge, die teils Jahrzehnte alten Songs in Kombination mit den mittlerweile verlebten Gesichtern allein würden den Funken nicht mehr zum Überspringen bringen, werden Licht-, Bühnen- und Pyrotechnik sowie Horden durchtrainierter Statisten aufgeboten. Nichts davon jedoch mussten die Besucher des einzigen Deutschlandkonzertes des Pop-, Funk-, Soul-, Jazz- und Rock-Musikers Prince ertragen. Am Montagabend im Open-Air-Amphitheater in der Berliner Waldbühne gab es denn auch nicht viel zu erleben – außer einem herausragenden Musiker, einer zurückhaltenden Band, Welthits, 80er-Nostalgie, knackigen Funk-Nummern, Gänsehaut-Balladen, Charisma und heller Begeisterung der 15 000 Fans in der nicht ausverkauften Location.

Nun ist Prince weder auf Comeback-Tour (eher dauert diese bereits seit Jahren an) noch ist er verlebt. Um so rätselhafter erschien der einzige schwache Moment des Abends, in dem es schien, als würde der 52-jährige Multiinstrumentalist aus Minneapolis/USA an seine Michael-Jackson-Konkurrenz der 80er Jahre anknüpfen wollen. Ja, als probiere er ernsthaft, den verstorbenen Kitsch-Propheten Jackson auf dessen Terrain zu schlagen: Eine politisch korrekt nach Alter, Geschlecht und Hautfarbe gemischte Fan-Traube durfte für einen Song als Dekoration die Bühne entern und betont enthusiastisch die große, durch die Magie der Musik vereinte Weltfamilie spielen. Wenige Schrecksekunden später war dieser Spuk aber schon wieder vorbei, wurden die Auserwählten, die teils nur widerwillig das Feld wieder räumten, energisch der Bühne verwiesen.

Zurück blieben Prince, meist an der Gitarre, eine vierköpfige, höllisch eingespielte Band nebst Backgroundchor und der unverwüstlichen Percussionistin Sheila E. Letztere war schon in den 80er Jahren optisch wie technisch beeindruckender Part der Prince-Familie und bewies, dass sie – trotz fortgeschrittenen Alters – wenig Energie eingebüßt hat. Zum Dank überließ der Mentor ihr diverse Male den Platz im Spotlight.

Obwohl eindeutig Fixstern der Show, übernahm Prince weniger die Rolle des klassischen Popstars, als die des Zeremonienmeisters, vergleichbar etwa mit James Brown oder Frank Zappa. Die brachten weite Teile ihrer Konzerte als »Dirigenten« und Einsatzgeber zu, statt permanent am Mikrofon zu stehen. Oft passierte am Montag denn auch minutenlang kaum etwas. Getrieben von einem strammen Funk-Grundrhythmus spazierte der nur 1,57 Meter große Exzentriker dann über die Bühne, warf hier und da ein Wort ein und genoss die Heiligenverehrung, die ihm aus dem Publikum entgegenströmte. Bis dann eine Handbewegung oder ein Codewort den Wechsel zum nächsten Klassiker aus der Feder des Afroamerikaners auslöste – von der Band jeweils mit schlafwandlerischer Sicherheit umgesetzt. Es war diese Sicherheit, die dem Konzert Leichtigkeit und Offenheit verlieh. Denn trotz eiserner Probedisziplin wirkte hier Weniges durchgeplant oder gar choreografiert.

Dass Prince vor allem seine relativ frühen Hits aus den 80er Jahren spielen würde, war vorauszusehen und wurde sogar im Vorfeld angekündigt. Wohl, um die von seinem letzten Auftritt vor acht Jahren verschreckten Fans zu locken – damals hatte er fast nur neues Material dargeboten. Trotz »Let's go crazy« und »Little red Corvette« fast zu Beginn über ein großartiges »Nothing compares to you« und eine Coverversion von »Le Freak« bis zu »Love bizarre«, »Kiss« und »Purple Rain« blieben aber auch nach zweieinhalb Stunden noch so einige Wünsche offen. Vor allem von seinem musikalischen Meilenstein »Sign of the Times« hätte man sehr gerne noch mehr Titel gehört.

Dramaturgisch nutzte Prince den Kunstgriff, praktisch die letzte Stunde des Konzertes zur Zugabe zu erklären, dauernd von der Bühne zu verschwinden, um sich bei Rückkehr umso lauter feiern zu lassen. Kostümwechsel gab es aber keine – Prince, früher berühmt für extravagante Outfits, bestritt den Abend in einer Art Zen-Pyjama, was die auf die Musik konzentrierte Grundhaltung des Konzertes noch unterstrich. Und er erbrachte den Beweis, dass auch große Gitarristen durchaus einen Abend lang mit einem einzigen Instrument auskommen können, ohne andauernd Ersatz vom Roadie gereicht zu bekommen. Dass Prince diese Gitarre dann auch noch einem Fan schenken wollte, war den Ordnern dann aber doch zu viel des Guten. Das Saiteninstrument, genial behandeltes Hauptrequisit an diesem Abend, wurde wieder auf die Bühne geholt.

Prince mag durch Namenswechsel, rätselhafte Verkaufsstrategien, paranoides Verfechten seines Urheberrechts, religiöse Irrwege und merkwürdige Meinungen zum Internet reihenweise Fragezeichen erzeugt haben. Musikalisch ist er am Montag keine Antwort schuldig geblieben.