Von Hermannus Pfeiffer
10.07.2010

Banken machen Stress

Ein EU-weiter Test soll zeigen: Europas Finanzinstitute sind sicher

Die EU testet derzeit, wie solide Europas Banken sind. Auch in Deutschland unterziehen sich die größten Finanzinstitute dem Stresstest.

Muss Josef Ackermann doch den Gang zum Bankenrettungsfonds SoFFin antreten? Das vermutet jedenfalls die Investmentbank Macquarie. Vor zwei Jahren war Ackermanns Deutsche Bank noch frohgemut bei der Postbank eingestiegen, doch diese soll unter deutschen Finanzinstituten die niedrigste Eigenkapitalquote besitzen und daher Staatshilfe benötigen. Auch bezüglich anderer Geldhäuser blühen wilde Spekulationen. Die Credit Suisse schätzt den Kapitalbedarf europäischer Banken auf 90 Milliarden Euro – den der deutschen Landesbanken allein auf 37 Milliarden.

Mehr Klarheit soll ein Stresstest der EU liefern. Die Fragebögen dazu wurden Mitte dieser Woche verschickt, die Antworten werden nächste Woche zurückerwartet, am 23. Juli sollen die Ergebnisse publik gemacht werden. Rund 100 europäische Banken sollen Auskunft geben, ob sie für eine weitere Krise wie 2007/2008 gewappnet sind. Damals lösten der US-Immobiliencrash und der Zusammenbruch der Investmentbank Lehman Brothers eine internationale Bankenkrise aus. Reichen Eigenkapital und liquide Mittel aus, ist die hausinterne Kontrolle fit genug und gibt es einen Plan B? Auf diese und andere Fragen sollen »systemrelevante« Banken antworten.

Aufraggeber des Stresstests ist der EU-Ausschuss für Bankenaufsicht. In ihm sitzen Vertreter der nationalen Aufsichtsbehörden und Notenbanken. »Die kennen jedoch die Lage aus den Meldungen zur Bankenstatistik, aus Risikomeldungen und Zwei-Monats-Bilanzen«, rätselt der Ökonom Wilhelm Hankel über Sinn und Zweck der Prüfung. Die »Financial Times« meint, der Stresstest sei kein Banken-, sondern ein Regierungstest.

Die Namen der Prüflinge sind übrigens unbekannt. In Deutschland sollen 16 Fragebögen verschickt worden sein, unter anderem an die Deutsche Bank und ihre angehende Tochter Postbank, an die Commerzbank, die staatliche KfW, die genossenschaftliche DZ Bank, die vom Staat gestützte Hypo Real Estate und die Landesbanken. Die Banken stimmten der späteren Veröffentlichung der Stresstest-Ergebnisse zu. Faktisch waren sie dazu gezwungen. Eine Verweigerung hätte den Verdacht genährt, sie würden Risiken verbergen. Doch auch ein schlechtes Testergebnis könnte Kunden kosten oder im Extremfall eine erneute Vertrauenskrise auslösen. Ob tatsächlich alle Ergebnisse veröffentlicht werden, ist daher fraglich.

Nachdem die Bank für Internationalen Zahlungsausgleich kürzlich vor einer neuen Krise warnte, könnte der Stresstest die Wogen glätten. »Soweit die Banken die Tests bestehen, sind sie mehr als Beruhigungspillen«, sagt Friedrich Thießen, Finanzwissenschaftler an der TU Chemnitz. »Sie zeigen dann, dass alles in Ordnung ist.« Wie Hankel warnt jedoch auch Thießen vor einer Überbewertung. Aus »rein methodischen Gründen« gebe es schwarze Löcher, niemand könne alle Abhängigkeiten und Verbindungen von Großbanken mit Billionen-Bilanzen testen.

Auch wenn der harmlose Stresstest Josef Ackermann kaum stressen dürfte, blicken Deutschlands Bankmanager mit Besorgnis in die Zukunft. Die anhaltenden Turbulenzen an den Finanzmärkten und die schwelende Eurokrise lassen die Hoffnungen auf eine nachhaltige Beruhigung schrumpfen.

Lexikon

Für Finanzaufsichtsbehörden sind Stresstests eine Art Frühwarnsystem. Ermittelt werden soll, wie sich die Veränderung bestimmter Parameter wie Zinshöhe, Aktienkurse, Rohstoffpreise u.a. auf Investitions-Portfolios einzelner Banken auswirken würden. Da niemals sicher ist, wie sich diese Parameter tatsächlich verändern, werden verschiedene, als relativ realistisch angenommene Szenarios durchgerechnet. Dies soll zeigen, wie externe Entwicklungen die Bilanzen der einzelnen Geldhäuser beeinflussen würden und ob die Banken Finanzmarktschocks verkraften können. ND