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Irmtraud Gutschke 10.07.2010 / Feuilleton
Personalie

Radikal Kunst

Reinhard Jirgl / Der Berliner Autor erhält den Georg-Büchner-Preis 2010

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Publikumstitel – das sind im Verlagsjargon Bücher, die hohe Verkaufszahlen erwarten lassen. Nun dürfte die Zuerkennung des Georg-Büchner-Preises auch Reinhard Jirgl ein größeres Leserinteresse bringen, aber diejenigen, die vornehmlich zu ihrer Unterhaltung lesen, wird er nicht erreichen. Das wollte er noch nie.

Von Anfang an betrieb er seine Kunst auf eine unbeirrbare Weise, das heißt ohne Seitenblick darauf, ob und wem sie genehm sein könnte oder nicht. 1953 in Berlin/ DDR geboren, lernte er Elektromechaniker, bis 1975 studierte er Elektronik an der Humboldt-Universität. Damals begann er zu schreiben. Um Zeit dafür zu haben, ging er als Beleuchtungsingenieur zur Volksbühne. Sechs nicht publizierte Bücher bis 1989. Erst 1990 seine erste Veröffentlichung: »Mutter Vater Roman«. Die anderen Texte erschienen später.

Mit dem Roman »Abschied von den Feinden« (1995) kam der Durchbruch. Schon für dessen Manuskript erhielt er 1993 den Alfred-Döblin-Preis. Und nach weiteren Auszeichnungen und Stipendien, nach Lob und Tadel von Kritikern, die seinen gewagten Sprachbildern nicht immer zu folgen vermochten, wird ihm seitens der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung am 23. Oktober in Darmstadt der renommierteste deutsche Literaturpreis verliehen. »Mit großer erzählerischer Sensibilität und Leidenschaft, geschützt durch den Firnis eines avantgardisitischen Schreibgestus«, erzähle er von den Aufbrüchen und Katastrophen, den Kriegen und Vertreibungen, den Zeiten der Teilung und der schwierigen Vereinigung, befand die Jury.

Zuletzt erschien im Carl Hanser Verlag Jirgls Roman »Die Stille«, in dem er deutscher Geschichte von der Kaiserzeit bis in die Gegenwart nachgeht. Einen Familienroman »mit apokalyptischem Zuschnitt« nannte Wolfgang Engler das Buch im ND. »Der Moloch Geschichte versehrt und verzehrt die Individuen, der Sturm der Geschichte treibt sie vor sich her« und »die Zeichen von Immerkrieg« reichen bis in die Zukunft.

Ein stiller Mensch ist dieser Autor, ein Einzelgänger, wie es oft von ihm heißt. Dabei ist er radikal skeptisch in seiner Weltauffassung und radikal in seinem Kunstanspruch, das Eigene zur Sprache zu bringen.

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24.05.2012 | Katja Eichholz, David König und Olaf Präger

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